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Look back in Angora

Hendrik über den vielleicht besten der schlechtesten Filme der Kinogeschichte: Ed Woods "Plan 9 from Outer Space"

PAULA: I don't think I've ever seen you in this mood before.
JEFF: I guess it's because I've never been in this mood before.
PAULA: Something about your flight?
JEFF: Yeah.
PAULA: What happened, Jeff?
JEFF: I saw a flying saucer.
PAULA: A saucer? You mean the kind from up there?

In der auf der Kauf-DVD beigefügten Begleitdokumentation wird der wohl zutreffendste Satz zitiert, den man über "Plan 9 From Outer Space" sagen kann:

"Wann und wo auch immer Sie diesen Film sehen - es wird sich sehr schnell anFÜHLEN wie 3 Uhr nachts."

Unter all den künstlich zu Kultfilmen hochstilisierten Versagern der Kinokunst - man denke zum Beispiel an "Galaxina", der selbst als Parodie einfach zu langweilig und inkompetent gemacht ist, oder an "Angriff der Killertomaten" mit seiner 'Der Film ist eh den Bach runter, also was soll's'-Attitüde - ist "Plan 9" einer der wenigen wirklich sehenswerten Filme. Aber warum?

Bankrotterklärung jeglicher Regiekompetenz

Vampira - Standbild aus Google Video Public DomainDiese Antwort zu geben ist gar nicht so einfach bei einem Film, der filmtechnisch und dramaturgisch unbestreitbar eine völlige Bankrotterklärung jeglicher Regiekompetenz ist. Man muss wohl unterscheiden zwischen dem FILM "Plan 9" und dem PHÄNOMEN "Plan 9", das naturgemäß wiederum eng verknüpft ist mit den Phänomen "Ed Wood".

Als FILM war "Plan 9" sicherlich schon zu Zeiten seiner Entstehung 1958 völlig missraten. Als erstes Indiz für seine völlige dramaturgische Orientierungslosigkeit dafür mag gelten, dass die verschiedenen Inhaltsangaben zu diesem Film recht unterschiedlich ausfallen - und das ist durchaus ein Problem des Films, nicht der Autoren, denn auch der Film selbst hat da keine klare Linie.

Soweit ist es halbwegs klar: Aliens landen auf der Erde, weil sie die Menschen als heranwachsende Bedrohung sehen - diese haben immerhin die Atombombe erfunden und sind damit nun kurz vor der Erfindung der "Sonnenbombe" angelangt, welche das Universum zerstören könnte. Vor dieser Gefahr soll das Universum bewahrt werden, zur Not auch, indem man die Menschen vernichtet. Weil die (leider nie erklärten ...) anderen acht Pläne der Außerirdischen, die Menschen auf die drohende Gefahr hinzuweisen oder aber zu unterjochen (das wird auch im Film nicht wirklich deutlich ...), offenbar gescheitert sind, soll nun Plan 9 durchgeführt werden: die Toten der Erde werden mittels Strahlen aufgeweckt, um die Lebenden zu beseitigen ...

... im Ergebnis stolpern unterdurchschnittliche NichtschauspielerInnen durch eine zu einem Drittel dem Science Fiction-, einem Drittel dem Krimi- und einem Drittel dem Horrorgenre entlehnte fragmentarische Handlung. Die von den Außerirdischen initiierte Invasion der Untoten vermag sich dabei unter anderem der Schwerkraft eines praktisch inexistenten Kulissenbudgets (ich erinnere an die zur Legende gewordene "Pilotenkanzel" aus zwei Pappwänden, zwei Stühlen und einem Duschvorhang - und natürlich an die zweitbilligsten UFOs der mir bekannten Kinogeschichte) nicht recht zu entwinden.

Und so spielt sich ein Großteil dessen, was in diesem Streifen als Handlung durchgeht, auf einem nachgebauten Friedhof ab. Im Grunde interessiert auch den unvorgewarnten Betrachter des Films bereits nach kurzer Zeit das Geschehen nur noch peripher, da die Vorfreude auf den nächsten dramaturgischen, dialogischen oder tricktechnischen Lapsus rasch überwiegt. Unter Filmfans sind die Anschlussfehler Woods in "Plan 9" längst zu in saufseliger Runde liebevoll aufgegriffenen Erinnerungen geworden: das dreimal während einer Fahrt die Farbe wechselnde Auto, die völlig unmotiviert wechselnden Tageszeiten.

"Edward Wood jr.: schlechtester Regisseur aller Zeiten!"

Ausserirdischer - Standbild aus Google Video Public DomainNatürlich gibt es den völlig unvorgewarnten Betrachter dieses Films heute fast nicht mehr, da das 1980 entstandene Vermarktungsetikett "Edward Wood jr.: schlechtester Regisseur aller Zeiten!" sich als verkaufsfördernd durchgesetzt hat. Längst haben die Anekdoten über die Entstehung des Films und die Marotten des Regisseurs ("der einzige Film, in dem das Double des Hauptdarstellers keine wie immer geartete Ähnlichkeit mit dem Hauptdarsteller selbst aufweist", "Woods ließ sich nicht davon stören, dass sein Star zwei Tage nach Beginn der Dreharbeiten starb", "Woods, der am liebsten in Angorapullovern oder Frauenkleidern Regie führte", "das gesamte Team ließ sich taufen, damit der Film von der örtlichen Baptistengemeinde finanziert wurde" usw.) den Film selbst überholt.

Und damit ist der FILM fast nur noch als PHÄNOMEN erhältlich. Aus den Geschichten um die einzelnen Akteure - Wood selbst, den todkranken Ex-Star Bela Lugosi, die wespentaillierte Spätfilmansagerin Vampira, das TV-Medium Criswell, den Catcher Tor Johnson und so fort - hat Tim Burton 1994 einen Spielfilm mit Johnny Depp in der Titelrolle gestrickt, der das sehr liebevoll zusammenfasst.

Kurz: Es gibt eigentlich - vom Dialogtext bis hin zur Requisite - keinen einzigen filmischen Aspekt, der an diesem Film funktionieren würde...

... bis auf einen. Und das ist der Punkt, an dem "Plan 9" zahlreiche millionenschwere Hollywoodproduktionen eines Besseren belehrt.

"Plan 9 From Outer Space" ist in meinen Augen deswegen ein so sehenswerter schlechter Film, weil er uns teilhaben läßt an der kindlichen Freude des Erzählens. Es ist ganz tief unten nicht die Botschaft eines Films, die uns im Kino anrührt, nicht ein berühmtes Gesicht, nicht eine tolle Musik oder eine aufgemotzte Effekteschlacht - es ist die schlichte Freude der Teilnahme an einer Geschichte, am Erzähltbekommen. Ed Wood lädt uns mit seiner Naivität ein zurückzugehen in die Zeit, als wir eigentlich schon alt genug zum Selberschmökern waren, aber es liebten, wenn Mami oder Opi uns abends etwas vorlasen. Oder als wir zum erstenmal draußen zelteten und spätnachts am Lagerfeuer einer eine Stehgreifgeschichte erzählte, von fliegenden Untertassen und Untoten und dem gegen alle Kugeln gefeiten Monster, das PLÖTZLICH (dramatischer Schwenk mit der Taschenlampe) vor uns zu Staub zerfiel.

Lust am Erzählen

Untoter - Standbild aus Google Video Public DomainDas ist eine Weisheit, die man im Rausch der großkotzigen Hollywood-Blockbusterformate oft vergessen hat: dass Action nicht gleich Handlung ist, und dass auch die teuersten computergenerierten Effekte und die glamourösesten Inszenierungen nur bedingt darüber hinwegtäuschen können, wenn die in einem Film erzählte Handlung nicht auch als Geschichte zündet - zum Beispiel weil sie völlig totgenudelt ist (mein Privatbeispiel hier: "Titanic"), einfach zu sehr voller Löcher steckt ("Die Herrschaft des Feuers"), ausschließlich aus Stenotypien reinsten Wassers besteht ("Independence Day"), reine Effekteschlachten veranstaltet ("Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen") oder gleich völlig zu recht überhaupt niemanden interessiert ("Showgirls"). Es ist das faszinierend Paradoxe an "Plan 9", dass der Film uns sogar über die völlige Zusammenhanglosigkeit seiner eigenen Handlung hinweg daran wieder zu erinnern vermag: es geht um das ERZÄHLEN.

Sich "Plan 9" heute anzusehen, kann durchaus als vergnügliche Lektion über das Thema dienen, was an so vielen Zig-Millionen-Dollar-Kinoproduktionen (insbesondere missratenen Sequels erfolgreicher Streifen) nicht funktioniert: Sie sind zu offensichtlich als Produkte und zu wenig als kreative Produktionen, zu sehr für Konsumenten und zu wenig für Publikum gemacht (nein, das ist nicht das Gleiche), und ihre Hersteller sind oft weitgehend gleichgültig dem Eigentlichen gegenüber, von der künstlerischen Aussage bis hin zu Unterhaltungswert und Betrachtergenuss (welchletzterer in all seinen Ausprägungen doch eigentlich das beste Verkaufsargument sein sollte).

Die Einstellung, die bei den TV-Privatsendern dazu führt, dass mit den lästigen Serien zwischen den Werbeblöcken oft scheinbar völlig inkompetent verfahren wird (in Wirklichkeit nur nach völlig anderen Prämissen), ist bei zahlreichen neueren "Blockbustern" gleich in die konzeptuelle Ebene gewandert, und das bindet offenbar auch fähigen Filmemachern zuzeiten die Hände. Anders kann ich mir zum Beispiel den zweiten Teil von "Fluch der Karibik" nicht erklären, der für mich lediglich zwei Stunden lang belegt, dass die Macher aus den Augen verloren haben, was an Teil Eins eigentlich so gelungen war. Es gibt nur sehr wenige Menüs, die nicht als enttäuschend empfunden werden, wenn als zweiter Gang einfach der erste Gang noch einmal mit doppelt so starker Würzung serviert wird. Da wechsle ich doch lieber nach dem ersten Gang das Restaurant.

Genuss ist eine Sache der aktiven Phantasie

"Plan 9" dagegen hat außer der reinen unschuldig-überschäumenden Erzählfreude Woods so überdeutlich nichts, aber auch wirklich gar nichts von dem vorzuweisen, was man als Kinogänger für selbstverständlich zu halten gelernt hat, dass man ihn - ganz wie eine Kindheitsfantasie - entweder liebt oder völlig lächerlich findet. Ich persönlich empfinde zwischen den ganzen verwürzten Pseudogourmetplatten sogar dieses Filmäquivalent eines von Kinderphantasie zur vornehmen Teeparty verklärten Plastiktasse mit Orangensaft als nette Abwechslung, weil es mich wieder daran erinnert: Genuss ist eine Sache der aktiven Phantasie.

Abschließend möchte ich meine persönlich geteste Reihenfolge bei der Beschäftigung mit dem Phänomen Ed Wood empfehlen:

ZUERST sehe man den von Tim Burton gedrehten Film ED WOOD mit Johnny Depp in der Titelrolle. Belohnt wird man mit einer kurzweiligen Spielfilmbiographie, die um so mehr fasziniert, als man weiß, dass es Ed Wood und seine Filme und Marotten so wirklich gegeben hat. Das bereitet einen schönen Filmabend und steigert zugleich durch die Episoden am Drehort von Woods Filmen die ungläubige Vorfreude auf den bekanntesten der vier Filme Ed Woods: "Plan 9 From Outer Space". Man will unbedingt erfahren, ob der Film tatsächlich so schlecht ist, wie man vermutet. Tim Burtons ED WOOD-Film endet mit der Premiere von "Plan 9".

DANN genieße man "Plan 9" selbst - lieferbar auf DVD in Englisch mit zuschaltbaren (leider ziemlich verfälschenden) deutschen Untertiteln. Man stellt fest: er ist noch viel schlechter, als man zu hoffen gewagt hatte, und man kann sich darauf verlassen, dass man einen weiteren sehr belustigenden Filmabend hat. Man wird sich angesichts einer komplett sinnfreien Story, der völlig talentlosen Darsteller und der Requisiten aus dem Zukunftsfundus von Rudis Resterampe der absurden Faszination des Filmes nicht entziehen können. Denn was man sieht, ist nicht nur offensichtlich schlechtes Kino, sondern vor allem das Gelingen einer großen kindlichen Vision: in "Plan 9" kann man im Kinoformat die Fantasie eines Kindes bewundern, das selbstvergessen aus Pappe und Lego Raumschiffe und Tentakelmonster aus Gummiringen bastelt.

ZULETZT gönne man sich die schon erwähnte der "Plan 9"-DVD beigefügte Dokumentation, bei welchem Darsteller und Helfer Ed Woods dem Geheimnis seines Jahrzehnte später entstandenen Kultstatus auf den Grund zu kommen versuchen. Ich war begeistert angesichts der vielen Details, die mir im Nachhinein als in Tim Burtons Film authentisch bewusst wurden (dessen Werk sprüht vor historischen Details und Bildzitaten). Trotz gelegentlicher Längen - den Besuch der leeren Gerümpelbude, in der 50 Jahre früher "Plan 9" gedreht worden war, hätte man sich sparen können - ist die Doku sehr sehenswert und spürbar mit Liebe zum Thema gemacht. Die Mitwirkenden sind sichtlich stolz darauf, Ed Wood gekannt haben zu dürfen. Und selbst der Dozent, der seine Liste von einigen Dutzend dramaturgischer Kardinalsfehler in "Plan 9" herunterrattert, tut das mit der Begeisterung eines Liebhabers.

CRISWELL: My friend, you have seen this incident based on sworn testimony. Can you prove that it didn't happen? Perhaps on your way home, you will pass someone in the dark, and you will never know it, for they will be from outer space. Many scientists believe that another world is watching us this moment. We once laughed at the horseless carriage, the aeroplane, the telephone, the electric light, vitamins, radio, and even television! And now some of us laugh at outer space. God help us ... in the future.

THE END.

[P.S.: Der Titel des Artikels ist der gleichnamigen Dokumentation von Ted Newsom von 1994 über "the most eccentric of Hollywood's filmmakers" geschuldet.]

[P.P.S.: Die ALLERbilligsten mir bekannten UFOs müssten die in "Raumpatrouille Orion" gezeigten Schiffe der Frogs sein - auf einer mit bewegtem Sternenhintergrund unterlegten Glasscheibe hin- und hergeschobene Papierschnipsel, wenn ich mir das tricktechnisch korrekt erkläre.]


"Plan 9 from Outer Space"
USA 1959
Buch und Regie: Edward D. Wood jr.
Darsteller: Bela Lugosi, Vampira u.a.


"Plan 9 from Outer Space" wurde empfohlen von Hendrik Schulthe

Druckversion (pdf)

Google-Video des vollständigen Films (Public Domain Video, 79 Min.)

Fast alles über "Plan 9" bei Wikipedia

Loq12 über den "schlechtesten Film aller Zeiten"

Alle Filmfehler bei angelfire

filmtagebuch über Tim Burtons "Ed Wood"


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