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Jorge Luis Borges
Essenz ungeschriebener Romane
Die Erzählungen, Teil 2

Literatur kommt immer von Literatur, und insbesondere bei einem Bücherwurm wie Borges. Seine Erzählungen haben zahlreiche Vorbilder, die er auch immer wieder selbst genannt hat: Kipling, H.G. Wells, Kafka, Melville, Stevenson, u.v.a.; sich anzulehnen an die Großen der Vergangenheit war für ihn selbstverständlich, mit Eklektizismen spielte er ganz offen. Und doch ist sein Werk von seltener, großartiger Originalität. Seine Inspirationen beruhten vordergründig kaum auf Alltagserfahrungen, sondern meist auf dem, was er gelesen hatte, aber, was er las, das war für ihn alltägliche Erfahrung.

Wenn Autobiografisches eine Rolle spielt, dann in verschlüsselter, symbolischer Form. Borges begeisterte sich für metaphysische Spekulationen, für Philosophien und Mythologien, für Geheimlehren und für sämtliche Weltreligionen. Es gibt kaum einen besseren Führer durch das Labyrinth menschlicher Ideen und Imaginationen als ihn. Schon erblindet, wurde er Direktor der Nationalbibliothek Argentiniens und er soll manche Mitarbeiter in den Magazinen beschämt haben, die ihn für hilflos hielten, indem er Buch für Buch in den Regalen berührte und Titel und Verfasser nannte.

Die Auftakterzählung der Sammlung „Fiktionen“ verfügt über alle Elemente, die Borges Texte so faszinierend machen: Estela Canto, eine der Frauen, in die Borges unglücklich verliebt war, schreibt in ihrem Erinnerungsbuch „Borges im Gegenlicht“, Borges habe als Leser immer mehr für die Bravourstücke geschwärmt und nicht für Kontinuität, nicht für den langen Atem der Epik. Und so sind auch seine eigenen Erzählungen sämtlich Bravourstücke, sie drehen sich um geniale Grundeinfälle, sie sind, um mit Hitchcock zu sprechen, „ein Stück Kuchen“, kein „Stück Leben“.

Folgende Idee steht im Zentrum von „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“, der Erzählung, die den Reigen der „Fiktionen“ eröffnet: Eine Geheimgesellschaft erfindet zu Anfang des 17. Jahrhunderts ein Land, später einen ganzen Planeten und verfasst eine fiktive Enzyklopädie dieses illusorischen Planeten. Im 20. Jahrhundert stoßen zwei Freunde auf die Reste jener Enzyklopädie, die in Bruchstücken und Einzelausgaben noch durch Bibliotheken und Antiquariate geistert, nach und nach erkunden sie nun die Welt von Tlön, wo es zum Beispiel eine Sprache ohne Substantive gibt; und schließlich dringt gar jene phantastische, ausgedachte Welt in die reale ein. Wie so oft bei Borges kommt die Erzählung quasi-autobiografisch daher. Der Freund des Ich-Erzählers heißt Bioy Casares – auch im wirklichen Leben der Name von Borges bestem Schriftstellerfreund.

Die Verwendung der Ich-Perspektive ist bei Borges immer ein entscheidendes Stilmittel zur Beglaubigung des phantastischen Geschehens. Außerdem untermauert oft eine Flut von Orts- und Personennamen den scheinbaren Wahrheitsgehalt der Geschichten. Was wir jeweils vor uns haben, ist die Spitze eines schönen, schillernden Eisbergs, das größere Stück überlässt Borges der Imagination des Lesers, von dem er eine hohe Meinung hat. Er begreift den Leser als Mitautor des Werks. „Alle Menschen, die eine Zeile von Shakespeare wiederholen, sind William Shakespeare“ – so lautet eine der für Borges typischen Fußnoten in „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“. Trotz ihrer ungemeinen Komplexität und Dichte sind seine Erzählungen gut lesbar (denn das Vergnügen des Lesers lag ihm sehr am Herzen), und wegen ihrer Komplexität mag man sie wieder und wieder lesen.

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Borges Erzählungen
Annäherung in fünf Teilen

1 Homer moderner Zeiten
2 Literatur von Literatur
3 Bibliothek von Babel
4 Das Unfassbare
5 Menschliche Einbildung

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Links

Wikipedia über Borges
Das Internetaleph: Leben und Werk (engl.)
"Das Jahrhundert von Borges": Alfonso de Toro über Jorge Luis Borges
argentina online
context politik: wissenschaft: kultur über Borges
Estela Canto: Borges im Gegenlicht - Borges' Geliebte über Borges (deutschlandradio)
Die Poetik des Jorge Luis Borges (satt.org)
Die Bibliothek von Babel (leixoletti)
Adelheid Hanke-Schaefer: Jorge Luis Borges zur Einführung


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