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Sie Zypern, solange es noch
nicht fertig ist Reiseeindrücke (unsortiert) Die Zyprioten brüllen offenbar gerne. In der für Nichtversteher einfach nur faszinierend klingenden vielsilbigen Sprache des zypriotischen Griechisch diskutieren die einheimischen Busfahrer begeistert und lauthals über das Gepäck (oder ist es die Fahrtroute?), Ladenbesitzerinnen mit Kundinnen und die Reinigungskräfte des Hotels diesseits der Straße mit den Reinigungskräften des Hotels jenseits der Straße über Man-wird-es-nie-erfahren. Auch und bevorzugt am Steuer unterhalten sich die Zyprioten per Handy mit ihren Lieben, die ja (weil die Insel nun mal nicht so groß ist) kaum je mehr als 100 Kilometer entfernt sein können. Bei der Lautstärkeentfaltung möchte man sie glatt fragen, warum sie eigentlich nicht das Telefon benutzen. Landschaft Auch als die Landschaft verteilt wurde, haben die Zyprioten dreimal "Hier!" gebrüllt. Es gibt nicht so viele Ecken in Europa, wo man in weniger als 40 Kilometern vom sonnenbrandfähigen Sandstrand in verschneites Hochgebirge kommt. Auf Zypern geht das: Im bis zu 2.000 Meter hohen Troódos-Gebirge im Mittelwesten der Insel kann man sich im Schnee nasse Sandalen holen und eine gute Stunde später westlich von Limassol baden gehen. Siedlungsnamen Limassol? Find' ich auf der Karte nicht. Richtig: die Zyprioten haben die Merkwürdigkeiten der Rechtschreibreform konsequenterweise auf die Eigennamen ihrer Siedlungen übertragen, so daß man Lefkosia auch Nicosia und Lemesos auch Limassol buchstabieren kann. Das hängt mit der Mehrsprachigkeit und, glaube ich, mit der Teilokkupation der Insel durch die Türken zusammen, welche die griechischen Zyprioten seit über dreißig Jahren sehr verstimmt (vielleicht daher der Spaß am Brüllen?). Ob die daraus resultierende Umbenennungsdiskussion den Feind verwirren soll, weiß ich nicht; uns hat es jedenfalls bei dem Versuch, uns zu orientieren, ganz schön auf Trab gehalten - sind Oroklini (Autobahnschild) und Voroklini (Karte) jetzt zwei verschiedene Orte oder zwei verschiedene Schreibweisen? Gedächtniskunst Auch die Mnemotechnik wird trainiert: wo mußten wir noch raus? Bei, Moment, hmm, ich hab's: Xylophonragout. Und richtig: bei Xylofagou links von der Autobahn ab. Links, weil in Zypern Linksverkehr herrscht, und ab, weil die Autobahn seit Tagen wegen eines Bauernstreiks mit Traktoren teilweise gesperrt ist. Na gut, schlängeln wir uns eben wieder durch die Baustellen von Larnaka, das immer gleich heißt und dafür jeden Tag anders aussieht. Bauwut Denn was tut der Zypriote, wenn er nicht brüllt? Er baut. Und das kann er wirklich gut: Zypern wirkt an manchen Stellen wie eine einzige Baustelle. Straßen, Hotels, noch mehr Straßen, noch mehr Hotels werden hochgezogen, und ab und zu hat man das Empfinden, bald vor lauter Sandy Beaches, Golden Stars, Sea Views und Mermaids mit vier Sternen das Meer nicht mehr sehen zu können. Wird hier ein Briten-, Deutschen- und Skandinaviergrill ähnlich dem mallorcanischen Vorbild kreiert? Scheint so. Die Preise sind jedenfalls in den Touristenzentren so gepfeffert, daß ich meine Feinde in diese Supermärkte wünsche. Einheimische Köstlichkeiten Aber nur drei bis fünf Meter weiter: ein freundlicher älterer Zypriote, der nicht englisch spricht und Einheimischen Einheimisches verkauft; fast nicht zu sehen zwischen den Leuchtreklamen, aber gerade deswegen eine Augenerholung. Da kaufen wir wesentlich lieber ein, finden statt Heineken-Bier, Billigsonnenbrillen und Pringles ein zypriotisches Emmaladensammelsurium, bei dem es gar nicht schlimm ist, wenn mal nur in Griechisch draufsteht, was drin ist, denn das Ausprobieren gehört auch zum Urlaub: Käse, Wein, Salami - wir hatten Glück, und das meiste erwies sich als unaussprechlich, aber lecker. Mezé Was wir nicht ausprobiert haben, ist das für Zypern typische Mezé, das eine stundenlange Parade von Dutzenden kleiner Schälchen und Tellerchen mit allem nur möglichen drauf darstellt, und für das wir einfach nicht genug vorher geübt hatten. Dafür gab es unterwegs werbefilmreife Orangen und Grapefruits am Wegesrand aufzusammeln (was am Boden liegt, darf man mitnehmen - nicht pflücken!). Eine besondere Vorliebe entwickelten wir außerdem für die Nußnaschereien, die im wesentlichen aus Nüssen, Sesam und Melasse bestehen, und die man abgepackt als Riegel oder frisch in eine Tüte gebröckelt erstehen kann und die eine herrlich krümelnde Wegzehrung darstellen. Ruinen Wo - noch dazu in einem Erdbebengebiet - viel gemauert wird, gibt es auch viele Ruinen. Schon die alten Römer haben auf Zypern gerne und viel gebaut (ob sie dazu gebrüllt haben, ist nicht bekannt), und viele interessante Trümmer gibt es zu besichtigen. Dabei war es ein besonderes Erfolgserlebnis, dem sonst fehlerarmen Baedeker ein paar Irrtümer nachweisen zu können - aber wer soll da auch durchblicken bei der Bauerei; zumal die Zyprioten nicht immer kennzeichnen, was wirklich alte Ruine und was mehr oder weniger geratene Rekonstruktion ist; und hätte ich nicht jemanden aus einer Maurerfamilie dabei gehabt, hätte ich teilweise den Unterschied gar nicht bemerkt. Frau und/oder Herr Baedeker hatten diesen Vorzug wohl nicht. Alles in allem: Es ist einen Flug wert. Ich empfehle, sich eine ‚Basis' im mittleren Süden der Insel zu suchen und sich einen der (recht erschwinglichen) Mietwagen zu nehmen, dann kommt man überall sehr gut hin. Wenn man - wie wir - um die hiesigen Ostern herum fährt (also gegen Ende des zypriotischen Winters), sollte man allerdings auf jedes Wetter gefaßt sein: im Gebirge kann Schnee liegen, während am Strand die Badenden fallen. Zum Wandern & Dingeanschauen ist es dennoch eine gute Zeit, denn ab Mai wird es ziemlich knallig. ‚Hiesige' Ostern bedeutet übrigens: Die Griechen feiern ihre Ostern nach dem eigenen orthodoxen Kalender; wer also das größte der dortigen Feste auf Zypern erleben möchte, erkundige sich noch einmal genau nach dem Termin. Lieblingsorte Meine Lieblingsorte auf der Insel wurden (soweit wir eben gekommen sind): das Cape Gkreko, ein beeindruckender Felsklotz im äußersten Südwesten inklusive der nördlich davon gelegenen Konnos Bay; unweit vom Kap kann man an der Küste faszinierende organische Korallenformationen finden (überhaupt erschien mir als Laien Zypern ein Querschnitt durch alle möglichen geologischen Spielarten zu sein). Ferner empfehle ich, an der Ostküste und nördlich von Agio Georgiou in die berühmte Felsschlucht zu wandern: man teilt sich den Weg mit dem Bergbach, links und rechts geht es senkrecht bergan, und hundert Meter über einem kraxeln die Ziegen gemütlich an Stellen herum, wo ich nicht gewiß wäre, wo eine Teetasse sicher abstellen. Als urbanen Kontrast dazu gibt es in der Altstadt von Nicosia einige sehr nette Eckchen. Wer es etwas sakraler mag, kann Dutzende außen reichlich pittoresker, innen reichlich vergoldeter Klöster abklappern. Was man noch kann & nicht kann Es ist nicht ohne Anstrengung möglich, regelwidriger als viele Zyprioten Auto zu fahren: selbst rote Ampeln scheinen teilweise eher als Diskussionsgrundlage verstanden zu werden. Es kracht mirakulöserweise offenbar recht selten, was mich regelgewohnten Deutschen nach ein paar Takten Stadtautobahnkreisverkehr ein bißchen wunderfürchtig werden ließ. Es ist nur unter Schwierigkeiten machbar, das nördliche, türkisch besetzte Fünftel der Insel zu besuchen (außer man reist gleich über die Türkei ein): es gibt nur einen einzigen, in Nicosia gelegenen Grenzübergang, und da man weder in Nordzypern übernachten noch den Mietwagen mitnehmen darf, dennoch aber um 17.00 Uhr wieder zurück sein muß, lohnt sich das nur bedingt. Es ist kaum wahrscheinlich, bestohlen zu werden, weil es nur geringe Kriminalität auf der Insel gibt; dafür kann man sich von den Rubbelkartenhaien belabern lassen, die einem erst sogenannte Hauptgewinne zuschustern und dann Immobilien aufnerven wollen (ob es das in der Antike auch gab: per Rubbelmarmor?). Es ist möglich, faszinierende Tiere & Pflanzen zu finden (mein erstes Chamäleon!). Es ist praktisch überall machbar, mit Englisch durchzukommen; wer das Zypriotische erlernen möchte, dem empfehle ich einen Aufenthalt von etwa zwei bis drei Generationen (eine Sache der Gene wohl). Zuletzt: Es ist möglich (wenngleich mit etwas schlechtem Gewissen), auch als Tourist Zypern noch an einigen Stellen so vorzufinden, wie es wohl ohne Touristen auch aussähe. Ich drücke den Zyprioten die Daumen, dass es ihnen gelingt, sich ihre Insel so zu gestalten, wie sie sie als Lebensraum möchten und nicht, wie es die aus- & inländische Touristikindustrie gerne hätte (oder es die lieben Arbeitsplätze erzwingen). Überhaupt: wenn ich - und das betrifft alle Reiseziele - manche so schönen Orte verunfremdmenschter vorfinden dürfte unter der logischen Bedingung, dafür nicht so oft reisen zu können, wie man es sich heutzutage angewöhnt hat, nähme ich das gerne in Kauf. Hendrik Schulthe-Mohn im April 2002 |
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