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Schiffbruch in Stockholm

Sechster Teil des Gruppen-Sightnotseeing in Sweden
Ein Reisetagebuch von Hendrik Schulthe

Der nächste Tag gehörte ganz der Erkundung der größten schwedischen Stadt, und um gleich vorneweg klarzumachen, dass die Stadt einiges zu bieten habe, stand unserem Reiseführer für die vormittäglich angesetzte dreistündige Tour eine ortskundige Dame mit dem freundlichen Charme einer Offizierswitwe zur Seite, die uns in geordnetem Haufen und beschleunigten Blickes durch die Stadt lotste – teils im Bus ("Gerade war links die königliche Bibliothek zu sehen!") und teils zu Fuß ("Bitte zusammenbleiben!").

Die Säle, in denen Nobelpreise verliehen, die Schweden regiert und königliche Interviews gegeben werden, waren angemessen bis überschwenglich vergoldet, mehr oder weniger interessant dekoriert und bis auf wenige Details relativ rasch vergessen, weil die Vor-Ort-Eindrücke schon so eng eingerahmt wie die davon anzufertigenden späteren Diabilder aufeinander folgten. In der Tat ist es empfehlenswert, bei solchen Führungen möglichst viel zu fotografieren, damit man später nachsehen kann, wo man eigentlich war. Keine Angst: Sie verpassen nichts, wenn Sie das tun, im Gegenteil.

Sightseeing in Stockholm (Foto: Hendrik Schulthe)
Angemessen prunkvoll oder schon protzig? Egal: ich war hier!

Schiffbruch

Eine weitere Station der Flitzführung durch Stockholm betraf das Wasamuseum, das nicht etwa eine historische Aufarbeitung fennoskandischer Bäckereikultur präsentiert, sondern dessen Zentrum eines der unglückseligsten Gefährte bildet, die je zu Wasser gelassen wurden. Man kann über die Erbauer der Titanic sagen, was man will – wenigstens ist es ihnen seinerzeit gelungen, ein Schiff zu konstruieren, das lange genug über der Wasseroberfläche blieb, um später die Bühne für diverse mehrstündige tragische Rührstreifen abzugeben.

Dieses Glück hatte das prunkvolle Flaggschiff der Flotte Königs Gustav Wasas nicht, denn der machtvolle monarchische Präsenz verkörpernde Segler sank aufgrund völliger Fehlkonstruiertheit bereits wenige hundert Meter nach dem Stapellauf und wurde zu einem lange Zeit gerne vergessenen Symbol für gekenterte größenwahnsinnige Selbstgefälligkeit.

Nach seiner sensationellen Hebung in den 1970ern wurde es zum Kernstück eines zunächst finster wirkenden, aber gut konzipierten Museums, das nicht nur die Rekonstruktion des Schiffes selbst thematisiert, sondern vor allem auch die Geschichte der an seinem Bau Beteiligten – der Handwerker, der Seesoldaten und der Opfer der unrühmlichen Katastrophe. Hier würde sich schön erspüren lassen – wenn man nicht, inkl. Klogang, auf 20 Minuten beschränkt wäre –, wie Historie und Kulturgeschichte, geschriebene und ungeschriebene Vergangenheit ineinandergreifen.

Eine weitere Fahrstation entfernt (denn selbstverständlich durfte das Programm keine längeren Fußwege umfassen, aber es heißt ja auch Fremderfahrung) wurden wir, auf einem von alten malerischen Häusern umgebenen ehemaligen Marktplatz noch einmal um die Führerin herum beordert und auf die uns umgebenden malerischen Häuser hingewiesen, die uns sonst womöglich noch entgangen wären.

Wachwechsel vor dem Stockholmer Schloss (Foto: Hendrik Schulthe)
Wachwechsel vor dem Stockholmer Schloß. Eines Tages werde ich herausfinden, worin der Reiz besteht, Turnhosenträgern mit drolligen Hüten beim Synchronlatschen zuzusehen.

Ein Spaziergang in Stockholm

Und danach, trotz vorheriger Ankündigung doch irgendwie ganz plötzlich nach diesem dreitägigen Angeleintsein: Zeit zur freien Verfügung. Passend dazu setzte der Nieselregen ein. Etwas verdattert standen die Mitglieder der Reisegruppe noch etwas auf dem Platz herum, ehe sie sich paarweise in verschiedene Richtungen verkrümelten. Wir befanden uns in einem der ältesten Teile Stockholms, und wie das bei so berühmten Städten nun mal so ist, ist innenstadtweit das Erdgeschoßniveau längst den vermeintlichen Erfordernissen des internationalen Tourismus übereignet: überteuerte Cafés, Schuhläden, Nippeslädchen, eine Designerboutique, noch eine Designerboutique, zur Abwechslung eine Nippesboutique, dann ein Designercafé.

Stockholm. Mailand, Toronto, Berlin

Ich persönlich habe in den Fußgängerzonen solcher Städte immer das grundsätzliche Problem, sehr rasch die Orientierung zu verlieren: nicht die Orientierung vor Ort, aber die Verortung meiner selbst kommt mir abhanden. Warum gestaltet sich der Mensch die Städte und Stätten seines Reisens immer so ähnlich? Sind es wirklich nur die schlichten Gesetze des Kommerzes, welche die Fußgängerzonen von Stockholm, Mailand, Toronto und Berlin austauschbar werden lassen, oder liegt es daran, daß wir Reisenden im Grunde gar nicht das Fremde betreten, sondern das Eigene woanders wiederfinden wollen, vielleicht um uns einkaufend die Unausweichlichkeit unseres eigenen Alltags zu bestätigen?

Död mans kista (Foto: Hendrik Schulthe)
Fluch der Karibik weltweit: In Stockholm - leicht verspiegelt unter dem Titel "Död mans kista"

Woher käme sonst nicht nur die erleichterte Wahrnehmung, sondern sogar die Erwartung des Vertrauten, die ich an einigen unserer Mitreisenden gewahrte: die mürrische Klage, der Besitzer des schwedischen Cafés spräche unverschämterweise nur schwedisch und englisch, obwohl er doch den Deutschen etwas verkaufen wolle, entbehrte jedweder Selbstironie und jedweden Humors. Mir kam der kopfgeschüttelte, ungerührte Gedanke, wenn der Geist wirklich über die Materie herrscht, hätte bei soviel Unbeweglichkeit der Bus eigentlich gar nicht in der Lage sein dürfen, Kusel zu verlassen.

Mein Leben als Devisenquelle

Und warum überhaupt wird Einkaufen selbstverständlich als eine der erstrebenswertesten Betätigungen des Touristen betrachtet? Nicht, daß nicht ein wenig gepflegter Kommerz daheim mal eine nette Wartestündchenverkürzung darstellen kann, aber im Urlaub ist mir dafür doch die begrenzte vorhandene Zeit zu schade. Natürlich bin ich als Tourist in erster und oft einziger Linie als Devisenquelle willkommen, aber warum muß dies auf der Basis des Erwerbs völlig zweckfremder Souvenirs geschehen?

Wenn ich mich vor Ort mit Dingen versorge, die ich auch dort brauche: o.k.; wenn ich mir dabei ansehe, was es an mir Unbekanntem geben mag, sagen wir (wo wir ja gerade in der Stockholmer Fußgängerzone herumlaufen), zum Beispiel eine Tüte Nipponsuppa, die ich im Supermarkt finde und testweise mitnehme, weil ich nicht die leiseste Vorstellung davon habe, wie Hagebuttensuppe schmecken mag (in der Tetrapak-Variante schmeckt sie übrigens auch nach kräftigem Nachwürzen fürchterlich...): auch o.k.; aber Keramikbecher mit meinem Namen drauf und der Aufschrift "I love Stockholm", die ich dann doch nur aus einem vagen Gefühl des Konsumentenleerlaufs heraus erwerbe, und die ich spätestens zwei Wochen nach Erwerb peinlich berührt in die Geschirrsammlung für den nächsten Polterabend lege.

Das muß ein seltsames Ritual von Sammlern sein, die solche Becher / Anhänger / Briefbeschwerer weltweit erwerben und quasi durch Ansammlung adeln, ähnlich wie diejenigen, die nicht etwa Dome und Parks und Brunnen fotografieren, sondern mit Bilderreihungen à la "Ich vor der Trajansäule" und "Ich im Tivoli" belegen, daß sie ... ja, was? ... etwas erlebt haben? ... sich zu reisen leisten können? ... existieren?

Optische Quitungen für Reiseunkosten

Solche Andenken sind die optischen Quittungen für Reiseunkosten, weil wir längst nicht mehr gewohnt sind, für unseren Einsatz das Privileg einer bestimmten Gegenwärtigkeit als ausreichende Gegenleistung zu empfinden. Wir fühlen uns nur sicher, wenn wir unsere Anwesenheit durch Konsum gerechtfertigt haben, weil das unserer anerzogenen Mentalität entspricht: 'Wenn Sie hier sitzen wollen, müssen Sie auch etwas bestellen.'

Also: im Garten die Kännchen, und in Schweden kleine Stoffelche und rote Holzpferdchen als Schlüsselanhänger, fertig. Es genügt einfach nicht, Erinnerung gewonnen, Erleben exportiert zu haben. Warum nicht? Eben weil es nichts kostet, und in unserer Kosmologie benötigt alles einen bezifferbaren Wert, nicht wahr, meine Teuerste?

Etwas andere Souvenirs

Zurück nach Stockholm, wo mich das gleiche Schicksal ereilte, das mich bei dieser Reise immer heimsuchte: ich entdeckte die für mich spannenden Lädchen und Antiquariate nämlich stets erst auf dem Rückweg zum schon wartenden Bus. Ich habe für mich einen Kompromiß gefunden, indem ich im Urlaub nur Dinge (z.B. Bücher) kaufe, die ich auch daheim gekauft hätte (sofern dort existent), und vermerke mir, wo und wann ich sie gekauft habe.

So vermeide ich peinliche Souveniransammlungen und erweitere dennoch meine Wohnungseinrichtung um die Ebene der (vielleicht geteilten?) Erinnerung: 'Weißt Du noch, das Buch hier haben wir in diesem kleinen schiefen Lädchen in Uppsala gefunden...' Und auch das Foto von einer schönen alten Holztür mit rätselhafterweise daneben an den niedrigen Dachfirst genagelten alten Stöckelschuhen teilt im nachhinein wenig über Vimmerby mit, aber es lockt meine Erinnerung hervor.

Vorübergehend anwesend in Uppsala

Nach einem Abendessen und einer weiteren Hotelübernachtung, die weder auf Fotos noch auf Bechern irgend für die eigene Nachweltlichkeit festzuhalten lohnte, hieß die nächste und auf dieser Reise nördlichste Station Uppsala. Nach zuviel freier Zeit im Stockholmer Nieselregen und zu vielen bereits in den vier Vortagen besichtigter Kirchen verweigerten meine Liebste und ich uns der Besichtigung des dortigen Doms und gewannen so eigentlich nicht vorgesehene freie Zeit für einen Spaziergang in der wieder hervorgekommenen Sonne.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich bereits damit abgefunden, diesen Urlaub im Hinblick auf eine wirkliche Anwesenheit in Schweden abzuschreiben; einige recht grimmige Seiten in meinen Reisenotizen zeugen davon, daß dies kein entspannter Entscheidungsfindungsprozeß war. Aber immerhin hatte ich Zeit, händchenhaltend mit meiner Liebsten durch den Park den Kanal entlang zu schlendern und freundlich über den häßlichen Klotz von Schloß zu spotten, den die anderen mutmaßlich gerade durcheilten (was dann gar nicht stimmte, denn die dortige Führerin war sehr gründlich und nahm immer noch den Dom durch).

Studentenbude in Uppsala (Foto: Hendrik Schulthe)
Studentenbude auf Kanal in Uppsala

Ansonsten wirkte das morgendliche Uppsala so verschlafen wie wohl jede mittelgroße Universitätsstadt in den Semesterferien, und hinterließ bei uns beim Verlassen keinen bleibenden Eindruck. Was auf Gegenseitigkeit beruhen dürfte.

weiter zum siebten Teil: "Tucholsky und Elche"


 

Gruppen- Sightnotseeing in Sweden

Bitte zusammenbleiben!
Großwildsafari in Malmö
Flitzbesuch in Lund
Der Tobleronegarten
Zu Gast bei Frau Lindgren
Schiffbruch in Stockholm
Tucholsky und Elche
Kurz in Kopenhagen