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Auf allgemeinen Wunsch steuerten wir nun ein weiteres klassisches Ziel für eine deutsche Bildungsreise an, nämlich das durch Kurt Tucholsky berühmt gebliebene Schloss Gripsholm. Wegen des nun wieder strahlenden Wetters herrschte Hochbetrieb, aber angenehmerweise verliefen sich die Scharen in dem weiten Parkgelände und der nahegelegenen kleinen Ortschaft Mariefred. Obschon dies sicherlich ein idealer Ort gewesen wäre, um der Kategorie 'Bildungsreise' auch gerecht zu werden, blieb es interessemäßig eher bei der Frage nach Kaffee & Kuchen. Mein Schatz und ich wanderten ein wenig durch den Park und machten uns dann auf die Suche nach Tucholskys Grab, von dem ein Foto als Mitbringsel für eine Freundin gewünscht worden war. Nachdem wir dieses eine Zeitlang vergeblich gesucht und die etwas wirren Hinweise der freundlichen Anwohner ("300 metres and turn left at the big oak" es waren knappe 100 Meter und eine Birke) entschlüsselt hatten, standen wir vor der schlichten steinernen Grabplatte, auf der gerade ein Pärchen ein zerschlissenes Lieblingsbuch fotografierte. Angesichts der nun schon wieder knappen Zeit machten wir schnell ebenfalls das bestellte Bild im Dienste des Literatourismus und eilten dem Bus entgegen.
Elch als Beilage Dieser brachte uns dann zur Entschädigung bald zu einem weiteren Höhepunkt schwedischer Kultur und Landschaft, einem mitten zwischen zwei Autobahnen gelegenen Touristenfreßnapf mit angeschlossenem Elchfreigehege. Weil wir uns weder das eine noch das andere antun wollten, entflohen wir, so gut es eben ging, und gingen im nahegelegenen Wald spazieren, der leider noch deutliche Spuren des Orkanes vor wenigen Jahren trug. Zwischen den herumliegenden Stämmen gefundene frische Waldhimbeeren waren ein wesentlich willkommenerer Imbiß als internationalen Standards entsprechendes Tankstellenfutter mit Aussicht auf zum Fotomotivdienst gepreßte Elche. Hier hatten wir plötzlich viel Zeit zur Verfügung, aber womöglich kamen uns die dortigen anderthalb Stunden einfach nur länger vor als die vierzig Minuten an Schloß Gripsholm; man schaut im Urlaub ja nicht so oft auf die Uhr. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis In den stillen Minuten jenseits des Parkplatzes fiel mir der Spruch auf Tucholskys Grabstein ein - "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Was ist vergänglicher als eine Reise? Und wofür ist unsere Art zu reisen ein Gleichnis? Sicherlich doch für unsere Art, die Welt zu betrachten, Fremdem zu begegnen. Wir sind so sehr damit beschäftigt, uns Dinge anzueignen, daß wir völlig übersehen, was wir damit übertünchen. Es ist eine Sache, das Fremde zu betrachten, es wahrzunehmen, es so, wie es ist, zu erkennen und diese Erfahrung der eigenen Lebenswelt hinzuzufügen. Es ist eine andere Sache, von dem Fremden zu erwarten, daß es sich gleich aus freien Stücken uns anpaßt und keine Gewöhnung erfordert: da mache ich mir schon die Mühe und reise her, und hier hat es die Frechheit, von mir auch noch Auseinandersetzung zu verlangen, statt einfach das zu sein, was ich als Erwartung mitgebracht habe! Haben wir solche Angst davor, uns selbst als die Fremden zu erkennen, die wir fast überall sind, das wir uns nicht nur selbst zu verändern weigern, sondern diese Beständigkeit auch von unserer Umgebung erwarten? Womöglich: denn der nächste, nur kleine Schritt bestünde in der Erkenntnis, daß wir nur eine von unendlich vielen, unendlich unwichtigen Variationen über das große Thema Mensch sind, und dieses wiederum nur eine von so vielen denkbaren Möglichkeiten von Leben. Und warum fällt mir so etwas immer auf Autobahnraststätten ein, Nichtorten, deren einziger Zweck darin besteht, das Weiterreisen aller Besucher anzumoderieren? Vielleicht weil ich die Elche hinten im Gehege bedaure und ihnen mehr Anwesenheitsrecht zugestehe als mir, dem Gehege sowieso und dem ganzen Drumrum. |
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