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Kurz in Kopenhagen

Achter Teil des Gruppen-Sightnotseeing in Sweden
Ein Reisetagebuch von Hendrik Schulthe

Den letzten Abend in Schweden verbrachten wir in Örebro, das inklusive Hotel und Gewerbegebiet eigentlich auch hätte Kalmar sein können, und mehr ist dazu kaum zu sagen. Denn schon am nächsten Morgen ging es weiter über die Öresundbrücke zum letzten Höhepunkt der Rundreise: nach Kopenhagen. Wieder erwartete uns dort eine freundliche Führerin, die uns in dem in Dänemark immer etwas langsameren Eiltempo durch die Stadt lotste.

Vorbei am Tivoli, dem Schloß Amalienborg und anderen klassischen Fotostops bis hin zum wohl kleinsten Städtewahrzeichen der Welt, der kleinen Meerjungfrau, die eigentlich ein Fall für Amnesty International wäre, so oft, wie sie angemalt, ganz oder teilweise gestohlen oder zerstört wird, um dann doch wieder zusammengeflickt, auf ihren Uferfelsen verbannt und von wildfremden Leuten begrapscht und erklettert zu werden. Wenn ich eine Märchenfigur wäre, ich würde mich ganz schön beschweren.

Meerjungfrau (Foto: Hendrik Schulthe)Hier rechts: Die kleine Meerjungfrau zwar ohne Japaner, aber mit mit Tschechen.

Die freundlich selbstironischen Erläuterungen unserer Führerin ("Wir führen immer Kriege und verlieren sie dann...") täuschten nicht darüber hinweg, daß es zu nieseln begann, kaum daß wir für ein knappes Stündchen zum touristischen Freigang abgesetzt wurden. Auch nicht darüber, daß Kopenhagen eine Stadt mit freundlich-gammeligem Flair (und Geruch) ist, in der es sich zwar angeblich sehr gut und entspannt lebt, in der man sicherlich aber eine Weile benötigt, um die wirklich reizvollen Stellen zu entdecken. Und die liegen ganz sicher jenseits der Erreichbarkeit der Teilnehmenden solcher Reisen.

Neun Tage in des Toten Mannes Kiste

Die letzte Etappe – Rückkehr über Rodby und Puttgarden nach Deutschland und Übernachtung in einem Hotel in Norderstedt, dann die Rückfahrt südwärts und die Verteilung der Mitreisenden auf die diversen Startpunkte – muß weder erwähnt noch erinnert werden. Wir nutzten die Gelegenheit, die Akkus unserer mp3-Player zu leeren und unsere jeweiligen Lektüren zu beenden. Mein Körper schaukelte irgendwo zwischen Norderstedt und Kusel in etwa zwei Metern Höhe in einer Blechkiste eine Asphaltlinie entlang, aber wo war ich? Wo hatte ich mich überhaupt in diesen neun Tagen aufgehalten? Ich hatte nicht wirklich das Gefühl, mein Aufenthaltsort sei Schweden gewesen.

Aufgebrochen war ich: in offener Erwartung auf ein Wiedersehen mit einem Land, das ich mochte. Aber war ich irgendwo angekommen? Immer noch fragte es in mir, wann es denn losgehe, und wir waren bereits fast wieder am Ausgangspunkt der Reise. Nun, immerhin hatte ich einige schöne Tage an der Seite meiner Liebsten verbracht, eine glückliche Auswahl von Lektüre genossen, erfolgreich die Hotelküche ignoriert, ein paar Seiten in meiner Schreibkladde gefüllt, ein paar Informationen über ein Land aufgeschnappt, das ich stets nur mit einem Bein betreten durfte, um sogleich wieder umzukehren.

Tägliche Reisen

Abends glücklich auf dem eigenen Sofa angelangt und stürmisch von der Katze umpuschelt, frage ich mich, ob wir nicht allzuoft auch unsere häufigste Reise genau so führen – eingesperrt in Gruppenzwänge und mentale Busse, gekettet an den Programmablauf unserer Gewohnheiten und Erwartungen. Gemeint ist die täglich angetretene Reise in den neuen Tag. Und wenn wir dann abends zu uns selbst zurückkehren – mit welchen inneren Bildern und überflüssigen Souvenirs langen wir daheim an?

Es geht zuletzt nicht darum, stets und überall das Besondere finden zu müssen. Menschen brauchen Gewohnheiten, Alltäglichkeiten. Aber das Gewöhnliche immer wieder mal zu etwas Neuem, Fremdem zu machen, um es dann neu und frisch zu schmecken und anzunehmen – darum geht es.
In diesen neun Tagen habe ich gelernt, wie leicht es offenbar fällt, selbst so etwas potenziell Besonderes wie eine Reise zu einem einzigen langen Tag einzuschrumpfen, an dem nichts passiert, was irgend erinnert zu werden lohnt, weil sich nichts voneinander unterscheidet, weil wir zwar weit weg gefahren sind und Wanderschuhe tragen, aber trotzdem geistig nicht aus den Pantoffeln herausgekommen sind.

Hendrik SchultheIch beschließe, den Umkehrschluß zu versuchen, und in der Tat fallen mir Tage ein, an denen ich wacher und mehr und weiter gereist bin, vielleicht sogar, ohne überhaupt den Fuß aus der Tür zu setzen. Ich beschließe, morgen, gleich nach dem Aufwachen mit meiner Liebsten eine solche Reise zu beginnen. Ich war irgendwohin weg, und jetzt bin ich halt wieder da, aber morgen – morgen, da verreisen wir zusammen.

Hendrik Schulthe


 

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