Nordsee in
der Nebensaison - Urlaub hinterm Deich
Die Vorfreude
war groß. Endlich wieder mal ein Urlaub an der Nordsee, Wellenrauschen,
Strandspaziergänge, herrlich. Aber als wir ankamen, fehlte der
Hauptdarsteller: die Nordsee. Es war Ebbe, absolutes Niedrigwasser
und im Watt heißt das: Die Nordsee ist kilometerweit entfernt.
Gute
sechs Stunden später war dann wieder Hochwasser und das Meer
in seiner ganzen Pracht zu bewundern. Ausgesucht hatten wir uns das
Nordseebad Dorum, genau in der Mitte zwischen Cuxhaven und Bremerhaven.
Eine Ferienwohnung in einem reetgedeckten Haus, wenige hundert Meter
hinterm Deich und das in der Vorsaison. Vorm Deich ein kleiner Hafen
mit Krabbenfischern. Kaum andere Touristen, überall Friesen,
die putzen, polieren, neu anstreichen und alles für den kommenden
Sturm der Feriengäste vorbereiten. Die große Zahl von Ferienhäuschen
lässt ahnen, was sich hier im Sommer tut.
Aufm Deich
Der
ideale Tag an der Nordsee beginnt mit einem standesgemäßen
Frühstück in der Koffiestuv (friesisch für Kaffestube).
Da muss es nicht der zugegebenermassen leckere Ostfriesentee sein,
auch ein Pott Kaffee ist hier standesgemäß. Gestärkt
geht es hinaus auf den Deich. Und der ist immer schön, ob bei
Nebel, Regen, Sonne oder Schnee. Zwischen Deich und Meer liegen die
Salzwiesen. Nicht überall darf man sie betreten, und wenn dann
nur auf den markierten Wegen - besonders während der Brut- und
Aufzuchtzeit vom 1. April bis zum 31. Juli brauchen die Vögel
ihre Ruhe. Neben alten Bekannten wie Enten, Gänsen und Möwen
kann man hier auch Rotschenkel, Wiesenpieper und Austernfischer sehen.
Das Watt

Das
Watt wirkt von den Vögeln abgesehen wie ausgestorben. Aber weit
gefehlt. Ein genauer Blick zeigt Wattschnecken, die sich mit ihren
Raspelzungen über die Algen hermachen. Deutliche Spuren hinterlassen
auch die Wattwürmer, die aus dem Sand die Nährstoffe herausfiltern
und nach dem Essen ein Häufchen Sandspaghetti zurücklassen.
Und natürlich die Muscheln, von denen jede einzelne einen Liter
Wasser in der Stunde filtert! Wer im Watt wandern will, sollte sich
auf jeden Fall einer geführten Gruppe anschließen. Dies
dient nicht nur dem Naturschutz und der Weiterbildung, sondern verhindert
auch, dass man im auflaufenden Wasser nicht mehr rechtzeitig zur Küste
kommt. Das Watt ist gefährlicher als die meisten Binnen-Menschen
denken. In
Dorum gibt es übrigens auch ein Wattmuseum mit anschaulichen
Erklärungen zum Leben im Watt.
Versunkenes
Lebstedt
Ganze
Dörfer sind schon im Watt versunken. Die Gemeinde Lebstedt soll
einer Sage nach reich an Weizen und Raps gewesen sein. Die wohlhabenden
Bauern hatten die Scheunen und die Goldschatullen voll. Statt
wie üblich den Stubenboden mit Sand auszustreuen, sollen sie
in ihrem Überfluß das wertvolle Weizenmehl genommen haben.
Diesen "gottlosen" Frevel sollen die Lebstedter in einer
Sturmflut gebüßt haben - eine Flut, die keine Spuren zurückließ.
Und hätten die Archäologen nicht die Reste einer Straße
gefunden, die geradewegs dort ins Meer führt, wo man das versunkene
Lebstedt vermutet, wüßte man gar nicht, ob es das Dorf
wirklich je gegeben hat.
Wursten?
Wursten!
Land
Wursten nennt sich die Region. Und das hat nichts Lebensmitteln zu
tun. Der Begriff Wursten stammt aus einer Zeit, in der es noch keine
Deiche gab. Um sich vor den Sturmfluten zu schützen, wurden ab
1000 n.Chr. Häuser und später ganze Dörfer auf Wurten
oder Wierden gebaut, etwa vier Meter hohe Aufschüttungen. Kurze
zeit später begann man auch mit dem Deichbau. Der heutige Deich
entstand im frühen 17. Jahrhundert und wurde zuletzt 1984 erhöht.
Die Deiche wurden bis 1600 mühsam mit Schubkarren, Forken und
Böhren (Tragbahren) errichtet. Aber die Arbeit hat sich gelohnt:
Viele tausend Menschenleben konnten in den folgenden Sturmfluten gerettet
werden. Aber ganz sicher sind die Wurster auch heutzutage noch nicht.
Darum gilt noch heute ihr Gebet: