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Wellness - vor allem?

Um es gleich voraus zu schicken: Selbstverständlich kann man sich ein Wellness-Hotel aus dem Internet aussuchen und selbstverständlich kann man damit einen guten Griff tun. Aber eben nicht immer.

In diesem Fall fand sich unter der Homepage von www.wellness-hotel.de eine Adresse in Deutschland (aus verständlichen Gründen möchte ich sie nicht näher beschreiben). Hier wurde "Genuss ohne Reue" versprochen und den suchten wir ja auch. Um es vorweg zu sagen: Es gab wenig in dem Hotel, das mit Wellness zu tun hatte, außer einer Kosmetik-/Massage-Einrichtung, dem eher kleinen Schwimmbad ("Badelandschaft") mit Sauna, sowie einigen Qi Gong- oder Meditationsangeboten. Ansonsten kennt man die Inneneinrichtung aus den sattsam bekannten Familienhotels mit viel Holz, etwas Schmiedeeisen und plüschigen, verstaubten Lampenschirmen.

Vitalkost ...

Doch - auf der Speisekarte wurde jeden Tag unter der Überschrift "Wellness-Vitalkost" ein vegetarisches Menue angeboten, das recht lecker war - nur einmal war die Nudelsauce versalzen.
Auch zum Frühstück wurden Müsli-Zutaten von bestem Schrot und Korn angeboten, Obst, Säfte und verschiedene Brotsorten. Zwar lag da auch Wurst, aber als der Schwarzwälder Schinken durch Abwesenheit glänzte, mussten wir welchen eigens bestellen. Die Bedienung kam dann auch mit etlichen Scheiben und meinte, "Sie können sich zwei Scheiben runternehmen" Denkpause "Oder soviel Sie wollen."

Familienanbindung ...

Herausragendes Merkmal guter Wellness-Hotels ist bekanntlich, dass der Gast von den Hotelbesitzern sozusagen in den Schoß der Familie mit aufgenommen wird. Er erhält die selbe Zuwendung wie die Kinder - oder zumindest der Familienhund und wird auch in die kleinen alltäglichen Sorgen und Problemchen wie die Rückzahlung des Millionenkredits für den neuen Beauty-Flügel mit einbezogen.

Dies gelang in unserem Fall nur sehr marginal, denn die familiäre Einbindung beschränkte sich darauf, dass das Senior-Besitzerpaar zu den Essenszeiten im Restaurant sass und so die Gäste zusammen mit den Vertretern der Hoteliersfamilie speisen durften.

Besonders familiär wird es dann, wenn eine der beiden ausländischen Zimmermädchen, die als Dolmetscherin fungierte, weil sie überhaupt einige Worte Deutsch konnte, uns Gäste fragte "Du wolle Staub sauge?" und wir spontan verneinten, um ungesaugt in unser Zimmer zu können. Bei dieser Gelegenheit konnten wir gleich nachprüfen, ob wir wirklich alles, was in unserem Papierkorb gewesen war, auch wirklich wegwerfen wollten, denn es lag säuberlich auf einem Handtuch im Flur ausgebreitet.

Nassbereich ...

Ein Merkmal wellness-orientierter Betriebe - die Badelandschaft, die nicht etwa so heißt, weil sie riesig groß wäre; nein, der Name lässt sich entweder durch ein unüberschaubares Labyrinth von verwinkelten, aber kleinen Räumen, also mit ihrer Unüberschaubarkeit erklären oder weil (im günstigsten Fall) ein mehr oder weniger talentierter Mensch eine Landschaft an die Wände derselben gemalt hat.

In diesem Nassbereich sollte jeder Wellness-Kundige in die Ecken von Dusche oder Sauna schauen, wo sich gerne Feuchtigkeit sammelt und somit Schimmel bildet. Finden sich hier schwarze Flecken, Punkte, also Sporen, dann deutet dies nicht etwa auf mangelnde Hygiene hin; vielmehr beweist dies zwingend die Naturverbundenheit der Hotelbetreiber, die hier keinerlei schädliche oder giftige Reinigungsmittel einsetzen, um so den Gast in natürlicher Umgebung zu halten. Schließlich atmet er auch im Wald Pilzsporen en masse.

Wo bleibt bei all dem die Wellness, das Wohlfühlen, das Rundumerlebnis mit allen Sinnen? Und wozu braucht der Gast dies alles überhaupt, wenn er auch so Erholung, Essensgenuß, Entspannung erfährt und nicht zuletzt wieder einmal stressfrei über sich und die Welt nachdenken und räsonieren kann? Die Antwort gibt vielleicht eine Äußerung des Senior-Hoteliers zu einem Stammgast: "Ich hätte nicht gedacht, dass die Wellness-Internetseite uns so viel bringt".