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Schlafwandler im Hotel

Ich kann Ihnen sagen, es gibt eine Kombination, vor der sich jeder hüten sollte: Nachts im Schlaf zu wandeln und häufig in den unterschiedlichsten Hotels unterwegs zu sein. Denn diese beiden Eigenschaften oder auch Lebensweisen bergen - zusammen genommen - nicht geringe Gefahren in sich.

Doch zum Anfang. Wieder einmal war ich auf einer meiner vielen Flugreisen in einem dieser fast unüberschaubaren und bei allem Bemühen um Stil recht anonymen Hotels abgestiegen. Nicht wenige Vielreisende mögen es ja, überall auf der Welt in "ihrem" Hotel zu wissen, wo das TV-Gerät steht, wo sich die Dusche in Relation zum Bett befindet und auf welcher Seite des Balkonfensters die Tür zu finden ist. Diese Ortskenntnisse sind mir eigentlich weniger wichtig, sollten aber andererseits - wie sich an diesem Tage zeigte - doch von größtem Interesse für mich sein...

Doch der Reihe nach. Ich hatte wie üblich an der Rezeption eingecheckt, hatte dort einige Worte mit der recht attraktiven Empfangsdame gewechselt und war mit Page, Gepäck und Zimmerschlüssel in mein Zimmer gegangen. Ich beschloss, noch ein leichtes Abendessen zu mir zu nehmen und entschied mich für das Hotelrestaurant, zum einen, weil es mir von einer Kollegin empfohlen worden war, zum anderen, weil es einfach der kürzeste Weg war, denn nach einem langen Flug fühlte ich mich zu größeren Unternehmungen nicht mehr fähig. Zurück im Zimmer verrichtete ich eine schnelle Abendtoilette, zog mich wie immer nackt aus und schlief auch ohne größere Wartezeit fast sofort ein.

Ich erwachte, als hinter mir die Hotelzimmertür mit dumpfem Knall ins Schloss fiel. Ich stand auf dem Flur des Hotels, so, wie zu Bett gegangen war. Nackt! Was tun? Glücklicherweise schien es bereits spät in der Nacht zu sein, kein Mensch war zu sehen oder auch nur zu hören. Ich lauschte und hörte nur gedämpft ein Auto draußen vorüber fahren. Doch erneut stellte sich die drängende Frage: Was tun? Die Tür war unweigerlich versperrt, der Zimmerschlüssel ruhte dahinter auf meinem Nachttisch, irgendwelche Hilfsmittel, wie die berühmte Kreditkarte, die dann doch abbricht, hatte ich verständlicherweise auch nicht am Leibe und mit einem der Regenschirme im Flurschirmständer war mir auch nicht sonderlich gedient.

Ich fasste mir ein Herz und schlich über den Flur zur Treppe (allmählich wurde mir auch etwas kühl) und lauschte nach unten zur Rezeption, die nur ein Stockwerk entfernt war. Nichts zu hören, keine Menschenseele in der Lobby, kein Telefonat, keine Schritte, einfach nichts. Das machte mir Mut. Ich schlich weiter, auf nackten Sohlen die erfreulicherweise teppichbelegten Stufen hinunter. Eine nach der anderen, ganz langsam, ich wollte mich zwar bemerkbar machen, aber nicht zu früh.

Dann - ich war fast unten - musste ich feststellen, dass immer noch die attraktive Empfangsdame am Tresen die Stellung hielt und dass immer noch nicht der kleinste Fetzen Tuch zu finden war, der mir behilflich sein konnte, meine Blöße zu bedecken. Ich nahm also das, was man so hat, nämlich die Hände und flüsterte ein schüchternes "Hallo" in Richtung Rezeptionsweiblichkeit. Sie reagierte erst zögerlich, dann schaute sie in meine Richtung, dann wieder weg, nach unten, dann nochmals und legte die Hände auf den Mund. Ich konnte sie schnell - auch ohne die Hände zu gebrauchen - davon überzeugen, dass ich hier Gast bin und die Zimmernummer 117 habe.

Sie fand zügig den Ersatzschlüssel und begleitete mich nach oben, nicht ohne vorher mir ein Handtuch gereicht zu haben - mit professionell nach vorne gerichtetem Blick. Am anderen Morgen, als ich - wieder normal gewandet - auf dem Weg zum Frühstück ihren übernächtigten, aber schmunzelnden Blick auffing, wurde sie fast ein wenig rot. Die Rosen, die ich ihr dann schickte, waren aber deutlich dunkler.

Seit diesem Tag oder besser: dieser Nacht, verhalte ich mich anders. Jedes Mal, wenn ich in dieses bestimmte Hotel komme, freue ich mich auf den verschmitzen Blick der Rezeptionistin. Und seitdem schlafe ich immer mit einem Pyjama bekleidet. Dieser Pyjama hat zudem eine Brusttasche und in dieser steckt der Schlüssel zum Hotelzimmer.