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Italiener in der Macchina

Ja, wir kennen die Vorurteile: Die Italiener in ihrer Macchina (sprich: Makkina) sind alle kleine Schumis, die jede Sekunde herausholen wollen - sei es innerörtlich, sei es auf der Autostrada, sei es mit einem Mercedes - scusi: Alfa Romeo - sei es mit einem Renault Clio - scusi: Fiat Punto. Sie blinken nicht, schneiden die anderen und rote Ampeln sind weitgehend dekorative Elemente im Straßenbild. Diese realitätsfernen Vorurteile deutscher, aber auch norditalienischer Autofahrer bezüglich ihrer Mezzogiorno-Landsleute müssen nun endgültig ausgeräumt werden. Es ist ganz anders.

Wenn man sein Hirn nicht nur dazu hat, um den cerebralen Hohlraum zu füllen, dann muss man begreifen, dass es völlig hirnlos ist, an einer Ampel zu halten, die - zugegebenermaßen "Rot" zeigt, deren Funktion aber dadurch entkräftet wird, dass weit und breit kein anderer Autofahrer zu sehen ist. Und wenn, dann würde er wissen, dass diese spezielle Ampel nicht gilt. Bei Rot über die Ampel zu fahren setzt somit ein gewisses intellektuelles Niveau voraus.

Natürlich ist es für andere angenehmer, wenn man den Blinker setzt, aber das ist schwierig, wenn der ganze linke Arm hitzebedingt in landesüblicher Weise aus dem geöffneten Fenster hängt. Besonders dann, wenn er gerade benutzt wird, um mit dem Beifahrer zu reden. Dennoch habe ich gesehen, dass auch in solch einer Kommunikationsphase der Blinker eingeschaltet wurde.

Überhaupt, das Gespräch während der Fahrt! Dabei wird etwa nicht gerast - im Gegenteil: Oft kann man italienische Autofahrer beobachten, die mit gemächlichem Tempo fahren, weil sie entweder mit ihrem/ihrer Beifahrer/in reden (wozu bekanntlich meistens beide Hände benötigt werden) oder bei ebenfalls gedrosseltem Tempo mit ihrem Telefonino telefonierten (wozu man auch die Hände benötigt). Von wegen Rasen und Drängeln!

Gegen Abend kommt die Stunde der betagten Signori, Männer um die siebzig in oft verstaubten Autos fast gleichen Baujahrs. Sie fahren vorsichtig und mit hoher Konzentration. Manche kommen von ihrem Stückchen Land und sie wollen jetzt nur noch ihre Lieblingsbar erreichen, um mit Freunden einen Aperitif vor dem Abendessen zu Hause zu nehmen. Niemand würde wagen, sie unfreundlich anzuhupen oder zu drängeln. Finden sie vor ihrer Bar keinen regulären Parkplatz, dann bleiben sie eben in zweiter Reihe stehen - meist neben dem Auto eines Freundes, der sowieso in der selben Bar wartet. Wird es dann eng für den fließenden Verkehr, dann betrachten diese Autofahrer diese Engstelle höchstens als sportliche Herausforderung mit dem Thema: Weißt Du wirklich genau, wie breit dein Auto ist?

Besonders bewundernswert finde ich die rücksichtsvolle, vorsichtige Art, mit der sich der Italiener unübersichtlichen Kreuzungen, Kreiseln oder engen Einmündungen nähert. Langsames Vortasten, bis das eigene Fahrzeug so weit in der Straße ist, dass die anderen warten müssen - kein engstirniges Beharren auf Vorfahrtsrechten.

Selbstverständlich nutzt man seine Vorteile als Ortskundiger und setzt sich vor den Fremden, der an der roten Ampel wartet - diese Poleposition steht den Einheimischen einfach zu! Wenn es dann zu millimeterdichtem Gedrängel kommt, dann war das wieder mal ein jugendlicher Ragazzo, dem muss man dieses Ungestüm halt nachsehen. Selbst das Fahren gegen eine 20 Meter lange Einbahnstrasse, um einen längeren Umweg zu vermeiden, wird von der (korrekt fahrenden) Polizei toleriert und wenn ein Italiener hupend protestiert, dann ruft ihm eine Frau erklärend zu, dieses Gegen-die-Einbahnstrasse-Fahren "é normale!!".

Ecco: Die Verkehrsregeln existieren in Italien zur allgemeinen Orientierung. Während deutsche Autofahrer die Überwachung der Lenktätigkeit weitgehend an ihr Klein- und Stammhirn delegiert haben, ist der italienische "Autista" mit beiden Hirnhälften bei der Sache. Das Fahren wird nicht binär auf "Recht haben" oder "Nicht dürfen" reduziert, es wird auf dem Stiefel zu einem Fließen, das Auto wird durch seine Bewegungen zum nonverbalen Komunikationsmittel; es signalisiert den anderen, was man vorhat. Und vor allem - sie geniessen die fast körperliche Symbiose mit ihrer "Macchina". So fahren die Italiener eben nicht "al gusto" sondern "con gusto".