Kybernetische Kassenschlager
Intelligente Maschinen in der Unterhaltungsindustrie (4/4)
"Terminator"
war 1984 der größte Publikumserfolg an den Kinokassen.
Der Film war der Durchbruch für den Regisseur James Cameron
und für den Cyborg-Darsteller Arnold Schwarzenegger. Im Jahr
2029 übernehmen die Maschinen unter der Führung des Computers
Skynet die Macht auf unserem Planeten. Die letzten Menschen kämpfen
erbittert und ohne Aussicht auf Erfolg um ihr Überleben. Per
Zeitreise kommt ein Cyborg in das Jahr 1984, um die Mutter des Mannes
zu töten, der den Kampf der Menschen gegen die Maschinen anführt.
Der düstere
Actionfilm überraschte mit Spezialeffekten, die im wahrsten
Sinne des Wortes unter die Haut gingen, als der Terminator-Cyborg
T 800 die stählerne Maschinerie unter seiner menschlichen Hülle
repariert. Unter seiner dunklen Brille leuchtet rot kein böses,
sondern ein kaltes Auge. Er kennt keine Gefühle, keine Moral,
nur seine Programmierung. Der große Erfolg des Low-Budget-Films
(5,8 Millionen Dollar Produktionskosten) führte zwangsläufig
zu einer Fortsetzung. Cameron erhielt etwa 100 Millionen Dollar,
um 1991 wieder die Kinos zu füllen. Auch Arnold Schwarzenegger
machte seine Drohung "I`ll be back!" wahr und kehrte als
T 800 wieder zurück. Aber diesmal, um die Menschen gegen den
weiter entwickelten Killercyborg T 1000 zu schützen. Zwei Maschinen
mit gegensätzlicher Programmierung treten gegeneinander an.
In den spektakulären
Effektszenen mit dem Flüssigmetall-Killer T 1000 geht schnell
unter, worum es Cameron in diesem zweiten Teil auch geht: Um die
Verantwortung der Menschen, keine Technik zu entwickeln, deren Auswirkungen
nicht mehr beherrschbar sind. Die Szenen, in denen der Erfinder
der Cyborgs zur Rede gestellt wird, haben sich den meisten Kinobesuchern
nicht eingeprägt. Aber in erster Linie geht es in Hollywood
natürlich um Gewinn. Und der betrug bei "Terminator2 -
Judgement Day" 500 Millionen Dollar. Der dritte Teil - vermarktet
unter dem Akronym "T3" - startete in den Vereinigten Staaten
im Juli 2003 - ebenfalls ein großer Erfolg an den Kinokassen.
Welcome to
the real world
Vielleicht
muss man die Angst vor dem "Terminator" in den 1980er
in Zusammenhang bringen mit dem Kalten Krieg und dem Pessimismus,
dass die atomare Militärtechnik irgendwann außer Kontrolle
geraten würde. Ende der 1990er Jahre war der Kalte Krieg Geschichte.
Die Lebensrealität in der westlichen, informationstechnisierten
Welt wurde und wird unter anderem von Entfremdung geprägt.
Die Regisseure Larry und Andy Wachowski finden dafür in "Matrix"
(1999) das passende Szenario: Unsere Welt ist eine Computersimulation.
Intelligente
Maschinen haben die Menschen besiegt und züchten uns fortan
als Batterien in Milliarden von Nährtanks. In der Wirklichkeit,
die uns die Wachowski-Brüder präsentieren, sind Maschinen
also die Herren der realen und die Schöpfer der virtuellen
Welt. Und ist es nicht der Gipfel in Sachen Technik-Pessimismus,
dass wir nicht nur Maschinen unterlegen sind, sondern auch noch
in einer Illusion unserer eigenen Welt ohne unser Wissen gefangen
gehalten werden? Andererseits wäre das eine plausible Antwort
auf die Absurdität unserer Gegenwart.
Allerdings keine
neue Idee, dass wir nur der Traum sind, den ein anderer träumt.
Schon der Philosoph Pyrrhon (360 bis 270 v.Chr.) spielte mit dem
Gedanken, dass unsere Welt nur eine Illusion sei. Und Descartes
(1596 bis 1650 n.Chr.) klärte uns darüber auf, dass jede
Sinneswahrnehmung angezweifelt werden könne - vielleicht sei
alles nur vorgegaukelt von einem bösen Geist. Daniel F. Galouyes
Roman "Simulacron3" von 1964 nimmt zwei Jahrzehnte
technische Entwicklung vorweg und lässt den Helden entdecken,
dass er nur eine Figur in einer simulierten Welt ist.
Auch der Kanadier
David Cronenberg versetzt 1998 in "eXistenZ" den
Kinozuschauer in ein diabolisches, virtuelles Computerspiel. "Matrix"
ist allerdings der erste Mainstream-Kino-Erfolg, der sich derart
philosophisch gibt. Andreas Urs Sommer behauptet in der der ZEIT
sogar: "Selten wurde in einem philosophischen Essay so viel
geballert wie im Film "Matrix"."
Der enorme kommerzielle
Erfolg des Filmes liegt zugegebenermaßen nicht in erster Linie
im Maschinenfeindbild begründet. Kassenschlager und Kultfilm
wurde "Matrix" durch die rasante, hervorragend choreographierte
Action, atemberaubende Spezialeffekte mit neuer Technologie, ein
sehr stilsicheres Produktionsdesign und ein Ensemble charismatischer
Darsteller. Aber als übermächtige Gegner im Kampf ums
Überleben kommen die unmenschlichen Computer wie gerufen.
Gänsehaut
ist garantiert, wenn das Programm "Agent Smith" die Menschheit
beschuldigt, ein Virus zu sein, der den Planet befallen habe. Keine
Spur von Dankbarkeit gegenüber der Spezies, die künstliche
Intelligenz erfunden hatte. Wie in "Terminator" drohen
uns die Maschinengeister zu besiegen, die wir selbst gerufen haben.
Das alte Motiv: Am Anfang ist der Mensch. Dann erschafft er die
Maschine. Und damit hat er seinen eigenen Untergang ausgelöst.
Epilog
Es ist nicht
sicher, ob sich jemals eine Maschine realisieren lässt, die
tatsächlich selbst denkt, selbst entscheidet, selbst empfindet.
Sicher ist, dass wir solche Maschinen noch oft zur besten Fernsehsendezeit
und auf den großen Kinoleinwänden sehen werden. Der Kulturwissenschaft
sollte das zu denken geben. Im Alltag der Menschen spielt die Unterhaltungsindustrie
eine große Rolle. Vor allem Fernsehen, Kino und DVD dominieren
bei vielen die Freizeitgestaltung. Die Themen und Motive können
Auskunft geben über Hoffnungen und Ängste ihrer Konsumenten.
Über uns.
Ein Beitrag von
Thomas Laufersweiler
(Der
Text erschien in veränderter Form zuerst in der kulturanthropologischen
Zeitschrift "&")