Zur Startseite

SchönerDenkenBLOG
SchönerWissen: Themen
SchönerLeben: Reisen
SchönerLesen: Bücher
SchönerSehen: Kino
SchönerDenker: Wir
SternZeit: Kalender


Die Ruhelosigkeit

Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als ihn Churchill "einen der größten Menschen, die in unserer Zeit leben" nennt und der Journalist Lowell Thomas in Vorträgen weiter das Märchen vom weißen Prinzen von Mekka spinnt, tritt er ab und verschwindet aus der Öffentlichkeit. In einer Erklärung, die er Lionel Curtis gab, erscheint dieser Schritt als Flucht aus der Verantwortung:

"Sie wissen, dass ich zum Teil deswegen eintrat, um mich unverwendbar, oder, besser gesagt, unmöglich in meinem alten Handwerk zu machen. Um das Ausbrennen des freien Willens, der Selbstachtung und Empfindlichkeit, aus einer Natur, die so heftig ist wie die meine, muss wohl etwas weh tun."

Es ist auch die Suche nach Erniedrigung und Schmerz, die für Lawrence Lust bringt.

Mit dem Wiedereintritt in die Armee hat Lawrence sich herauskatapultiert aus der vorgezeichneten Heldenlaufbahn und die Öffentlichkeit zog es vor, das weitere nicht zu sehen, um ihr Bild des Wüstenhelden nicht zu trüben. Lawrence schreib in dieser Zeit sein eigentliches literarisches Werk "The Mint" (Unter dem Prägestock), in dem er von den Realitäten des soldatischen Lebens berichtet. Wäre dieses Buch nach seiner Fertigstellung 1928 (und nicht erst 1955) erschienen, hätte es Lawrence wiederum Ruhm eingebracht - hier als literarischen Erneuerer wie James Joyce oder D. H. Lawrence. Aber er verzichtet auf eine Veröffentlichung, um der Armee keinen Schaden zuzufügen. Zurückgezogen führt er als Soldat ein sicherer und abgeschirmtes Leben, in dem auch seine heimlichen Neigungen ihren Platz haben: Woche für Woche bezahlt er einen "Vollstrecker", der ihn auspeitscht, seinen masochistischen Neigungen befriedigt.

Lawrence verliert viel von seiner Kraft. Eine Fotografie von 1935, kurz nach der Entlassung aus der Armee, zeigt ihn aufgedunsen, die Augen ausgebrannt. Das scheint der Preis des Friedens zu sein, den er an den Wochenenden mit seinen Freunden Georg Bernhard Shaw und Thomas Hardy. Er selbst sagt: "Ich bin grauhaarig und zahnlos, halb blind und zitterig in den Knien."

Der Schriftsteller Henry Williamsson, ein Verehrer des Faschistenführers Oswald Mosley, war auf Lawrence aufmerksam geworden - die Faschisten hätten Verwendung für einen arbeitslosen Helden. Williamsson hatte eine Vision: Vielleicht könnte ein Treffen des Kriegshelden und ehemaligen einfachen Luftwaffensoldaten mit dem böhmischen Gefreiten der Führer geworden war, einen Krieg zwischen England und Deutschland verhindern. Lawrence als Faschist? Robert Graves schreibt dazu:

"Lawrence begann (...) den kleinen Mann zu idealisieren, die Leute also, die in Deutschland und Italien das Rückrat der faschistischen und Nazirevolution bildeten. Er spielte sogar mit dem Gedanken, selbst Diktator zu werden."

Kurz nachdem Lawrence ein Treffen mit Williamsson vereinbart hatte, stirbt Lawrence am 19. Mai 1935 bei einem Motorradunfall. Die Umstände dieses Unfalls konnten nie geklärt werden - ein unbeteiligter Zeuge berichtet von einem schwarzen Wagen, die Polizei leugnet dies. Unklar auch die Umstände, als Feisal 1933 tödlich verunglückt, ebenso 1939, als Feisals Sohn Ghazi bei einem Autounfall stirbt.

Lange Jahre bleibt die Heldenikone des Lawrence von Arabien unangetastet. Es fällt auf, wie leicht sich der Mythos des Lawrence von Arabien in Chatwins Schablone einfügt. Während die historischen Fakten Lawrence nicht als Helden erscheinen lassen, feiern unzählige Veröffentlichungen ein nationales Symbol, einen Mythos, eine Ikone. Die Tragik und die Rätsel des Menschen T. E. Lawrence wurden nicht wahrgenommen. Er nahm voller Müdigkeit und Trauer die Wahrheit über sein Heldentum, die Wahrheit hinter seinen Legenden, die Lösung seiner Rätsel mit ins Grab.

"Tage scheinen einzubrechen, Sonnen zu leuchten, Abende zu folgen und dann schlafe ich. Was ich getan habe, tue, tun werde, ist mir rätselhaft und verwirrt mich. Haben Sie sich jemals wie ein Blatt gefühlt, das im Herbst vom Baum fällt - und sind merklich verwirrt darüber gewesen? So geht es mir."


Ein Beitrag von Thomas Laufersweiler
Beratung: Brent Hentschel
(Der Text erschien in veränderter Form
zuerst in der Zeitschrift "Der Kater")


Quellen:

T. E. Lawrence:
"Die sieben Säulen der Weisheit"
Paul List Verlag, München 1988
(Reprint der deutschen Erstausgabe von 1936)

Desmond Stewart:
"Lawrence von Arabien. Magier und Abenteurer."
classen Verlag, Düsseldorf 1982

Jeremy Wilson
"Lawrence von Arabien"
Ullstein 2004
ISBN: 3-548-60530-3

David Fromkin:
"A Peace to end all Peace. The Fall of the Ottoman Empire and the Creation of the Modern Middle East."
Avon Books, New York 1990

vorherige Seite

Lawrence von Arabien
Bericht in sechs Teilen

1 Das Maß des Helden
2 Die Herkunft
3 Der Ruf
4 Der Kampf
5 Die Belohnung
6 Die Ruhelosigkeit

Druckversion (pdf)
Artikel hören (mp3)


Links im Web

Umfangreiches Special bei ZDF.de
Biographie bei wikipedia
Nicht schön, aber informativ: factfile
Hintergrund bei ex oriente lux
Detailreiche Lebensge- schichte bei buchkritik.at
Las Saddam Hussein Lawrence? Denkspiel von Peter Bexte
Engländer lügen nicht - bei rolfs-reisen.de


Seitenanfang | SchönerWissen | Startseite