Die
Herkunft
Auf welchem
Boden werden Helden gesät? In welchem Dunkel bereiten sie sich
auf das Betreten der hell erleuchteten Bühne vor? Im Fall T.
E. Lawrence erscheint seine Herkunft bürgerlich und ohne Vorzeichen.
Er kam am 16. August 1888 in Tremadoc, Nordwales, zur Welt - seine
Geburt aber war, wie die seiner Brüder, schon mit einem Makel
behaftet: Der Vater, Thomas Chapman, irischer Gutsbesitzer, war
vor seiner Frau in ein Verhältnis mit dem Kindermädchen
Sarah Maden geflohen. Mit ihr hatte er Irland verlassen und unter
dem Namen Lawrence' eine Familie gegründet. Diese katholische
Ehe musste ohne Trauschein bleiben, ein düsteres Familiengeheimnis
und ein Fluch für konventionell denkende, gottesfürchtige
Menschen.
Schon Lawrence
Kindheit ist ein Feld der Legendenbildung: In den posthumen Erinnerungen
"Lawrence by his friends" wird beschrieben, wie er sich
im Alter von gerade zwei Jahren über die Gittertür des
Kinderzimmers hinwegstemmen konnte, später die höchsten
Bäume erkletterte, überhaupt sich bereits als Kind ausgesprochen
edel und heldenhaft aufführte - ein zweite Alexander der Große,
die Schlangen in seiner Wiege erdrosselnd. Man merkt es den Erinnerungen
an, dass sie ein nationales Symbol konservieren und die Autoren
als enge Freunde des Helden darstellen wollen. Nüchtern betrachtet
ist Lawrence ein aufgewecktes, zuweilen störrisches Kind, aufgewachsen
in einem kleinen Haus in der Polstead-Road, unter den Fittichen
religiös-dogmatischer Eltern.
In den Schulferien
unternimmt Lawrence ausgedehnte Fahrradreisen durch England und
Nordfrankreich. In einem Brief an seine Mutter berichtet er, wie
sehr die Einheimischen sein Französisch lobten. Man sieht ihn
deutlich vor sich, einen begabten Jungen, der ständig um mütterliche
Anerkennung ringen muss. Diese Ansprüche an ihn werden bald
seine eigenen, und nichts wird ihm unerträglicher, als lächerlich
gemacht zu werden.
Im Oktober 1907
nimmt er das Studium der Geschichte am Jesus-College in Oxford auf.
Er fällt durch sein vielfältiges Interesse am Altertum,
an Heraldik, Archäologie und Mediävistik auf. Das Gemeinschaftsleben
am College meidet er soweit er kann - statt dessen spaziert er des
Nachts alleine durch die Gärten der Universität. Nach
seinem Tod erinnert sich ein Kommilitone, Lawrence habe 50.000 Bände
der Oxford-Union-Bibliothek gelesen. Eine Äußerung, noch
ganz in der Atmosphäre ehrfürchtiger Heldenverehrung.
Die Schenkungen,
die Lawrence als Hobby-Archäologe dem Ashmoleans-Museum macht,
eröffnen ihm neue, ungeahnte Möglichkeiten. Er lernt den
Kustos des Museum, D. G. Hogarth, und dessen Assistenten Leonard
Woolley kennen. Hogarth leitete Ausgrabungen in der Levante, den
Ländern des östlichen Mittelmeeres und achtete im Auftrag
des englischen Nachrichtendienstes auch auf politische Veränderungen
im Osmanischen Reich. Hogarth ist es, der Lawrence anbietet, zur
Materialsammlung für seine Abschlussarbeit den Mittleren Osten
zu besuchen. Zielstrebig beginnt T. E. Lawrence mit Arabischunterricht
und lernt mit beiden Händen gleich gut zu schießen. Im
Juni 1909 verlässt Lawrence England mit einem Dampfschiff.