Das Maß des Helden
Ein
Beitrag von Thomas Laufersweiler
Den Mensch
dürstet es nach Mythen, nach jenen archetypischen Landschaften,
bevölkert von Feinden und: Helden. Auch in unserer entmythologisierten
Zeit ist uns diese Sehnsucht nicht verlorengegangen. Wir sind weiterhin
auf der Suche nach Figuren, auf die wir uns projizieren können,
um unsere eigene Schwäche zu vergessen, in deren Haut wir schlüpfen
können, um ihre Tapferkeit zu teilen.
Eine solche
Figur ist der englische Offizier Thomas Edward Lawrence, der im
Dezember 1914 seine Tätigkeit für den britischen Geheimdienst
in Kairo aufnimmt. Sein Einsatz für die Befreiung der arabischen
Stämme, seine abenteuerliche Rolle in den Konflikten mit den
Türken, die Eroberung von Aqaba und Damaskus und die Verehrung
seiner arabischen Freunde haben ihm den Ruhm eines "modernen
Helden" eingetragen. Nicht ohne Grund, wie sich zeigen wird,
und auf jeden Fall nicht ohne sein eigenes Zutun.
Bevor wir uns
aber Gedanken machen, ob und inwieweit Lawrence ein Held war, soll
erläutert werden, von welchem Heldenbegriff ausgegangen wird.
Bruce Chatwin bietet uns in seinem Roman "Songlines" eine
Definition, die wir auf Lawrence anwenden werden:
"Jede
Mythologie hat ihre eigene Version vom Helden und seinem Weg der
Prüfungen', in denen ein junger Mann ebenfalls einen
Ruf' erhält. Er reist in ein fernes Land, wo ein Riese
oder ein Ungeheuer die Bevölkerung zu vernichten droht. In
einem übermenschlichen Kampf überwältigt er die Kräfte
der Finsternis beweist seinen Mannesmut und erhält seine Belohnung:
eine Frau, einen Schatz, Land, Ruhm. An alledem erfreut er sich
bis ins fortgeschrittene Alter, wenn abermals dunkle Wolken heraufziehen.
Wieder überkommt ihn die Ruhelosigkeit. Wieder bricht er auf;
entweder wie Beowulf , um im Kampf tödlich verwundet zu werden,
oder, wie der blinde Tereisias Odysseus weissagte, um zu irgendeinem
geheimnisvollen Ziel aufzubrechen und zu verschwinden."
An diesem Maß
soll Thomas Edward Lawrence gemessen werden. Und indem wir seiner
Lebensgeschichte folgen, werden wir einen Mechanismus der Mythenbildung
finden, ohne den kein Heldentum möglich wäre.