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Otl Aicher: Gestalt, Sprache, Wüste
Ihn kennen die
wenigsten, sein Design aber viele: Er prägte das Erscheinungsbild
von Unternehmen wie Braun, Lufthansa oder des ZDF. Er blieb gerne
im Hintergrund und zog sich lieber in die Wüste zurück:
"die
wüste ist keine wildnis im gegensatz zu den leerzonen des nordens.
sie ist rein, groß, unbefleckt. sie hat das hellste licht
und den funkelndsten himmel. sie ist ein ort der moral. sie fördert
die reflexion und sie zeigt das prinzip: minimierung der ansprüche
ist optimierung der freiheit. reduktion ist gewinn. wer alles zurückläßt
und nur mitnimmt, was er am leib hat, kommt als er selber zurück.
(...) in der gesellschaft agiert man immer nach außen, aus
sich heraus. man bewegt sich in einem feld von menschen, institutionen,
regeln und sitten. immer sind andere im spiel, die guten und die
weniger guten, die höheren und niedrigeren. immer ist man gefordert.
einen ort des gleichgewichts und der schwerelosigkeit gibt es nicht.
in der wüste ist man allein. die gedanken kommen zurück.
sie beschäftigen sich mit sich selbst. und selbstbeschäftigung
ist moral."
Aus seinem Buch
"Gehen in der Wüste", Seite 146.
Er hatte sich
ganz bewusst für die Kleinschreibung entschieden. Und das kann
niemand besser erklären als er selbst:
"schon
die typografische auszeichnung der substantive zeigt, welchen stellenwert
sie in unserem sprachsystem haben. sie werden groß geschrieben.
das war nicht immer so. die übung kam im absolutismus auf,
als es darum ging, den könig, den fürsten, die institution
des staates auszuzeichnen, indem man auch das wort gott mit großbuchstaben
schrieb (...) die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen,
vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung
der sprachlichen vernachlässigung. zu lieben war nur ein vorfeld
der ehe, sich freuen nur das flüchtige vorüber gegenüber
dem glück, das der staat seinen untertanen versprach. und in
rom und bangkok zu sei, hat heute mehr zu sagen als reisen, zu schauen
und zu genießen. (...) zu unserer fortbewegung stehen um unser
haus immer mehr gegenstände herum, jetzt auch noch das segelboot,
das klappfahrrad und das geländeauto. nur weil wir nicht mehr
gehen, laufen, wandern, schlendern, spurten, springen oder bummeln
können. es sind objekte, die wir benutzen, geräte. ich
schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht.
man muß wohl wieder beginnen zu gehen."
Ebenfalls aus:
Otl Aicher
"Gehen in der Wüste"
Broschierte Ausgabe, S. Fischer Verlag,
Frankfurt 2005, ISBN: 3100004302
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