Musik
aus dem tschechoslowakischen Untergrund
Zweiter Teil
Der erneute Lizenzentzug
förderte eine große Solidarität innerhalb des tschechischen
Undergrounds zutage. Allmählich wurde aus dem Kreis um die PLASTIC
PEOPLE eine Bewegung Gleichgesinnter (vor allem Jugendlicher), welche
die staatliche Bevormundung ablehnten und auf privater Ebene eine
kulturelle Gegenbewegung hervorriefen, die im Gegensatz zur offiziellen
ersten Kultur' so genannte zweite Kultur'.
Neben den musikalischen
Ausdrucksformen erlangte jetzt auch die Vervielfältigung von
Büchern, Zeitungen und Flugblättern besondere Bedeutung
- da Druckmaschinen bis hin zu einfachen Fotokopiergeräten unter
staatlicher Kontrolle standen, musste per Hand oder Schreibmaschine
kopiert werden; nicht zu vergessen die sog. "Samizdat"-Bücher,
untereinander ausgetauschte Unikate.
Die Auftritte
der PLASTIC PEOPLE bei Privatfesten wurden von den staatlichen Behörden
überwacht; es kam fast regelmäßig zu Kontrollen und
Durchsuchungen auch der Gäste. 1974 trieb die Polizei das Publikum
bei einem Konzert in Ceské Budejovice mit Schlagstöcken
auseinander, um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Mitte März
1976 kam es dann zu den längst überfälligen'
Verhaftungen: 27 Musiker wurden festgenommen, ihre Wohnungen durchsucht,
Fotos, Tonbänder und Schriften wie auch die Ausrüstung der
PLASTIC PEOPLE beschlagnahmt. In der Anklageschrift zur "organisiert
begangenen Ruhestörung" war dann zu lesen:
"Vulgäre
Ausdrücke waren der Kern des ganzen Programms. Die Texte hatten
einen extrem vulgären Inhalt mit anti-sozialistischem und anti-sozialem
Einschlag."
23 Musiker mussten
mangels Beweisen freigelassen werden, doch vier wurden zu Gefängnisstrafen
verurteilt, darunter auch Ivan Jirous (18 Monate) und der PLASTIC
PEOPLE-Saxophonist Vratislav Brabenec (8 Monate).
Die staatlichen
Maßnahmen zielten aber nicht nur auf die Musikgruppe ab. Der
tschechoslowakische Underground sollte eingeschüchtert und zum
Schweigen gebracht werden. Das Gegenteil wurde erreicht: Die sich
entwickelnde Bürgerrechtsbewegung Charta 77 bezog in ihrem Dokument
Nr. 13 Stellung zur musikalischen Unterdrückung, Václav
Havel veranstaltete am 1. Oktober 1977 ein Festival (bei dem selbstverständlich
auch die PLASTIC PEOPLE auftraten) in seinem Landhaus - eingekreist
von Polizeikräften - und das westliche Ausland begann sich für
die Vorfälle zu interessieren.
Amnesty International
adoptierte die vier Verurteilten als politische Gefangene und beteiligte
sich an der Verbreitung von Materialien aus dem tschechischen Untergrund.
Darunter befanden sich auch einige Tonbänder der PLASTIC PEOPLE;
Invisible People' vom Londoner PLASTIC PEOPLE Defense Fund und
von der französischen Wochenzeitung Libération kompilierten
daraus eine LP, die im August 1978 in Frankreich unter dem an den
Beatles-Klassiker angelehnten Titel Egon Bondy's Happy Hearts Club
Banned (LTM 1001, mit Klappcover und ausführlichem Booklet,
als Gruppenname ist auf dem Cover "The Plastic People ... Prague"
angegeben; später erschien das Album in Frankreich auch als CD:
BUDA 82478-2) veröffentlicht wurde.
Die Aufnahmen
stammen aus den Jahren 1973/74 und sind unter primitiven Bedingungen
(einfache Tonbandgeräte, teils selbst gebaute Verstärker)
entstanden. Dabei wirkten Vratislav Brabenec (Saxophon, Klarinette),
Milan Hlavsa (Bass), Josef Janicek (Lead-Gitarre, elektrisches Klavier,
Vibraphon), Jiri Kabe (Viola, Gitarre, Theremin), Jaroslav Voniak
(Schlagzeug) und Ivan Jirous (künstlerischer Leiter) mit.
Die Musik dieser
ersten' LP zeigt eine intensive Rezeption der Mothers of Invention
("Plastic People" war ein die Öffentlichkeit der Vereinigten
Staaten von Amerika aufrüttelnder Song Frank Zappas auf deren
zweiter LP Absolutely Free von 1967), ebenso der Fugs (Tuli
Kupferberg, Ed Sanders) und Captain Beefhearts (Don Van Vliet). Auch
mit den Underground-Bewegungen in Deutschland scheint die Band vertraut
gewesen zu sein, manchmal erinnern sie z. B. an frühe Stücke
von Embryo (besonders der ersten LP Opal, die 1970 auf dem
legendären Label Ohr erschien).
Bei den PLASTIC
PEOPLE gibt es neben den Textpassagen oft ausgedehnte Improvisationsteile,
die vom Free Jazz (der in Osteuropa gerade im Underground große
Beachtung fand) beeinflusst sind. Und natürlich' ging in
die Songs auch sozialistisches Liedgut ein. So entstand ein Album
mit jazzigem Progressiv-Rock, der durch die lautmalerische slawische
Sprache und die vitalistischen Ausdrucksformen eine besondere Note
erhält.
Die Texte von
Egon Bondy bezogen auf prägnante und oft humoristische Weise
Stellung zur damaligen sozialistischen Realität. Trotz aller
Repressalien war der Kreis vom Erfolg der zweiten Kultur' überzeugt
und verkündete im Song "Magické Noci" kämpferisch:
"Wir leben
in Prag, das ist dort, wo die rechte Gesinnung eines Tages erscheinen
wird".
THE PLASTIC
PEOPLE OF THE UNIVERSE
"Egon Bondy's Happy Hearts Club Banned"
(LP Frankreich/LTM 1001, später auch in der Tschechoslowakei in
einer Mehrfach-LP-Box auf dem staatlichen Label Globus; CD: Frankreich/BUDA
82478-2)
THE
PLASTIC PEOPLE wurde empfohlen von Sigmar Berrisch
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