Stephen Frears
The Snapper
Wer Irland mag,
wird "The Snapper" lieben. Der Film nach dem gleichnamigen
Buch des irischen Autors Roddy Doyle ist Komödie, Milieustudie
und ironische Selbstdarstellung auf einmal. Das liegt wohl unter
anderem daran, dass Roddy Doyle selbst aus dem Milieu stammt. Sein
Zuhause war Kilbarrack, ein Arbeiterviertel in Dublin, das als Realvorlage
für den Filmschauplatz "Barrytown" herhält.
Mit außerordentlicher
Beobachtungsgabe und detailliertem Insiderwissen wird die Atmosphäre
von irischem Gemüt und dem rauen Dubliner Stadtteil in allererster
Qualität wiedergegeben. Glaubhaft und ungeschminkt bringen
die Schauspieler die Situation einer Familie zwischen Arbeitsamt,
Pub und Sportplatz rüber, wobei Colm Meany in seiner Vaterrolle
zu Höchstform aufläuft.
Doyle zeigt
in bittersüßer Atmosphäre ein authentisches Irland:
arm, herzlich, hart und humorvoll, aber eben nicht zwischen Cottages
und Milchkannen, sondern im Betoncharme einer Dubliner Kleinbürger-Siedlung.
Ein Leben, das sich von der beschaulichen Kerrygold-Szenerie so
sehr unterscheidet wie Moabit vom Starnberger See.
Wer,
wie, was
Barrytown, ein
Arbeiterviertel in Dublin, ist das Zuhause der Curleys. Haus, Hund
und Garten sind ebenso siedlungskonform wie die Gewohnheiten der
Familienmitglieder: Mutter Kay (Ruth McCabe) im Frittenambiente
des heimischen Herds, Vater Dessie (Colm Meany) zwischen Sportplatz
und örtlichem Pub, die älteste Tochter Sharon (Tina Kellegher)
jobbt im Supermarkt und beteiligt sich an der Erziehung der jüngeren
Geschwister. Ein ganz normales Leben eigentlich.
Doch dann lässt
die 19-jährige Sharon die Bombe hochgehen: Sie ist schwanger,
und will den Erzeuger nicht preisgeben. Bald häufen sich Gerüchte
um den Kindsvater, und plötzlich kommt als Kandidat sogar der
alternde Nachbar und Saufkumpan von Sharons Vater ins Spiel. Der
Skandal bringt eine Lawine aus Intrigen, Familiendramen und Feindschaften
ins Rollen ...
Wieso,
weshalb, warum
Regisseur Stephen
Frears hat Roddy Doyles Romanvorlage gelungen umgesetzt: lustig,
aber ohne Brachialklamauk; ernst, ohne Weinerlichkeit oder erhobenem
Zeigefinger. Der Film ist keine Hollywood-Schnulze, nicht auf Kassenschlager
getrimmt, sondern nüchtern, schnörkellos und ehrlich zwerchfellbelastend.
Meine Rebellion gegen das, was man das Britische nennt, scheint
fast alle meine Handlungen zu bestimmen, sagt der Regisseur selbst
über die Machart des Films, und spricht damit haargenau dem
irischen Geist aus der Seele.
"The Snapper"
brilliert durch hautnahe Inszenierung der Höhen und Tiefen
proletarischen Familiendaseins. Das Leben der Curleys ist dabei
rau und ungekünstelt wie der Umgangston der Beteiligten. Kraftausdrücke,
Fäkaljargon und schlüpfriger Pennälerhumor verleihen
der Erzählung nur noch mehr Glaubhaftigkeit. Unbestrittener
darstellerischer Lichtblick ist Colm Meany - diesmal nicht als futuristischer
Star-Trek-Officer Miles O `Brian, sondern ganz bodenständig
als Vater Dessie. Dank seiner irischen Herkunft entfacht der Schauspieler
durch deftig-hibernischen Sprachgebrauch ein regelrechtes rhetorisches
Feuerwerk. Für die Rolle des unbeholfen-liebevollen Familienvaters
wurde Meany für den Golden Globe nominiert.
Die Geschichte
ist lustig und ernst zugleich und parodiert die Situation der Arbeiterklasse,
ohne dabei herablassend oder aschenputtelhaft kitschig zu sein.
Durch Doyles biographischen Hintergrund bleibt kein negativer, sozialdarwinistischer
Beigeschmack hängen, sondern "The Snapper" ist schlichtweg
eine Art Erfahrungsbericht. Kraftausdrücke, Frittenfett, verschissene
Windeln, stinkende Socken, besoffene Schwangere, intrigante Freundinnen
und ein Familienvater, der sich nach Jahrzehnten Ehelebens erstmals
auf eine Odyssee in den weiblichen Unterleib begibt, zeigen das
Leben eben so, wie es wirklich ist - zumindest in Barrytown. Der
Film ist klischeekonform irisch bis ins Mark: Das obligatorische
Pint kuriert Zipperlein aller Art - Skandale, Ehekrisen, Abstieg
des örtlichen Fußballclubs oder eben ein uneheliches
Kind, gezeugt in unmittelbarer Nachbarschaft.
"The
Snapper"
(D: The Snapper - Hilfe, ein Baby)
BBC Films, IRL 1993
Buch: Roddy Doyle
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Colm Meaney, Tina Kellegher u.a.
"The
Snapper" wurde empfohlen von Susanne Hagen