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Jacques Rivette
Die Unschuld des Kinos zurückerobern
"Vorsicht: Zerbrechlich!" Teil 3

"Vorsicht: Zerbrechlich!" ist ein Film, in dem sich die Gegenwart unendlich auszudehnen scheint. Er ist verliebt in Gesten, Räume, Bewegungen, Töne, Gesichter, Kleider. Mühelos führt er die Genres Komödie, Melodram, Musical und Krimi zusammen, doch deren Konventionen werden nur flüchtig berührt, sie bilden keine dramaturgische Linie aus, die das Gefühl entstehen lassen könnte, tatsächlich einen Krimi oder ein Musical zu sehen.

In einer seiner ersten theoretischen Äußerungen zum Kino schrieb Rivette 1950, also lange vor Beginn seiner Karriere als Regisseur, vom Einfangen eines unwiederbringlichen Augenblicks. Darum geht es ihm. Und er schreibt von einer Filmsprache ohne Gesetz, immer improvisiert, neu geschaffen, immer abenteuerliche Unternehmung. Das ist auch noch der Geist von "Vorsicht Zerbrechlich", doch er ist geformt und gebändigt von den Gesetzen, wird vermittelt in der schwerelosen Sprache, die ein Künstler nach vielen Jahren für sich gefunden hat, der nun selbst über die zwanglose Meisterschaft eines Klassikers verfügt und anstrengungslos, anmutig zu erzählen vermag.

"Wir sind nicht mehr unschuldig", hieß der frühe Aufsatz. Rivette wendet sich darin gegen ein Kino der Rhetorik, gegen formale Konventionen und vielseitig verwendbare Formeln. Er wendet sich gegen eine falsche Virtuosität des Schnitts, gegen eine die Präsenz zersetzende Montage. Rivette will beständig den Raum und die Dauer vermitteln, es geht ihm um die Integrität der einzelnen Szenen. Bei ihm agieren die Menschen vor der Kamera wie auf einer Bühne. Eine Gesprächssituation wird kaum einmal in Schnitt und Gegenschnitt aufgelöst.

Rivettes eigenes Schaffen strebte denn auch nach dem Ziel, die Unschuld des Kinos zurückzuerobern, das Kino als "eine beständige und ruhige und sichere Erschaffung der Welt". Die durch die Reflexion verlorene Grazie soll sich wieder einstellen. "Das ist der Baum der Erkenntnis", sagt Roland einmal zu Louise, als er ihr in seinem Atelier Theaterdekorationen zeigt, die Schlange fehle ihm noch. Es ist gewiss auch ein romantisches Werk, ein Werk jenseits der Zahlen und Kalkulationen, denkbar weit entfernt von den technischen Gewittern der Hollywood-Blockbuster. In Rivettes Filmen rüstet das Kino ab, um zu den Anfängen des Zeigens und Schauens zurückzukehren.


"Vorsicht: Zerbrechlich!" ("Haut bas fragile!")
Frankreich, 1994
Regie: Jacques Rivette
163 Minuten

Weder eine DVD noch ein Video des Films ist meines Wissens im Handel erhältlich; hin und wieder wird er in einem der dritten Fernsehprogramme oder in einem Programmkino gezeigt.


"Vorsicht: Zerbrechlich! " wurde empfohlen von Götz Kohlmann

"Vorsicht: Zerbrechlich!"
Rivettes Kino - ein Bericht in drei Teilen

1 Das Leben einfangen
2 Urbane Pastorale
3 Unendliche Gegenwart

Druckversion (pdf)

Links

Kundige Biographie bei prisma online
3sat über den poetischen Rebell der "Nouvelle Vague"
Ekkehard Knörer (jump-cut) über Rivettes "Celine und Julie fahren Boot"

Filmkritik bei equinoxe
Filmografie bei T&C Film
Biographie bei jump-cut
Rivette - kurz und bündig bei cinestar


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