Unter all den
künstlich zu Kultfilmen hochstilisierten Versagern der Kinokunst
- man denke zum Beispiel an "Galaxina", der selbst als
Parodie einfach zu langweilig und inkompetent gemacht ist, oder
an "Angriff der Killertomaten" mit seiner 'Der Film ist
eh den Bach runter, also was soll's'-Attitüde - ist "Plan
9" einer der wenigen wirklich sehenswerten Filme. Aber warum?
Bankrotterklärung
jeglicher Regiekompetenz
Diese
Antwort zu geben ist gar nicht so einfach bei einem Film, der filmtechnisch
und dramaturgisch unbestreitbar eine völlige Bankrotterklärung
jeglicher Regiekompetenz ist. Man muss wohl unterscheiden zwischen
dem FILM "Plan 9" und dem PHÄNOMEN "Plan 9",
das naturgemäß wiederum eng verknüpft ist mit den
Phänomen "Ed Wood".
Als FILM war
"Plan 9" sicherlich schon zu Zeiten seiner Entstehung
1958 völlig missraten. Als erstes Indiz für seine völlige
dramaturgische Orientierungslosigkeit dafür mag gelten, dass
die verschiedenen Inhaltsangaben zu diesem Film recht unterschiedlich
ausfallen - und das ist durchaus ein Problem des Films, nicht der
Autoren, denn auch der Film selbst hat da keine klare Linie.
Soweit ist es
halbwegs klar: Aliens landen auf der Erde, weil sie die Menschen
als heranwachsende Bedrohung sehen - diese haben immerhin die Atombombe
erfunden und sind damit nun kurz vor der Erfindung der "Sonnenbombe"
angelangt, welche das Universum zerstören könnte. Vor
dieser Gefahr soll das Universum bewahrt werden, zur Not auch, indem
man die Menschen vernichtet. Weil die (leider nie erklärten
...) anderen acht Pläne der Außerirdischen, die Menschen
auf die drohende Gefahr hinzuweisen oder aber zu unterjochen (das
wird auch im Film nicht wirklich deutlich ...), offenbar gescheitert
sind, soll nun Plan 9 durchgeführt werden: die Toten der Erde
werden mittels Strahlen aufgeweckt, um die Lebenden zu beseitigen
...
... im Ergebnis
stolpern unterdurchschnittliche NichtschauspielerInnen durch eine
zu einem Drittel dem Science Fiction-, einem Drittel dem Krimi-
und einem Drittel dem Horrorgenre entlehnte fragmentarische Handlung.
Die von den Außerirdischen initiierte Invasion der Untoten
vermag sich dabei unter anderem der Schwerkraft eines praktisch
inexistenten Kulissenbudgets (ich erinnere an die zur Legende gewordene
"Pilotenkanzel" aus zwei Pappwänden, zwei Stühlen
und einem Duschvorhang - und natürlich an die zweitbilligsten
UFOs der mir bekannten Kinogeschichte) nicht recht zu entwinden.
Und so spielt
sich ein Großteil dessen, was in diesem Streifen als Handlung
durchgeht, auf einem nachgebauten Friedhof ab. Im Grunde interessiert
auch den unvorgewarnten Betrachter des Films bereits nach kurzer
Zeit das Geschehen nur noch peripher, da die Vorfreude auf den nächsten
dramaturgischen, dialogischen oder tricktechnischen Lapsus rasch
überwiegt. Unter Filmfans sind die Anschlussfehler Woods in
"Plan 9" längst zu in saufseliger Runde liebevoll
aufgegriffenen Erinnerungen geworden: das dreimal während einer
Fahrt die Farbe wechselnde Auto, die völlig unmotiviert wechselnden
Tageszeiten.
"Edward
Wood jr.: schlechtester Regisseur aller Zeiten!"
Natürlich
gibt es den völlig unvorgewarnten Betrachter dieses Films heute
fast nicht mehr, da das 1980 entstandene Vermarktungsetikett "Edward
Wood jr.: schlechtester Regisseur aller Zeiten!" sich als verkaufsfördernd
durchgesetzt hat. Längst haben die Anekdoten über die
Entstehung des Films und die Marotten des Regisseurs ("der
einzige Film, in dem das Double des Hauptdarstellers keine wie immer
geartete Ähnlichkeit mit dem Hauptdarsteller selbst aufweist",
"Woods ließ sich nicht davon stören, dass sein Star
zwei Tage nach Beginn der Dreharbeiten starb", "Woods,
der am liebsten in Angorapullovern oder Frauenkleidern Regie führte",
"das gesamte Team ließ sich taufen, damit der Film von
der örtlichen Baptistengemeinde finanziert wurde" usw.)
den Film selbst überholt.
Und damit ist
der FILM fast nur noch als PHÄNOMEN erhältlich. Aus den
Geschichten um die einzelnen Akteure - Wood selbst, den todkranken
Ex-Star Bela Lugosi, die wespentaillierte Spätfilmansagerin
Vampira, das TV-Medium Criswell, den Catcher Tor Johnson und so
fort - hat Tim Burton 1994 einen Spielfilm mit Johnny Depp in der
Titelrolle gestrickt, der das sehr liebevoll zusammenfasst.
Kurz: Es gibt
eigentlich - vom Dialogtext bis hin zur Requisite - keinen einzigen
filmischen Aspekt, der an diesem Film funktionieren würde...
... bis auf
einen. Und das ist der Punkt, an dem "Plan 9" zahlreiche
millionenschwere Hollywoodproduktionen eines Besseren belehrt.
"Plan 9
From Outer Space" ist in meinen Augen deswegen ein so sehenswerter
schlechter Film, weil er uns teilhaben läßt an der kindlichen
Freude des Erzählens. Es ist ganz tief unten nicht die Botschaft
eines Films, die uns im Kino anrührt, nicht ein berühmtes
Gesicht, nicht eine tolle Musik oder eine aufgemotzte Effekteschlacht
- es ist die schlichte Freude der Teilnahme an einer Geschichte,
am Erzähltbekommen. Ed Wood lädt uns mit seiner Naivität
ein zurückzugehen in die Zeit, als wir eigentlich schon alt
genug zum Selberschmökern waren, aber es liebten, wenn Mami
oder Opi uns abends etwas vorlasen. Oder als wir zum erstenmal draußen
zelteten und spätnachts am Lagerfeuer einer eine Stehgreifgeschichte
erzählte, von fliegenden Untertassen und Untoten und dem gegen
alle Kugeln gefeiten Monster, das PLÖTZLICH (dramatischer Schwenk
mit der Taschenlampe) vor uns zu Staub zerfiel.
Lust am Erzählen
Das
ist eine Weisheit, die man im Rausch der großkotzigen Hollywood-Blockbusterformate
oft vergessen hat: dass Action nicht gleich Handlung ist, und dass
auch die teuersten computergenerierten Effekte und die glamourösesten
Inszenierungen nur bedingt darüber hinwegtäuschen können,
wenn die in einem Film erzählte Handlung nicht auch als Geschichte
zündet - zum Beispiel weil sie völlig totgenudelt ist
(mein Privatbeispiel hier: "Titanic"), einfach zu sehr
voller Löcher steckt ("Die Herrschaft des Feuers"),
ausschließlich aus Stenotypien reinsten Wassers besteht ("Independence
Day"), reine Effekteschlachten veranstaltet ("Die Liga
der außergewöhnlichen Gentlemen") oder gleich völlig
zu recht überhaupt niemanden interessiert ("Showgirls").
Es ist das faszinierend Paradoxe an "Plan 9", dass der
Film uns sogar über die völlige Zusammenhanglosigkeit
seiner eigenen Handlung hinweg daran wieder zu erinnern vermag:
es geht um das ERZÄHLEN.
Sich "Plan
9" heute anzusehen, kann durchaus als vergnügliche Lektion
über das Thema dienen, was an so vielen Zig-Millionen-Dollar-Kinoproduktionen
(insbesondere missratenen Sequels erfolgreicher Streifen) nicht
funktioniert: Sie sind zu offensichtlich als Produkte und zu wenig
als kreative Produktionen, zu sehr für Konsumenten und zu wenig
für Publikum gemacht (nein, das ist nicht das Gleiche), und
ihre Hersteller sind oft weitgehend gleichgültig dem Eigentlichen
gegenüber, von der künstlerischen Aussage bis hin zu Unterhaltungswert
und Betrachtergenuss (welchletzterer in all seinen Ausprägungen
doch eigentlich das beste Verkaufsargument sein sollte).
Die Einstellung,
die bei den TV-Privatsendern dazu führt, dass mit den lästigen
Serien zwischen den Werbeblöcken oft scheinbar völlig
inkompetent verfahren wird (in Wirklichkeit nur nach völlig
anderen Prämissen), ist bei zahlreichen neueren "Blockbustern"
gleich in die konzeptuelle Ebene gewandert, und das bindet offenbar
auch fähigen Filmemachern zuzeiten die Hände. Anders kann
ich mir zum Beispiel den zweiten Teil von "Fluch der Karibik"
nicht erklären, der für mich lediglich zwei Stunden lang
belegt, dass die Macher aus den Augen verloren haben, was an Teil
Eins eigentlich so gelungen war. Es gibt nur sehr wenige Menüs,
die nicht als enttäuschend empfunden werden, wenn als zweiter
Gang einfach der erste Gang noch einmal mit doppelt so starker Würzung
serviert wird. Da wechsle ich doch lieber nach dem ersten Gang das
Restaurant.
Genuss ist
eine Sache der aktiven Phantasie
"Plan 9"
dagegen hat außer der reinen unschuldig-überschäumenden
Erzählfreude Woods so überdeutlich nichts, aber auch wirklich
gar nichts von dem vorzuweisen, was man als Kinogänger für
selbstverständlich zu halten gelernt hat, dass man ihn - ganz
wie eine Kindheitsfantasie - entweder liebt oder völlig lächerlich
findet. Ich persönlich empfinde zwischen den ganzen verwürzten
Pseudogourmetplatten sogar dieses Filmäquivalent eines von
Kinderphantasie zur vornehmen Teeparty verklärten Plastiktasse
mit Orangensaft als nette Abwechslung, weil es mich wieder daran
erinnert: Genuss ist eine Sache der aktiven Phantasie.
Abschließend
möchte ich meine persönlich geteste Reihenfolge bei der
Beschäftigung mit dem Phänomen Ed Wood empfehlen:
ZUERST sehe
man den von Tim Burton gedrehten Film ED WOOD mit Johnny Depp in
der Titelrolle. Belohnt wird man mit einer kurzweiligen Spielfilmbiographie,
die um so mehr fasziniert, als man weiß, dass es Ed Wood und
seine Filme und Marotten so wirklich gegeben hat. Das bereitet einen
schönen Filmabend und steigert zugleich durch die Episoden
am Drehort von Woods Filmen die ungläubige Vorfreude auf den
bekanntesten der vier Filme Ed Woods: "Plan 9 From Outer Space".
Man will unbedingt erfahren, ob der Film tatsächlich so schlecht
ist, wie man vermutet. Tim Burtons ED WOOD-Film endet mit der Premiere
von "Plan 9".
DANN genieße
man "Plan 9" selbst - lieferbar auf DVD in Englisch mit
zuschaltbaren (leider ziemlich verfälschenden) deutschen Untertiteln.
Man stellt fest: er ist noch viel schlechter, als man zu hoffen
gewagt hatte, und man kann sich darauf verlassen, dass man einen
weiteren sehr belustigenden Filmabend hat. Man wird sich angesichts
einer komplett sinnfreien Story, der völlig talentlosen Darsteller
und der Requisiten aus dem Zukunftsfundus von Rudis Resterampe der
absurden Faszination des Filmes nicht entziehen können. Denn
was man sieht, ist nicht nur offensichtlich schlechtes Kino, sondern
vor allem das Gelingen einer großen kindlichen Vision: in
"Plan 9" kann man im Kinoformat die Fantasie eines Kindes
bewundern, das selbstvergessen aus Pappe und Lego Raumschiffe und
Tentakelmonster aus Gummiringen bastelt.
ZULETZT gönne
man sich die schon erwähnte der "Plan 9"-DVD beigefügte
Dokumentation, bei welchem Darsteller und Helfer Ed Woods dem Geheimnis
seines Jahrzehnte später entstandenen Kultstatus auf den Grund
zu kommen versuchen. Ich war begeistert angesichts der vielen Details,
die mir im Nachhinein als in Tim Burtons Film authentisch bewusst
wurden (dessen Werk sprüht vor historischen Details und Bildzitaten).
Trotz gelegentlicher Längen - den Besuch der leeren Gerümpelbude,
in der 50 Jahre früher "Plan 9" gedreht worden war,
hätte man sich sparen können - ist die Doku sehr sehenswert
und spürbar mit Liebe zum Thema gemacht. Die Mitwirkenden sind
sichtlich stolz darauf, Ed Wood gekannt haben zu dürfen. Und
selbst der Dozent, der seine Liste von einigen Dutzend dramaturgischer
Kardinalsfehler in "Plan 9" herunterrattert, tut das mit
der Begeisterung eines Liebhabers.