Neil
Gaiman
Coraline
Hinter
der braunen Holztür in der guten Stube ihres Elternhauses befindet
sich eine Wand aus Backsteinen. Normalerweise. Doch plötzlich
ist Wand verschwunden und dahinter liegt ein dunkler Flur, der in
die leere Wohnung auf der anderen Hausseite führt. Aber die
Wohnung ist nicht leer. Dort wird Coraline bereits von ihrer "anderen
Mutter" erwartet. Und so bricht sich das Böse einen Weg
in Coralines Welt.
"Ich
will mutig sein, dachte Coraline. Nein, ich bin mutig."
Zunächst
langweilt sich Coraline in der letzten Ferienwoche schier zu Tode.
Ihre Eltern sind wie ganz normale Eltern eben so sind - nett, aber
an Coralines Welt desinteressiert. Coraline ist Entdeckerin. Und
daher ist die Neugier groß, die leer stehende Wohnung hinter
der verschwundenen Backsteinwand zu untersuchen. Dort trifft sie
auf ihre andere Mutter, die Knöpfe an Stelle von Augen angenäht
hat und zu lange Finger, die ständig in Bewegung sind und in
gekrümmten blutroten Fingernägeln enden. Die andere Mutter
möchte Coraline bei sich behalten, eine richtige Familie sein
und "für immer und ewig" lieben - Coraline muss sich
dazu nur auch Knöpfe in die Augen nähen lassen. Coraline
will - trotz der viel interessanteren Welt, die ihr hier zu Füßen
liegt - dann doch lieber wieder in ihre richtige Wohnung. Dort stellt
sie jedoch fest, dass ihre Eltern verschwunden sind. Die andere
Mutter hat sie in ihre Gewalt gebracht.
Also nimmt Coraline
allen Mut zusammen und kehrt zurück, um ihre Eltern zu befreien.
Und dazu muss sie sich mit der anderen Mutter auf ein Spiel einlassen,
denn Wesen wie sie lieben Spiele und Herausforderungen und als Einsatz
bietet Coraline sich selbst an - doch sie hat keine Garantie, dass
die andere Mutter fair spielt. Nach und nach offenbart sich immer
deutlicher, dass die andere Mutter Coraline nicht lieben, sondern
deren Seele besitzen will. Und Coraline kämpft in einem real
gewordenen Albtraum gegen den Horror, der sich ihrer hartnäckig
bemächtigen will.
Die dunkle Seite
der Jugendliteratur
Kann es Kinder- und Jugendliteratur
neben Harry Potter geben? Es muss! Der weichgespülten Zauberwelt
von Hogwarts & Co., stellt Neil Gaiman eine erstklassige Horrorgeschichte
entgegen. Horror für Kinder? Auch das muss sein! Denn, wie
uns das Zitat von G. K. Chesterton am Anfang des Buches belehrt:
"Märchen sind mehr als nur wahr - nicht deshalb, weil
sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen,
dass man Drachen besiegen kann."
Und wann war Mensch mehr
dem alltäglichen Horror ausgesetzt, als in seiner Kindheit?
Schatten in der Nacht sahen nicht lebendig aus - sie waren lebendig.
Keller waren die Orte, an denen das Grauen nicht nur zu spüren,
sondern tatsächlich in Fleisch, Fell und Blut zuhause war.
Und überhaupt offenbarte sich die ganze Welt als Mysterium,
in dem so vieles Ungeheuerliche greifbar erschien. Und in Neil Gaimans
Buch greift das Ungeheuer nach Coraline, die gegen diese Bedrohung
ankämpfen muss. Doch Coraline besiegt zum Schluss nicht nur
das Monster, schon viel früher hat sie ihre Angst besiegt und
ist nur dadurch in der Lage, aus eigener Kraft dem Märchen
ein gutes Ende zu bereiten.
Coraline - Eine
Horrorgeschichte für Menschen ab 10. Der deutsche Untertitel
"Gefangen hinter dem Spiegel" lässt leicht an "Alice
im Wunderland" erinnern. Ähnlich fantastisch, aber ungleich
bösartiger geht es in Coralines Albtraumland zu.
Neil
Gaiman: "Coraline"
175 Seiten übersetzt von Cornelia Krutz-Arnold
Gebundene Ausgabe beim Arena Verlag GmbH
ISBN: 3-401-05554-2
Preis: € 12,90
Erstveröffentlichung der amerikanischen Orginalausgabe
"Coraline"
wurde empfohlen von Kai Richter