Borges war fasziniert
von Detektivgeschichten. Folgerichtig wandte er sich selbst der
Kriminalgeschichte zu, allerdings auf seine ureigene Weise. Auch
in Der Tod und der Kompass klingen seine zentralen Themen
an die Geheimnisse, die unwissende Menschheit, die Mystik,
mit der sie sich aushilft. Wie auch an anderen Stellen seines Werks
ließ sich Borges von der Kabbala, den jüdischen Geheimlehren,
inspirieren. Allein der Gangstername Red Scharlach deutet
aber an, dass Borges hier in Der Tod und der Kompass
genüsslich auch mit Elementen der Trivialliteratur spielt,
die ihm gut vertraut war. Überhaupt scheint er eine diebische
Freude daran gehabt zu haben, die disparatesten Motive aus Literatur,
Philosophie, Wissenschaft und Religion aller Zeiten und Kulturen
zusammenzubrauen. Religionen und Philosophien hielt Borges für
Zweige der phantastischen Literatur und ein Fabelplanet wie Tlön
hatte für ihn nicht weniger Wahrscheinlichkeit als die Weltbilder
von Marx, Buddha, Platon oder des Vatikan, so die Herausgeber Gisbert
Haefs und Fritz Arnold in ihrem Nachwort zur Taschenbuchausgabe
der Fiktionen.
Er hätte
gewiss ein Bestseller-Autor werden können, alle Ingredienzien
sind da, doch Borges zog es vor elegante, apollinische Geschichten
zu schreiben. In einem späteren Essay erläuterte er seine
Methoden in Der Tod und der Kompass:
Kurz sei der
Inhalt umrissen: Drei Morde geschehen, an drei verschiedenen Orten
einer imaginären Stadt, die Züge von Buenos Aires aufweist.
Der Detektiv Eric Lönnrot ist dem Täter auf der Spur.
Was die Opfer der Verbrechensserie verbindet, ist unklar. Am Tatort
stoßen die Ermittler jeweils auf eine Inschrift: Der
erste (zweite etc.) Buchstaben des NAMENS ist artikuliert worden.
Lönnrot erhält schließlich mysteriöse Hinweise
auf einen vierten Ort, wo ein weiteres Verbrechen stattfinden könnte.
Er begibt sich zu der angegebenen Villa weit im Süden der Stadt,
überzeugt den Täter in der Falle zu haben. Doch in der
Falle sitzt Lönnrot selbst. In dem einsamen, labyrinthischen
Anwesen wird er von Red Scharlachs Männern überwältigt.
Lönnrot glaubt, die Morde hätten ein mystisch-religiöses
Motiv, Scharlach sei auf der Suche nach dem unaussprechlichen Namen
Gottes. Doch Scharlach hatte alles nur eingefädelt, um sich
an Lönnrot rächen zu können, denn dieser hatte Jahre
zuvor Scharlachs Bruder verhaftet. Die äußere Handlung
klingt nach einer trivialen, abstrusen Kolportagestory, doch sie
ist nur die mit Ironie durchwirkte Folie über einer weiteren
metaphysischen Spekulation.
Borges vermochte
es, das Vergnügen des Lesers und seinen eigenen hohen künstlerischen
Anspruch gleichermaßen im Auge zu behalten. Um nur eine annähernde
Vorstellung der Vielseitigkeit seiner Prosatexte zu geben, sei erwähnt,
dass berühmte Erzählungen wie Der Süden
(in der ein junger Mann mit dem Tod konfrontiert wird, als er erstmals
die Traumwelt der Bücher beiseite lassen und sich dem Leben
öffnen will) oder Emma Zunz (in der eine junge
Frau auf monströse Weise Rache für das Unrecht nimmt,
das ihrem Vater widerfahren ist) zwar surreal, traumähnlich
ablaufen, jedoch ohne genuin Phantastisches auskommen und sich trotz
ungeheuerlicher Wendungen auf dem Boden möglicher Alltagserfahrungen
bewegen.
Wie Chaplins
Tramp, der den Schuh verzehrt als sei es ein Festtagsbraten, glaubte
Borges an den Triumph der menschlichen Einbildungskraft über
die Wirklichkeit, deren Zumutungen er, ein Schopenhauer-Leser wie
Chaplin, eine gelassene Schicksalsergebenheit entgegenhielt. Er
weiß, dass er über den Büchern das eigentliche Leben
versäumt, ja dass er es nicht einmal mit seiner Sprachartistik
zu erfassen vermag. Und wie der mittelalterliche arabische Gelehrte
Averroes, in dessen Gestalt er sich in der Erzählung Averroes
auf der Suche selbst porträtiert hat, spürt er in
seiner Studierkammer zwar die Schönheit des Lebens draußen,
doch selbst in der Not vermag er die ihm vom Leben angebotene Hilfe
nicht zu erkennen; er sucht Zuflucht bei den Büchern, obwohl
das Spiel der Kinder im Hof ihm die Lösung seiner Fragen offenbart.
Borges macht
den Leser staunen, denn er selbst hielt das Erstaunen für wahrhaftiger
als die Erkenntnis, er öffnet den Blick für die wundersame,
abenteuerliche, märchenhafte Welt, in der wir trotz aller Wissenschaft
und aller Technik (die ja ein Teil jener Welt sind, wie Borges möglicherweise
hinzugefügt hätte) noch immer leben und für immer
leben werden. Viele der Erzählungen haben einen Plot, der mühelos
einen 700-Seiten-Roman tragen würde. Es findet sich kaum ein
Satz, der nicht Knotenpunkt in einem dichten Netz vielfältigster
Verweise wäre. Die Erzählungen wirken wie die Essenz,
das Konzentrat ungeschriebener Romane und sind doch nur in der vorliegenden
Form, als Kurzgeschichte, vollendet. Kritikern hielt Borges übrigens
folgendes entgegen: sie sollten ihm doch ihre Beschwerden vorher
einsenden, er habe sich schon immer heimlich danach gesehnt, unter
einem Pseudonym eine gnadenlose Tirade gegen sich selbst zu verfassen.
Jorge Luis Borges
Fiktionen,
Fischer-TB, 187 Seiten
ISBN: 3596105811;
Preis: € 8,90
Das
Aleph,
Fischer-TB, 167 Seiten
ISBN:
359610582X; Preis: € 8,90
Spiegel
und Maske, Fischer-TB, 243 Seiten
ISBN:
3596105897; Preis: € 9,90
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