Jorge
Luis Borges
Essenz ungeschriebener Romane
Die
Erzählungen, Teil 1
Unter den
großen Erzählern des 20. Jahrhunderts ist Jorge Luis
Borges der einzige, der nie einen Roman geschrieben hat. Man hat
ihn oft, manche verhehlten ihr Bedauern kaum, nach den Gründen
seiner Zurückhaltung gefragt, und gute Freunde haben ihn vielleicht
sogar ermuntert, es doch einmal mit einem Roman zu versuchen.
Seine erste
Antwort lautete, er habe zu wenige Romane gelesen, um einen schreiben
zu können, er kenne wohl Huckleberry Finn und Don
Quijote, aber sonst
das war natürlich eine kokette
Untertreibung, denn tatsächlich wird man wohl kaum einen beleseneren
Menschen finden als Borges. Eine weitere Erklärung für
seine Scheu vor dem Roman kann man dem Vorwort seines
ersten großen Erzählbandes Fiktionen entnehmen
(erschienen 1944). Darin bezeichnet er es als einen mühseligen
und strapazierenden Unsinn, dicke Bücher zu verfassen.
Ein besseres Verfahren sei es, so zu tun, als gäbe es diese
Bücher bereits, und ein Resümee, einen Kommentar vorzulegen.
Also habe er aus größerer Gewitztheit, größerer
Unbegabtheit, größerer Faulheit das Schreiben von Anmerkungen
zu imaginären Büchern vorgezogen. Borges nennt anschließend
zwei der Erzählungen des Bandes als Beispiel für diese
Methode, doch scheinen fast alle seine Erzählungen Exposés
zu nicht geschriebenen Romanen zu sein.
Das
erste Buch mit Texten von Borges habe ich mir allein deshalb gekauft,
weil ich von seiner äußeren Erscheinung so fasziniert
war. Es war im Sommer 1986, Borges war im Juni in Genf gestorben,
und im Juli erschien eine Art Best of Borges als Taschenbuch.
Eine Fernsehdokumentation, vermutlich anlässlich seines Todes
ausgestrahlt, zeigte Ausschnitte aus einem Interview mit dem schon
sehr alten Dichter. Da saß er (wie ein Homer oder Teiresias
der modernen Zeiten) in einem kargen Studio, etwas vorgeneigt, so
dass sein gerader Rücken kaum die Stuhllehne berührte,
beide Hände auf den Knauf eines edlen Grandseigneur-Stocks
gestützt, den Kopf mit den blinden Augen leicht zur Seite geneigt,
und gab so jedenfalls meine Erinnerung - mit rauer, strenger
Stimme Auskunft. Ohne eine Zeile von ihm zu kennen, war es für
mich ganz fraglos, dass er als Schriftsteller eine absolute Autorität
war.
In Borges Leben
gibt es drei Konstanten: die Liebe zu den Büchern, die enge
Bindung an seine Mutter (sie starb erst, als Borges selbst bereits
75 Jahre alt war) und der drohende und dann tatsächliche Verlust
seines Augenlichts. Borges wurde 1899 in Buenos Aires geboren und
verbrachte einen Teil seiner Jugend in Europa. Sein Vater war Rechtsanwalt,
hatte literarische Neigungen und erblindete früh. In den zwanziger
Jahren, nach der Rückkehr seiner Familie nach Argentinien,
war Borges Mitarbeiter zahlreicher Literaturzeitschriften und veröffentlichte
zunächst Lyrik und Essays. Nach dem Tod seines Vaters, 1938,
arbeitete er einige Jahre lang als Bibliothekar in einer Stadtbibliothek.
Nach einer Stunde hatte er dort sein jeweiliges Tagespensum erfüllt
und verzog sich in den Keller, um zu lesen und zu schreiben. In
dieser Zeit, der Zeit des Zweiten Weltkriegs, entstanden die unverwechselbaren
Erzählungen, die ihn in Lateinamerika berühmt machen sollten
und den Magischen Realismus begründeten, 1944 der
Band Fiktionen und 1949 Das Aleph. Seltsamerweise
steht Borges, der wie gesagt nie einen Roman verfasste und die Epoche
des Romans sogar für beendet hielt, am Anfang einer großen
südamerikanischen Romantradition, die von Namen wie Garcia
Marquez, Vargas Llosa und Julio Cortázar geprägt wurde.
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