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Wo beginnt ein Verbrechen?
Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 29.August 2010
Prof. Pu empfiehlt: “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach

So möchte ich schreiben können, so klar, besonnen, nüchtern und fesselnd zugleich und vor allem so berührend.
Lauter unglaubliche Geschichten, doch sind sie wahr.
Behauptet der Klappentext. Ich hätte gewettet, sie sind alle erfunden, gut ausgedacht. Doch Ferdinand von Schirach, begehrter Strafverteidiger, hat einfach seine Fälle aufgeschrieben. So unglaublich kann die Realität sein, jede Geschichte ließ mich von Neuem staunen. Er erzählt in seinem Erstlingswerk von Schicksalen, von Verbrechen, die ich nicht mehr vergessen werde.
Es ist höchst irritierend, sich bei Mitleidsanwandlungen zu ertappen; Mitleid einem Arzt gegenüber, der seine Frau getötet hat. Eine Frau, die er mit 24 heiratet und die ihn über vierzig Jahre lang mit schriller Stimme demütigt, beschimpft und lächerlich macht. Er versucht es auszuhalten, weil er ihr auf der Hochzeitsreise geschworen hat, sie nie zu verlassen. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Er erschlägt sie im Keller und ruft anschließend mit ruhiger Stimme die Polizei.
Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.
Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem ‚aber‘ liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten eines Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.
Fähner bekam drei Jahre im offenen Vollzug und begann mit 72 einen Handel mit den Äpfeln aus seinem eigenen Garten, den seine Frau so sehr gehasst hat.
Auch Schirach erschien mir in einem Fernseh-Interview mit Gero von Boehm wie ein angenehm altmodischer Mensch aus einem anderen Jahrhundert. „Wieso kann er so gut schreiben?“ fragte mich ein Kollege. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die Stories über ungelöste wie aufgeklärte Verbrechen zutiefst beeindruckt haben.
In jeder Erzählung muss man sich neu orientieren: Wann beginnt ein Verbrechen? Beim hilflosen Versuch eines Mannes, mithilfe eines dilettantischen Banküberfalls zu seiner Familie zurückzukehren? Wo liegt die Schuld? Bei der Schwester, die das elende Leben ihres durch einen Unfall behinderten Bruders nicht mehr ertragen kann? Genial beschreibt Schirach die hauchfeinen Grenzen zwischen Schuld und Unschuld.
Große Erzählkunst, spannende Geschichten. Beim Lesen schwankte ich ständig zwischen der großen Lust, das Buch auf einmal zu verschlingen und dem Genuss, besonders langsam zu lesen um länger davon zu haben. Zu meinem großen Lese-Glück liegt auf dem Nachttisch schon der zweite Band, „Schuld“.
Die Filmrechte an „Verbrechen“ sind verkauft, die Üblichen Verdächtigen dürfen gespannt sein …
Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper 16,95 €
978-3-492-05362-4
Ab September auch als Piper-Taschenbuch Nr. 05955 8,95 €
Audio-Tipp: Ferdinand von Schirach zu Gast bei SWR1 Leute Rheinland-Pfalz (37:14 min)
Schlagwörter: Buch, Ferdinand von Schirach, Krimi, Pu







Was mich etwas gewundert hat, ist, dass ein Kollege fragte, wieso der so gut schreibt. Wieso nicht? Wenn Herr v. Schirach seit angenommen 30 Jahren Anwalt ist, dürfte er minimal ca.60.000 Seiten an Schriftsätzen produziert haben, in denen sich entsprechend viele Geschichten befinden. Irgendwann hat man es dann zumindest ein wenig gelernt.
Ein Interesse für das Buch ist da. Vielleicht wegen dem schönen Namen „Ferdinand von Schirach“? Der von mir geschätzte Dennis Scheck (was ein schlimmer Name. Dennis, setzen sechs) spricht von einem nur “fast akzeptablen Buch”, das leider nur “wenig mehr als ein Polizeiberichte” wäre und von dem “Das haben Sie alles selbst erlebt” profitiere. Dass sei so Scheck nur ein “geborgtes Leben, das Gegenteil von Literatur”. Er empfiehlt stattdessen: “Letzte Instanz von William Gaddis”
Mal sehen, vielleicht schenke ichs meiner Freundin zum Geburtstag ;-)
http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5280802
@Stefan: Da muß ich Herrn Scheck ausnahmsweise mal widersprechen: Das Buch ist spannend u n d sprachlich hochwertig. Es ist mir auch egal, ob er das so erlebt hat oder anders oder gar nicht – es bleibt auf jeden Fall große Erzählkunst und ist ein echter Lesegenuß. Und man muß auch mal etwas anderes lesen als immer nur US-Amerikaner …
@ Stefan: Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen dem Urteil von Prof. Pu und von Herrn Scheck … lass mich eine Nanosekunde nachdenken … vertraue ich Prof. Pu :-)
Hmpf, ich habe keine Ahnung, was Herr Scheck so schreibt; wenn ich Pu richtig verstehe, rezensiert er us-amerikanische Autoren? Na egal, ich fand die Empfehlung von Pu auch gelungen, und das Thema interessiert mich sehr. Ich habe mit Begeisterung die Gerichtsreportagen von Gisela Friedrichsen gelesen, also könnte ich mir gut vorstellen, daß mir das Buch von Ferdinand von Schirach gefällt. Subjektive Grüße von Martina