<< Rule Britannia   Prof. Pu ist verreist … >>

Wie man bei Windstärke 10
stilvoll eine Tasse Tee trinkt


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 28.August 2008

Abenteuerlich: Thomas liest Conefrey
Der Titel hatte mich sofort neugierig gemacht: “Wie man bei Windstärke 10 stilvoll eine Tasse Tee trinkt”. Das klang nach souveränen Abenteurern, die ihren Humor nicht verlieren, auch wenn es stürmischer wird. Und der dann verschwörerische Untertitel: “Das geheime Wissen der Abenteurer und Entdecker”. Dazu auf dem Cover eine Fotografie einer Scott-Expedition zu Beginn des 20. Jahrhunderts: ein gut gelaunter Polarforscher, der einen Kopfstand macht. Und der Klappentext verspricht witzige, unterhaltsame, hinreißende Lektüre. Begeistert aufgeschlagen und los.

Die Ernüchterung stellt sich recht schnell ein. Conefrey, Bergsteiger und Dokumentarfilmer, pflegt einen wüstenstaubtrockenen Stil, der vollkommen frei von eigener Meinungsäußerung und von jeglicher Spur von Humor ist. Er stellt eine Menge Fakten zusammen und liefert ein kleines Lexikon der Wüsten-, Polar- und Himalaya-Expeditionen ab. Aber sobald es interessant wird, springt er zum nächsten Thema. Zum Beispiel spricht er von einem “bizarren Vorfall” auf dem Schiff “Polaris” 1871 in der Arktis, der dazu führte, dass die eine Hälfte der Mannschaft auf einer Eisscholle ausgesetzt wurde und die andere Hälfte davon fuhr unter dem Kommando eines volltrunkenen Kapitäns. Mehr erfahren wir leider von diesem “bizarren” Vorfall nicht.

Was Conefrey uns hier vorenthält: Der Captain der Polaris, Charles Francis Hall, konnte sich seine Mannschaft nicht aussuchen. Das übernahmen Politiker. Die Crew aus Deutschen und Amerikanern war überfordert und untereinander verfeindet. Hall wurde an Bord vergiftet, wahrscheinlich ermordet. Danach wurde die Hälfte der Mannschaft ausgesetzt und neun Monate später von einem Walfangschiff entdeckt und gerettet.

Viel zu selten gibt es Anekdoten wie diese:

Zu viktorianischer Zeit begleitete Tschingel, der Hund des Bergsteigers und Alpinhistorikers William Coolidge, sein Herrchen auf viele Alpentouren und war bei elf Erstbesteigungen dabei. Am Ende soll er als Mitglied des Alpine Club nominiert, jedoch abgelehnt worden sein, weil “er” eine Hündin war. Dem Club durften damals nur männliche Wesen beitreten. Tschingel hatte 34 Junge.

An anderer Stelle spricht er von Theateraufführungen, organisiert und dargeboten von Mitgliedern von Polarexpeditionen zur Zerstreuung der Mannschaft – angefangen mit William Parry 1819 auf seiner Suche nach der Nordwestpassage. Aber natürlich gibt es keine Details, keine Zitate. Auch nicht aus den verschiedenen Expeditionszeitungen, für die sogar Druckmaschinen mitgeführt worden sind.

Da fehlt Conefrey jeder Hauch von Gespür, was wirklich eine hinreißende Lektüre ausmacht. Ich habe auf jeden Fall schon Proseminararbeiten und Brockhaus-Einträge mit mehr Schmiss und Pointen gelesen. Ach ja, am Ende der mühsamen Lektüre angekommen, wird klar: Geheim ist das zusammen getragene Wissen auf jeden Fall nicht. Und wir wissen immer noch nicht, wie man eine Tasse Tee stilvoll bei Windstärke 10 trinkt.

Wer sich für den Alltag von abenteuerlichen Expeditionen interessiert, sollte dann doch besser zu den Berichten der Forscher selbst greifen, zum Beispiel zu Wilfred Thesigers “Die Brunnen der Wüste” oder Jon Krakauers “In eisige Höhen”, statt zu Conefreys lauwarmer Mogelpackung, dessen lesenswertester Abschnitt das ausführliche Literaturverzeichnis ist.

Mick Conefrey
Wie man bei Windstärke 10 stilvoll eine Tasse Tee trinkt
Das geheime Wissen der Abenteurer und Entdecker

ISBN 978-3-492-25193-8
Piper Verlag, 282 Seiten, 8 Euro

Link

Mehr über die Geschichte der Polarforschung (Deutschlandfunk).

2 Kommentare Wie man bei Windstärke 10
stilvoll eine Tasse Tee trinkt
Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 28.08.2008

2 Kommentare
  1. Tina 28.August 2008

    Auch ich hatte mir mehr von diesem Thema erhofft. Der Klappentext verweist noch darauf, dass auch Scott sicherlich sehr gelacht hätte. Tatsächlich erinnerte mich das Buch streckenweise an Schotts Sammelsurium, nur lustig fand ich es selten. Einzig lesenswert: Das Kapitel “Wie man immer eine relativ frische Unterhose trägt”.

  2. Hendrik 29.August 2008

    Allen, die den Unterhaltungswert erfüllt sehen möchten, den dieses Buch offenbar größtenteils vergeblich verspricht, empfehle ich Eric Newbys exzentrischen Reiseliteraturklassiker Spaziergang im Hindukusch. Ein Diplomat und ein Angestellter eines Bekleidungsgeschäftes beschließen eines Tages, ohne jede Bergsteigererfahrung einen Sechstausender im hintersten Hindukusch zu besteigen. Und nach zwei, drei Übungsgängen im Hügelland von Wales geht es auch schon los…

Hier können Sie den Eintrag kommentieren. Bitte lassen Sie sich nicht von gelegentlichen Fehlermeldungen verwirren - Ihr Kommentar wird trotzdem zuverlässig bei uns ankommen!


Twitter facebook XING Impressum

Auf iTunes abonnieren




  • Neue Kommentare

    • marijke kusters bei “Keär man, wär dat getzt lecka!” Ein Besuch im Berliner Currywurstmuseum
    • pu bei Filmtipps für Markus: Das erste Jahr – 1998
    • flim news bei “In Time”: Zeit ist Geld
    • Thomas bei LIFE: Selbstkritik und Pflaumen
    • Götz bei Filmtipps für Markus: Das erste Jahr – 1998
  • Neue Beiträge

    • “Snuff” – Vom Adel im Angesicht des Todes: Sir Samuel Vimes
    • “Ein riskanter Plan”: Sam ist schwindelfrei
    • LIFE: “Das Opfer war so ästhetisch arrangiert, daß es aussah wie ein Gemälde …”
    • “Die Herrlichkeit des Lebens”: Kafkas letzte Liebe
    • TV-TIPP: “District 9″ – Kino wie Katzenfutter
    • Hendrik hilft: Filmtipps für Markus – 1998
    • LIFE: “Man bekommt für alles eine Quittung
    • “Verblendung”: “Darf ich ihn töten?”
    • LIFE: “Ich bin 30 Jahre alt, wohne bei meiner Mutter und habe ein Captain-Kirk-Kostüm.”
    • “Drive”: Es gibt keine guten Haie
  • Kategorien

  • Archive

  • Seiten

    • Impressum
    • Sternzeit
    • Über SchönerDenken
      • Schöner Sprechen
  • Auf dem Zettel haben uns

    • BlogAlm.de
    • Ohrient.de
    • podcast.de
    • podster.de
  • Kino-Links

    • Abspannsitzenbleiber
    • Christians Foyer
    • CineKie
    • Das Manifest
    • FilmSPAICHer
    • In der Kinoprovinz
    • JFilmPowWow
    • Kino, TV und Co.
    • moviepilot
    • NEGATIV
    • Nishikata Eiga
    • OliBlog
    • Online-Filmdatenbank
    • Screenshot
    • Symparanekronemoi
    • Zeitverschwender
  • Meta

    • Anmelden
  • Wir empfehlen

    • Die Computerecke
    • Kosmopiloten
    • Lehrerzimmer
    • Molochronik
    • Pornophonique
    • strange views
    • U wie Umwelt
    • Unsichtbare Bibliothek
    • Zuckerfisch News
  • RSS Tipp: Kosmopiloten

    • Patentklage: US-Biologe will Gebühren fürs interaktive Web
    • Buch: Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten
    • Gerichtsverfahren gegen Googles neue Datenschutzregeln
  • RSS 1 x täglich: Sprechbude

    • Silvester bei den Kannibalen von Joachim Ringelnatz
    • Kino – Karl Kraus
    • Auf einen Brand zu – Gotthold Ephraim Lessing
  • SchönerDenken kooperiert mit:


    Blog-Parade

    Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen
    Mit Bloglines abonnieren
    Radio.de
    blogoscoop
    Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
    Bloggeramt.de


    Läuft mit Wordpress

    Slidingdoor Design von Wayne

    Podcast ermöglicht durch podPress v8.8.10.13