Endlich mal gebildete Leute …
Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 31.Januar 2010
Prof. Pu empfiehlt: Wer weiß was von Silvia Bovenschen

„Das ist alles so schön altmodisch. Ich kann es gar nicht glauben. Du lieber Himmel: Weltfremde Professoren, exotische Dolche und schüchterne Bibliothekare. Hey Leute, das ist ein Witz. Ich dachte schon, das gibt’s nur noch in solchen Inspektor-Barnaby-Serien. Unsere Klientel hat sich doch in den letzten Jahren nahezu ausschließlich aus drogensüchtigen Müttern, die ihre Kinder aus dem dritten Stock schmeißen, muslimischen Vätern, die ihre unbotmäßigen Töchter vom Sohn umbringen lassen, und waffentechnisch hochgerüsteten Mädchenhändlern aus dem ehemaligen Ostblock zusammengesetzt.“ Sie hörte auf zu lachen und kam wieder zur Sache. „War das Messer scharf?“ fragte sie.
Prof. Dr. Ulf Urlach, Sprachwissenschaftler, liegt tot auf der Institutstoilette, ein Messer im Rücken. Alle sind verwirrt, die Doktorandin, der Bibliothekar, die Sekretärin, Kollege Schauer und seine Ehefrau Carola, eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, und anfangs auch die Polizei. Es gelingt den Kommissaren lange nicht, Licht in dieses ganze Gewirr von Verhältnissen, Beziehungen, Verflechtungen und Intrigen zu bringen. Und dann sind da noch recht seltsame Beobachter namens Ertzuj, Iopö, Jkln und Kurt. Sind sie verantwortlich für die interessanten Kommentare in Klammern, die wie Regieanweisungen anmuten? Jedenfalls äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit ihrem Lektor ein merkwürdiges Gefühl:
Ihre Stimme wurde lauter, der Tonfall fast zornig: „Jetzt, verdammt, fügt sich nichts. Im Gegenteil, neuerdings habe ich ständig das Gefühl, als schreibe da jemand teils pedantisch, teils besserwisserisch mit. Füge hinter meinem Rücken ohne mein Wissen oder Zutun unnötiges und abstruses Zeug in meinen Text ein, verbessere, präzisiere und kommentiere das Geschriebene oder stelle es in Frage.“ (Was für ein Unsinn!) Sie sah ihn direkt an und sagte brüsk: „Ich gebe zu: Es ist wirklich alles sehr wirr.“
Das ist es tatsächlich. Nichts ist so, wie es auf den ersten und zweiten Blick scheint. Fast jeder gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist oder ist, was er nicht zugeben will. Jeder betrügt irgendwie, jeder hintergeht irgendwen. Nicht mal die Leichen sind das, was sie sein sollen. Anfangs war ich Silvia Bovenschen dankbar für die Namensliste, die sie ihrem Roman vorangestellt hat. Hat man die Besetzung dann im Kopf, kann man sich ihren wunderbaren Formulierungen lustvoll hingeben. Fast trat für mich der Mordfall in den Hintergrund, so sehr hat mich ihre Sprachkunst entzückt. Wie beispielsweise hier bei Frederike, Bekannte des Ehepaares Schauer, die über ihren Verflossenen nachdenkt:
Sie überlegte: Wohnte jeder Liebe eine vorbestimmte Dauer inne? (Poetisches Denken mit trivialen Einschüssen.) Konnte es so etwas geben wie ein unbemerktes fortwährendes Liebeszellsterben, das durch Einwirkungen wie Gleichgültigkeit und Eigensucht noch beschleunigt wurde? Gab es einen seelischen Abfalleimer für Liebeszellschutt?
„Liebeszellschutt“ – was für eine großartige Wortschöpfung. Und hier weiterlesen






