Kleiner Plausch mit der Zukunft: Ein Interview mit der Münchner Science Fiction-Autorin Miriam Pharo
Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, Interview am 14.Oktober 2009

"Schlangenfutter" von Miriam Pharo
Kürzlich durfte ich mal wieder eine kleine Lesezeitreise antreten, und zwar diesmal in das Jahr 2066 und nach Norddeutschland. Das sind Handlungsort und –zeit des Science Fiction-Thrillers “Sektion 3: Hanseapolis”, dessen erste beide Episoden kürzlich unter dem Titel “Schlangenfutter” als Taschenbuch beim Acabus Verlag erschienen. An dieser Stelle wurde vor Monaten die Sprechbudenumsetzung der ersten Episode bereits kommentiert, da bietet es sich an, auch einen Blick auf das nun erschienene Buch zu werfen. Und so nutze ich gerne die Gelegenheit, für SchönerDenken via E-Mail ein wenig mit der Autorin und Erfinderin dieser Zukunft zu plauschen: Guten Tag, Miriam Pharo.
Nimm Platz, ich erhebe einen frischen Kaffee in Deine ungefähre Richtung und reiche Dir einen virtuellen Keks dazu … wollen wir anfangen? Schön:
1. Erzähl doch mal: wie sieht die Alltagsgegenwart einer Menschin aus, in deren Kopf eine zukünftige Riesenmetropole stattfindet?
Auch, wenn ich das tue, was die meisten Menschen in Deutschland tun, nämlich morgens aufstehen, Kaffee trinken, Zeitung lesen und ihr Leben finden, befinde ich mich die meiste Zeit im Analysemodus. Jede noch so unbedeutende Handlung wie einfach nur aus dem Fenster zu schauen, kann Fragen nach sich ziehen: „Stehen in 60 Jahren hier noch Bäume?“ oder „Werden die Menschen der Zukunft überhaupt noch auf die Straße gehen, oder bleiben sie in ihrer Cyberwelt verhaftet?“ Das betrifft sowohl alltägliche Dinge wie „Woraus wird Kaffee im Jahr 2066 bestehen?“ wie auch gesellschaftlich relevante Fragen im Stile von „Wie wird sich das Verbrechen entwickeln? Wird die menschliche Natur noch mehr verrohen, oder werden wir eines Tages die Gefühlsnotbremse ziehen, wie in ‘Equilibrium’?” Und natürlich kreisen meine Gedanken immer wieder um den Verlauf meiner Geschichten.
2. Welche Verbindung hast Du eigentlich zu Hamburg, wo Du doch in der Nähe von München lebst?
Ich habe einige Jahre in Hamburg gelebt und liebe es über alles. Es war Liebe auf den zweiten Blick, dafür aber richtig. Mein Roman ist eine Hommage an diese großartige Stadt, deren Schönheit oft verkannt wird, vor allem international. Umso mehr habe ich mich übrigens gefreut, dass Hamburg 2011 Grüne Hauptstadt Europas wird. Das Flair, die Menschen, das Zusammenspiel von Alster und Elbe … das alles stellt für mich eine wunderbare Kulisse dar.
3. Neben der Kriminalhandlung des Romans gelingt es Dir, auch vom Alltagsleben in einer zukünftigen deutschen Riesenmetropole zu erzählen. Wie hast Du Deine Stadt der Zukunft für Dich lebendig werden lassen? Hast Du dafür recherchiert? Und gibt es einen Stadtplan von Hanseapolis an Deiner Wand?
Noch hängt kein Stadtplan von Hanseapolis an meiner Wand, nein. Allerdings liegt ein Stadtplan von Hamburg in meinem Büro, darauf wiederum Zeichenpapier, auf dem ich sukzessive meine Stadt der Zukunft skizziere. Diese weist zurzeit auch noch viele weiße Flecken auf: meine persönliche Terra Incognita. Von Natur aus bin ich eigentlich strukturiert, nicht aber beim Schreiben. Hier erschließt sich mir alles nach und nach. Natürlich habe ich eine grobe Vorstellung, die Details aber ergeben sich beim Schreiben. Das gilt auch für Plot und Figuren. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die von vorne herein alles festlegen. Ich lasse mich lieber überraschen.
Was die Recherche betrifft, meide ich Websites und Fachzeitschriften zum Thema Zukunftsforschung wie die Pest, um meiner Fantasie freien Lauf lassen zu können. Ich möchte nichts kopieren, was schon x-mal diskutiert wurde. Ich bin ohnehin von dem beeinflusst, was ich bereits an Science Fiction gelesen oder gesehen habe – ob ich will oder nicht. Bei technischen Themen komme ich allerdings um die Recherche nicht herum. Ich habe keine entsprechende Ausbildung und will schließlich keinen totalen Stuss schreiben!
4. In Deinem Buch sind, was ich sehr reizvoll finde, an passender Stelle immer wieder mal Infoausschnitte aus dem YIN, dem “Yahoogle Investigation Network” eingebaut, was nicht nur an der jeweils passenden Stelle die vom Leser gebrauchten Erklärinfos liefert, sondern zu der Vorstellung des Lesenden von Hanseapolis auch immer ein Mosaiksteinchen hinzufügt. Ist das eine Hommage z.B. an John Brunners Klassiker “The Sheep Look Up” oder andere Genrevorbilder, die mit solchen ‘Alltagstextzitaten’ arbeiten?
John wer? (lacht) Kleiner Scherz. Was die Infobreaks betrifft, habe ich keine direkten Vorbilder. Zum einen fand ich die Idee charmant, Kurzinfos in dieser Form einzubinden, zumal sie im Präsens geschrieben sind und damit lebendiger wirken. So bleibt der Leser in der Welt von 2066 beheimatet. Zum anderen hat diese Idee sehr praktische Gründe. Es gibt viel, was in Hanseapolis erklärungsbedürftig ist, egal ob Wasserersatz oder Kommunikationssystem. Fußnoten kommen auf keinen Fall in Frage, es handelt sich schließlich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, und integrierte Erläuterungen können den Erzählfluss massiv behindern.
5. Du nennst in Deiner Selbstvorstellung die Kriminalautorinnen Elizabeth George und Minette Walters sowie die SF-Autoren Timothy Zahn und Robert Anson Heinlein als Lieblinge. Was ist für Dich das Besondere an den Werken dieser AutorInnen?

Portrait der Autorin
In den Werken von Elizabeth George und Minette Walters bewundere ich die psychologische Tiefe der Figuren. Schwarz-Weiß-Betrachtungen gibt es in deren Geschichten nicht. Die Figuren interpretieren die Welt auf ihre Weise und handeln gemäß ihrer Natur, was zu Katastrophen führt. Bewundernswert, wie meisterhaft beide Autorinnen um Klischees herumsteuern. Robert Heinlein und Timothy Zahn mag ich deshalb, weil sie wunderbare Geschichtenerzähler sind. Sie sind actionreich und spannend, ohne den Leser mit übermäßigen technischen Diskursen zu langweilen. Das schätze ich sehr an Science-Fiction-Autoren. Wenn ich Timothy Zahn sage, meine ich übrigens Werke wie „Totmannschaltung“ und nicht unbedingt die Star Wars Romane, obwohl sie natürlich gut geschrieben sind.
6. Du schreibst, in einem SF-Roman sei eine gute Story wichtiger als jede noch so ausgefeilte futuristische Technik, und ich gebe Dir 120%ig recht. Kannst Du mir ein Beispiel nennen für eine Story (gleich welchen Alters oder Genres), die Dich so richtig mitgerissen hat? weiterlesen






