Salinger: “Der Mann, der stets in Kuchennähe saß”


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch am 15.Februar 2010

Götz über Salinger, Scheinriesen, Leuchttürme und Kuchen

Wie Pech und Schwefel haben sie offenbar in Cornish/New Hampshire zusammengehalten, um J.D. Salinger darin zu unterstützen, zum berühmtesten Unsichtbaren der Literaturgeschichte zu werden. Nun, nachdem er mit 91 Jahren gestorben ist, ist die Lust zu plaudern umso größer. Den ausgeschwärmten Reportern haben sie erzählt, dass „Jerry“ im Dorf  bestens integriert war: Er „war einer von uns“, wird die Bibliothekarin zitiert. Die Einkäufe habe der Schriftsteller selbst erledigt und so gut wie nie habe er beim Roastbeef-Dinner der Kirchengemeinde im nahen Hartland gefehlt. Salinger sei immer an einem der Tische in der Nähe der frisch gebackenen Kuchen zu finden gewesen.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat daraus in ihrem allzeit grandiosen „Streiflicht“ in unnachahmlicher Weise den Schluss gezogen, dass Salinger also kein Grantler und Eremit war, wie es jahrzehntelang kolportiert wurde, sondern „der Mann, der stets in Kuchennähe saß“. Was aber auf den ersten Blick das klare Wasser der Legenden mit Thermoskannenkaffee zu trüben scheint, trägt auf den zweiten Blick erst recht dazu bei, Salinger zu den großen „Heiligen“ der amerikanischen Kultur zu gesellen, zu Abraham Lincoln oder Mark Twain.

Schon John Ford hat in seinem Film „Der junge Mr. Lincoln“ das Kuchenbuffet dazu benutzt, um am Mythos des volksnahen großen Mannes zu meißeln. Henry Fonda als Lincoln wird da zum Kuchentester auserkoren und soll entscheiden, welcher der backenden Damen im Dorf denn der erste Preis gebührt. In jeder Hand ein riesiges Stück Kuchen, wechselweise genießerisch hineinbeißend, weiterlesen


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Wie ein Bild im Entwicklerbad


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 14.Februar 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Neun Erzählungen” von J. D. Salinger

Salingers Nachwirkzeit [ 3:54 ] Jetzt abspielen | Download

Mit diesem Buch habe ich gleich auf mehreren Ebenen gerungen. Erstens ist es ein geliehenes Buch, das schon viel zu lange auf dem Nachttisch liegt und mir ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Besitzer bereitet. Zweitens hatte ich seit der 11. Klasse keinen Salinger mehr in der Hand gehabt –  „ Der Fänger im Roggen“ hat mir damals gar nicht gefallen. Und drittens möchte ich hier auf keinen Fall mit Götz konkurrieren …

Doch Salinger dem Vielgelobten zu Ehren habe ich gleich einen Tag nach seinem Tod mit dem Erzählband begonnen. Skeptisch war ich zu Beginn, die vielen Artikel über ihn im Hinterkopf, verstellten mir anfangs den Blick und verunsicherten mich auch. Aber warum sich eigentlich nicht unvoreingenommen an die Kultfigur heranwagen? Ich kann das Faszinosum, das von diesen Erzählungen ausgeht, auch nach Beenden der Lektüre nicht erklären, das überlasse ich lieber den eingefleischten Fans und Fachleuten. Aber fasziniert war ich schon irgendwann, manchmal sogar erst Stunden später, wenn ich eine Geschichte Revue passieren ließ.

Neun Erzählungen

Nicht alle Erzählungen haben mir gefallen, mit „Der lachende Mann“ konnte ich gar nichts Richtiges anfangen. „Ein herrlicher Tag für Bananenfisch“ dagegen fand ich beeindruckend aktuell. Es ist im Grunde egal, um welchen Krieg es sich handelt, egal, ob man damals, als Salinger seine Erzählung über Seymour Glass schrieb, einen Namen für das Posttraumatische Belastungssyndrom hatte oder nicht. Seymour Glass, der vom Strand kommt und sich eine Kugel in den Kopf jagt, steht für mich zeitlos für alle zurückgekehrten Soldaten, die mit der Welt nicht mehr klar kommen. weiterlesen


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J.D. Salinger ist tot


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 28.Januar 2010

J.D. Salinger ist im Alter von 91 Jahren verstorben. Seit 45 Jahren hat er nichts mehr geschrieben, seit 30 Jahren hat er geschwiegen. Werden jetzt neue, große Romane aus seinem Nachlass auftauchen? Götz hatte sich das bereits vor einiger Zeit gefragt:

Der verschollene “Gott-Kenner” (Teil 1)

Salinger (Teil 1) [ 10:47 ] Jetzt abspielen | Download

Als junger US-Soldat erlebte er den D-Day an der Küste der Normandie. Er liebte ein Mädchen, das dann Charlie Chaplin heiraten sollte. Mit dem Roman “Der Fänger im Roggen” wurde er weltberühmt. Doch J.D. Salinger wollte irgendwann kein öffentlicher Schriftsteller mehr sein. Seit 1965 schwieg er. Götz wirft einen Blick auf sein Leben und Werk mit einigen Seitenblicken auf andere “verschollene” Autoren.

“Das nach innen gerichtete Leben, von dem ich immer geträumt habe, beginnt endlich näher zu kommen … Es ist seltsam, wie ich … alle Sucht nach Berühmtheit verloren habe … Ich hege große Zweifel, dass ich überhaupt jemals eine Zeile drucken lassen werde … Ein Künstler, der wirklich nur Künstler ist, für sich allein und ohne sich um etwas anderes zu kümmern, das wäre etwas Schönes … Ich lebe allein, sehr allein, immer mehr allein.”

Das schreibt Gustave Flaubert in einem Brief an seinen Freund Maxime du Camp, im April 1846.

Ich habe wieder einmal Salinger gelesen. Er gehört zu jener Gattung von Schriftstellern, die sich scheinbar wenig um Ruhm und öffentliche Anerkennung scheren, die dem einmal gewonnenen Ruhm entfliehen wollen oder ihn zu Lebzeiten wieder verlieren. Wie Herman Melville, der nach dem Misserfolg des „Moby Dick“ langsam der literarischen Welt abhanden kam und, als ein Verschollener des Alltags, als Zollinspektor im New Yorker Hafen arbeitete und fortan nur noch schrieb um des Schreibens willen. Bei seinem Tod war er als Autor fast vergessen. Salinger dagegen hat wahrlich viel versucht, um wieder ein „Niemand“ zu werden, doch es ist ihm nicht gelungen, im Gegenteil. Oft sind es gerade die großen Autoren, deren Verhältnis zur Öffentlichkeit so problematisch ist. weiterlesen


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Ein Phantom als Gast der “Simpsons”
Der verschollene Gottkenner (Teil 3)


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 21.Januar 2008

Ein Phantom als Gast der Simpsons [ 9:57 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 21
J.D. Salinger wollte irgendwann kein öffentlicher Schriftsteller mehr sein. Seit 1965 schweigt er. Götz wirft einen Blick auf sein Leben und Werk. Im lange erwarteten dritten und letzten Teil erinnert er auch an andere “Verschollene”, an Pynchon, Gaddis, Kafka und Pessoa.

Erst sein „Tod“ machte Salinger endgültig zum Klassiker. Merkwürdig, dass sich fast gleichzeitig mit ihm ein anderer großer Autor der amerikanischen Nachkriegsliteratur, nämlich Thomas Pynchon, ebenfalls ins Inkognito zurückzog, in einer noch radikaleren Weise als Salinger, da seit Jahrzehnten nicht einmal Pynchons Wohnort bekannt ist und er bereits zu Beginn seiner Laufbahn kaum Spuren hinterließ. Pynchon kappte den Kontakt zur Welt nach dem überwältigenden Erfolg seines ersten Romans „V.“, der 1963 unter anderem als „bestes Debüt der Literaturgeschichte“ ausgezeichnet wurde. Im Gegensatz zu Salinger veröffentlicht Pynchon jedoch annähernd pro Dekade einen neuen, dickleibigen Roman, der plötzlich im Katalog seines Verlags angekündigt wird, da die sonst üblichen Pressetermine, Interviews und Lesungen entfallen.

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Der lange Abschied
Der verschollene Gottkenner (Teil 2)


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 13.Dezember 2007

Der lange Abschied [ 10:45 ] Jetzt abspielen | Download

J.D. Salinger wollte irgendwann kein öffentlicher Schriftsteller mehr sein. Seit 1965 schweigt er. Götz wirft einen Blick auf sein Leben und Werk. Im lange erwarteten zweiten Teil beleuchtet er Salingers Werke und seine Probleme mit dem Ruhm.

Im befreiten Paris macht Salinger Hemingway seine Aufwartung, der im Hotel Ritz logiert. Doch der Krieg ist noch nicht zu Ende. Es folgen die Schlacht im Hürtgenwald, schrecklicher noch als der D-Day, und der Vormarsch innerhalb Deutschlands. Im Juli 1945 erleidet Salinger einen Nervenzusammenbruch. Einem Brief an Hemingway zufolge wird er in einem Krankenhaus in Nürnberg behandelt. Bevor er im November aus der Armee entlassen wird, heiratet er eine Französin, die ihn während seiner Krise offenbar psychologisch betreut hatte.

Das Paar geht aber schon nach wenigen Monaten wieder auseinander. Zurück in den USA treibt Salinger seine literarischen Pläne voran; er hat inzwischen eine Vielzahl von Kontakten geknüpft. Doch nun tritt auch mehr und mehr jener Konflikt hervor, der dazu beitragen sollte, dass Salinger sich knapp zwanzig Jahre später vollständig und endgültig in die Anonymität zurückziehen sollte. Er rückt ab von der „Professionalität“, die ihm anfangs so wichtig gewesen war. Denn das Autorendasein führt zu Kompromissen, die Salinger weniger und weniger einzugehen bereit ist.

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