Erinnerungen an ein abgestrittenes Leben
Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 24.Juli 2011
Prof. Pu empfiehlt “Der Trakt” von Arno Strobel.

Nach längerer Krimi-Abstinenz hatte ich mal wieder Lust auf Entspannung durch Spannung. Arno Strobels Kriminalroman ist ein Psychothriller mit relativ wenig Blut, dafür um so subtiler in seiner Grausamkeit und den Leser auf Feinste manipulierend. Er führt einen zusammen mit der Protagonistin so sehr in die Irre, dass man, genau wie sie, seinen Eindrücken nicht mehr trauen kann.
Sibylle Aurich erwacht aus einem Traum, in dem ihr Sohn entführt wurde. Sie liegt in einem Krankenhausbett in einem seltsamen Kellerraum und kann sich nicht erinnern, wie sie dort hingekommen sein soll. Ein Arzt erzählt ihr, sie sei in einem Park überfallen worden und habe durch einen Schlag auf den Kopf zwei Monate im Koma gelegen. Ihre erste und wichtigste Frage ist die nach ihrem Sohn:
Muhlhaus beugte sich nach vorne und legte seine Hand auf ihre:
„Frau Aurich, ich kann nicht sagen, warum … ich meine, wo diese Gedanken herkommen. Vielleicht hat der Schlag auf den Kopf sie ausgelöst, aber … Frau Aurich, Sie irren sich. Sie haben keinen Sohn.“
Er erklärt ihr, ein menschliches Gehirn sei zu unfassbaren Leistungen fähig und könne ebenso unfassbare Streiche spielen. Trotz ihrer grossen Verwirrung ist sie sich sicher, dass hier einiges nicht stimmt. Es gelingt ihr, aus dem Keller zu fliehen. Als sie, aufsehenerregend, in ihrem Krankenhaushemdchen auf der Strasse steht, hält ein Wagen mit einer schrillen rothaarigen Frau, die sich ihrer annimmt. Notdürftig mit einem alten Mantel bekleidet, läßt sie sich nach Hause zu ihrem Mann bringen – der sie nicht erkennt und behauptet, seine Frau sei vor zwei Monaten verschwunden und sie hätten kein Kind. Auf dem Hochzeitsfoto an der Wand steht ihr Mann neben einer anderen Frau. Sibylle blickt nicht mehr durch. Doch da hat ihr vermeintlicher Ehemann schon die Polizei gerufen. Sie schafft es, auch ihr zu entkommen.
Immer stärker bekommt sie das Gefühl, geisteskrank geworden zu sein. Es taucht ein mysteriöser Mann auf, ein ehemaliger Fremdenlegionär, der von einem „der Doktor“ genannten Auftraggeber angeheuert wurde, Sibylle zu beschatten. Zunächst bemerkt sie ihn nicht.
Der Doktor hatte recht behalten. Jane hatte sich zu dem Haus bringen lassen.
Hans kannte ihren richtigen Namen gar nicht. Das war schade. Der Doktor hatte ihr den Namen Jane Doe gegeben, so wie in Amerika unbekannte Frauen oder nicht identifizierte weibliche Leichen genannt wurden. Hans hatte noch eine Entscheidung des Doktors in Frage gestellt, aber dieser Name widerstrebte ihm, und er konnte nichts dagegen tun.
Sibylle wird nicht nur von Hans beobachtet – ein Mann, dessen Schwester offenbar ein ähnliches Schicksal ereilte, bietet ihr Unterstützung an. Sie vertraut ihm, doch er ist nicht der, der er vorgibt zu sein.
Strobel gelingt es hervorragend, die immer stärker und größer werdende Verwirrung Sibylles auf den Leser zu übertragen. Warum nur hat sie ständig Peter-Maffay-Lieder im Kopf? Den mochte sie doch noch nie! Jede neue Person, die auftaucht, um ihr zu helfen, findet man mit ihr zusammen sofort suspekt oder doch vertrauenswürdig, ändert bald wieder seine Meinung, um am Ende dann wieder hereingefallen zu sein. Man ist sich sicher, ihr Gehirn muss manipuliert worden sein, nur wie und warum? Wer ist sie denn nun wirklich? Ein paar Ungereimtheiten habe ich dafür gern in Kauf genommen, wie auch den Schluss, der mir in den letzten Zeilen dann doch etwas zu gefühlig geraten ist.
Arno Strobel
Der Trakt
Fischer-Taschenbuch € 8,95
978-3-596-18631-0
www.arno-strobel.de
Sie beginnen ihren „Filmclub“ mit Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Gilmour erzählt auf fesselnde und bisweilen auch sehr amüsante Weise Geschichten rund um die Filme, berichtet seinem Sohn und uns von Interviews, die er mit Regisseuren geführt hat, gerät manchmal ins Dozieren, bremst sich charmant-selbstironisch wieder. Es bereitete mir große Lust, seiner persönlichen Filmauswahl zu folgen. Über fünfzig Filme erwähnt er, gesehen haben müssen sie jedoch viel mehr. Er schult den Blick und den Verstand seines Sohnes auf eine einzigartige Weise und begleitet ihn wechselweise durch Liebeskummer und Verliebtheit. Erinnert sich an seine eigenen Jugendlieben, hadert mit sich, als er selbst beschäftigungslos zu Hause herumsitzt und darüber nachdenkt, was die fleißigen chinesischen Nachbarn wohl über sie beide denken könnten.
Sein Roman erzählt die Geschichte des jungen irakischen Taubenzüchters Mahdi aus Babylon. Als Mahdi acht Jahre alt ist, fällt sein Vater im Iran-Irak-Krieg. Seine Mutter erhält von der Regierung zur Entschädigung einen Renault, ein Grundstück und zweitausend Dollar. Sie bringt sich und ihren Sohn mit einem Gemüseladen durch, bis auch sie stirbt und Mahdi nach Nasrijah zu Verwandten kommt. Er sucht sich zwei Ziehväter, Sami, den Taubenzüchter und Razaq, den Geschichtslehrer und Bücherwurm. Von ihnen lernt er für sein Leben, bis zu dem Tag, als er zur Feier seines Abiturs 1989 mit den falschen Leuten in einem Auto sitzt und kurzerhand für zwei Jahre unschuldig im Gefängnis landet. Und auch dort lernt er von den einsitzenden älteren Männern nicht nur die Regeln zum Überleben unter Hunger und Folter, er lernt auch politisches Denken. Die Beschreibungen der Hungerphantasien erinnerten mich stark an die des jungen 





