Erinnerungen an ein abgestrittenes Leben


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 24.Juli 2011

Prof. Pu empfiehlt “Der Trakt” von Arno Strobel.

Prof- Pu empfiehlt "Der Trakt" [ 3:58 ] Jetzt abspielen | Download

Nach längerer Krimi-Abstinenz hatte ich mal wieder Lust auf Entspannung durch Spannung. Arno Strobels Kriminalroman ist ein Psychothriller mit relativ wenig Blut, dafür um so subtiler in seiner Grausamkeit und den Leser auf Feinste manipulierend. Er führt einen zusammen mit der Protagonistin so sehr in die Irre, dass man, genau wie sie, seinen Eindrücken nicht mehr trauen kann.

Sibylle Aurich erwacht aus einem Traum, in dem ihr Sohn entführt wurde. Sie liegt in einem Krankenhausbett in einem seltsamen Kellerraum und kann sich nicht erinnern, wie sie dort hingekommen sein soll. Ein Arzt erzählt ihr, sie sei in einem Park überfallen worden und habe durch einen Schlag auf den Kopf zwei Monate im Koma gelegen. Ihre erste und wichtigste Frage ist die nach ihrem Sohn:

Muhlhaus beugte sich nach vorne und legte seine Hand auf ihre:
„Frau Aurich, ich kann nicht sagen, warum … ich meine, wo diese Gedanken herkommen. Vielleicht hat der Schlag auf den Kopf sie ausgelöst, aber … Frau Aurich, Sie irren sich. Sie haben keinen Sohn.“

Er erklärt ihr, ein menschliches Gehirn sei zu unfassbaren Leistungen fähig und könne ebenso unfassbare Streiche spielen. Trotz ihrer grossen Verwirrung ist sie sich sicher, dass hier einiges nicht stimmt. Es gelingt ihr, aus dem Keller zu fliehen. Als sie, aufsehenerregend, in ihrem Krankenhaushemdchen auf der Strasse steht, hält ein Wagen mit einer schrillen rothaarigen Frau, die sich ihrer annimmt. Notdürftig mit einem alten Mantel bekleidet, läßt sie sich nach Hause zu ihrem Mann bringen – der sie nicht erkennt und behauptet, seine Frau sei vor zwei Monaten verschwunden und sie hätten kein Kind. Auf dem Hochzeitsfoto an der Wand steht ihr Mann neben einer anderen Frau. Sibylle blickt nicht mehr durch. Doch da hat ihr vermeintlicher Ehemann schon die Polizei gerufen. Sie schafft es, auch ihr zu entkommen.

Immer stärker bekommt sie das Gefühl, geisteskrank geworden zu sein. Es taucht ein mysteriöser Mann auf, ein ehemaliger Fremdenlegionär, der von einem „der Doktor“ genannten Auftraggeber angeheuert wurde, Sibylle zu beschatten. Zunächst bemerkt sie ihn nicht.

Der Doktor hatte recht behalten. Jane hatte sich zu dem Haus bringen lassen.
Hans kannte ihren richtigen Namen gar nicht. Das war schade. Der Doktor hatte ihr den Namen Jane Doe gegeben, so wie in Amerika unbekannte Frauen oder nicht identifizierte weibliche Leichen genannt wurden. Hans hatte noch eine Entscheidung des Doktors in Frage gestellt, aber dieser Name widerstrebte ihm, und er konnte nichts dagegen tun.

Sibylle wird nicht nur von Hans beobachtet – ein Mann, dessen Schwester offenbar ein ähnliches Schicksal ereilte, bietet ihr Unterstützung an. Sie vertraut ihm, doch er ist nicht der, der er vorgibt zu sein.

Strobel gelingt es hervorragend, die immer stärker und größer werdende Verwirrung Sibylles auf den Leser zu übertragen. Warum nur hat sie ständig Peter-Maffay-Lieder im Kopf? Den mochte sie doch noch nie! Jede neue Person, die auftaucht, um ihr zu helfen, findet man mit ihr zusammen sofort suspekt oder doch vertrauenswürdig, ändert bald wieder seine Meinung, um am Ende dann wieder hereingefallen zu sein. Man ist sich sicher, ihr Gehirn muss manipuliert worden sein, nur wie und warum? Wer ist sie denn nun wirklich? Ein paar Ungereimtheiten habe ich dafür gern in Kauf genommen, wie auch den Schluss, der mir in den letzten Zeilen dann doch etwas zu gefühlig geraten ist.

Arno Strobel
Der Trakt
Fischer-Taschenbuch € 8,95
978-3-596-18631-0
www.arno-strobel.de


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Versteigerung einer Liebe


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 10.Juli 2011

Prof. Pu empfiehlt: Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck. Von Leanne Shapton

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Wer kennt das nicht, die bisweilen kitschigen und für andere völlig wertlosen Beweisstücke einer Liebe? Eine auf dem Rummel geschossene Plastikrose (nie würde man sich sonst Kunstblumen in die Wohnung stellen!), ein kleines Plüschtier (aus dem Alter sind wir doch jetzt wirklich raus!), der Korken der ersten gemeinsam getrunkenen Champagnerflasche (wollte ich nicht aufhören, alles aufzuheben?)

Leanne Shapton hat aus den Devotionalien einer Liebesgeschichte ein literarisches Kunstobjekt gemacht: Sie erzählt den Lauf einer Liebe anhand eines fiktiven Auktionskatalogs mit den Besitztümern eines erfundenen Paares. Die Idee dazu kam ihr bei der Versteigerung von Truman Capotes Nachlass.

Als ich von ihrem Buch hörte, dachte ich nur, wie soll das gehen – doch schon nach der ersten Seite war ich gefesselt und musste es unbedingt in einem Zug bis zum Ende durchlesen. Der Katalog ruft eine Mischung aus Lese-Neugier (wie geht es weiter, schaffen sie es, bleiben sie zusammen?), Wiedererkennen von Vertrautem (ach, nicht nur ich hebe simple Zettelchen auf … oh, diese Katzenzungen-Schachtel vom Café Demel in Wien steht auch in meinem Bücherregal!), und Bewunderung hervor, für die schöne Idee, eine Liebesgeschichte auf diese ausgefallene Art zu erzählen.

Lenore schreibt eine kulinarische Kolumne für die New York Times, Harold ist freier Fotograf. Kennengelernt haben sie sich auf einer Halloween-Party von gemeinsamen Freunden. Wie rührend ist Objekt Nr. 1006, die zerknitterte Serviette, auf die Lenore für Harold ihre Mailadresse geschrieben hat. Es gibt romantische Widmungen in Büchern, die sie sich gegenseitig zum Geschenk machten:

>>Verliehen an Lenore am Vorabend meiner Abreise nach London am 11. Dez. 2002. Wird nach meiner Rückkehr zurückgefordert. Vergib meinen Platz nicht. H.<<

Oder die unvergesslichen Mix-CDs als Liebesgaben. Kitschige Geschenke, deren Sinn sich nur aus der Intimität zweier Liebenden ergibt (und die einem später schon mal ein kleines bisschen peinlich sein können). Sehr hübsch auch die zehn Postkarten, geschrieben zwei Monate nach ihrem Kennenlernen, von ihm an sie (wie sich doch Worte von Verliebten gleichen, wenn sie nicht beieinander sein können!):

<<War letzten Abend auf einer Vernissage in der Tate. Habe mich vom Wein-Gelage davongestohlen, um mir einen reizenden Balthus im dritten Stock anzusehen. Stellte mir vor, Du stündest neben mir und wir betrachteten ihn gemeinsam …<<

Der Reiz dieses Buches liegt in seinem absoluten und manchmal gnadenlosen Realismus. Wir begleiten sie auf ihrer ersten gemeinsamen Reise nach Venedig, sehen ihre Fotos und lesen ihre Postkarten. Man erfährt alles über das Paar, als ob man mit ihnen befreundet wäre, bei ihnen ein und aus ginge, als ob sie einem ihr Herz ausgeschüttet hätten. Wartet gespannt, ob sie denn nun zusammenziehen. Völlig involviert habe ich dementsprechend empfindlich auf Lenores handschriftliche Notiz reagiert, nachdem sie zu Harold gezogen ist:

<<Ich kann es nicht fassen, dass Du angeblich keinen Kuchen mehr sehen kannst. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, und Deine Worte haben mich tief verletzt. (…) Mein Job ist genauso hart wie Deiner. <<

Noch mehr zog sich mein Herz bei Objekt Nr. 1248, „Eine handschriftliche Notiz“ 18×15 cm / $10-20“ zusammen:

<<BITTE / Beantworte meine E-Mails / Ruf an, wenn Du später kommst / Interessiere Dich für das Thema Essen / Interessiere Dich für meine Freunde / Nimm zur Kenntnis, dass ich versuche, Dich glücklich zu machen / Hör auf, Dich über meine Sachen in Deiner Wohnung lustig zu machen / Hör auf, so herrisch zu sein / Lass Deine Genervtheit nicht mehr an mir aus / VERDAMMT noch mal!<<

Wer hat solche Listen noch nicht erstellt, zumindest in Gedanken? Und dann taucht unter Objekt Nr. 1255 die Nummer eines Paartherapeuten auf, oh oh … Wie es endet? Sie wollen versuchen, Freunde zu sein …  Na, schon mal gehört, schon mal gesagt?

Ich hatte einen sehr kurzweiligen Sonntag mit dieser fein ziselierten Liebesgeschichte in ihrer ausgefallenen Erscheinungsform. Und einige Déja-Vu-Effekte …

Leanne Shapton
Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck.
Berlin-Verlag € 19,90
978-3-8270-0901-2

Links

Creative backstory: Leanne Shapton
Videorezension in 140 Sekunden


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Prof. Pu macht Pause …


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Prof. Pu und die Pücher am 26.Juni 2011

… und kommt in zwei Wochen mit einem neuen “Puch” zurück.


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Umzug mit Büchern


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Prof. Pu und die Pücher am 5.Juni 2011

Prof. Pu empfiehlt zieht mit 35 Bücherkisten um und macht sich so ihre Gedanken:

Hilfe, ich komme einfach nicht zum Lesen, vor lauter Packen und Aussortieren. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in der Lage sein werde, mich von Büchern zu trennen, aber siehe da: es geht! Es gibt Bücher, von denen könnte ich mich niemals verabschieden, meine Paris-Sammlung zum Beispiel, meine Kinderbücher, meine italienischen Krimis, die Gesamtausgaben von Kafka, Woolf, Tucholsky, de Beauvoir und Goethe, oder die Bücher, die ich hier empfohlen habe. Während des Sichtens meiner Bibliothek dachte ich mir neue Stellordnungen aus (wiiieeeso steht dieses Buch hier, das gehört doch ganz woanders hin?!?), trennte mich von den tonnenschweren Ausstellungskatalogen, mit denen ich jetzt schon viermal umgezogen bin und in die ich nieee mehr geschaut habe. Oder von den Titeln, an deren Inhalt ich mich nicht einmal mehr nach dem Lesen der Klappentexte erinnern konnte … Am meisten freut es mich, dass ich für alle aussortierten Bücher Adoptiveltern gefunden habe. Mein Trennungskriterium: Würde ich es noch einmal lesen wollen? Dabei stellte ich dann fest, daß es nur ein einziges Buch gibt, dass ich mehr als einmal gelesen habe: “Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz” von Carlo Fruttero und Franco Lucentini: http://schoener-denken.de/blog/index.php/niederlande-italien/ Leider verschwand es so schnell im Umzugskarton “WoZi Ital. A-F”, daß es keinerlei Zitate hinterlassen konnte. Vom Trennungskriterium “Noch mal lesen?” ausgenommen sind selbstverständlich die Jugendsündenlektüren, ”Hallo Mister Gott, hier spricht Anna”, “Der kleine Prinz” oder “Vom Winde verweht” … oh, “Vom Winde verweht” – darf Margaret Mitchell wirklich neben “Eine unbeugsame Frau” von Margarete Mitscherlich stehen oder sollte ich auch diese Aufstellung noch einmal überdenken? Ich habe noch drei Wochen Zeit, bis ich die Bücher in der neuen Wohnung einräumen darf – wer weiß, welche Allianzen sich ohne mein Zutun in den Kisten noch bilden. Mein liebste Umzugskiste heißt übrigens: WoZi Insel.-Lyrik” …

Carlo Fruttero und Franco Lucentini
Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz
Piper-Taschenbuch 9,95 €
978-3-492-21173-4


2 Kommentare




“Unser allerbestes Jahr”: Cinephilie!


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Kino, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 22.Mai 2011

Prof. Pu empfiehlt: Unser allerbestes Jahr von David Gilmour

Eine Erziehung des Herzens - durch Filmkunst [ 3:28 ] Jetzt abspielen | Download

Es ist ein Vater-Sohn-Buch, ein Kompendium für Cineasten, aber auch ein Männer-Erläuterungs- und Erhellungs-Roman für Frauen – sie verstehen dann vielleicht ein wenig besser, wie junge und ältere Jungs so ticken. Es ist eine Erziehung des Herzen par excellence und eine wahre Geschichte dazu.

David Gilmour, kanadischer Journalist und Filmkritiker, genehmigt seinem Sohn, die Schule vorzeitig zu verlassen. Er kann nicht mehr mit ansehen, wie Jesse sich quält.

Er war ein sanfter, umgänglicher Junge, aber sehr stolz und völlig außerstande, etwas zu tun, was ihn nicht interessierte, selbst wenn ihm die Konsequenzen Angst machten. Sie machten ihm sogar große Angst. Er bekam miserable Noten, nur die Kommentare waren positiv. Er war beliebt, die Leute mochten ihn, sogar die Polizisten, die ihn verhafteten, weil er die Mauern seiner ehemaligen Grundschule mit Graffiti besprühte (ein paar Nachbarn erkannten ihn, ungläubig, fassungslos). Als der Beamte ihn zu Hause ablieferte, sagte er: „Ich würde mir an deiner Stelle keine Hoffnungen auf eine kriminelle Karriere machen, Jesse. Dafür hast Du einfach nicht das Zeug.“

Die einzige Bedingung des Vaters an seinen Sohn, nachdem der ihm gestanden hat, er möchte nie mehr eine Schule von innen sehen: Keine Drogen und:

Ich will, dass du jede Woche mit mir drei Filme anschaust. Ich suche sie aus. Das ist die einzige Form von Ausbildung, die du bekommst.

Mit freundlicher Genehmigung S. Fischer VerlagSie beginnen ihren „Filmclub“ mit Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Gilmour erzählt auf fesselnde und bisweilen auch sehr amüsante Weise Geschichten rund um die Filme, berichtet seinem Sohn und uns von Interviews, die er mit Regisseuren geführt hat, gerät manchmal ins Dozieren, bremst sich charmant-selbstironisch wieder. Es bereitete mir große Lust, seiner persönlichen Filmauswahl zu folgen. Über fünfzig Filme erwähnt er, gesehen haben müssen sie jedoch viel mehr. Er schult den Blick und den Verstand seines Sohnes auf eine einzigartige Weise und begleitet ihn wechselweise durch Liebeskummer und Verliebtheit. Erinnert sich an seine eigenen Jugendlieben, hadert mit sich, als er selbst beschäftigungslos zu Hause herumsitzt und darüber nachdenkt, was die fleißigen chinesischen Nachbarn wohl über sie beide denken könnten.

Es ist ein großes Lesevergnügen, eine geniale Idee für eine Auszeit. Und wie oft habe ich gedacht, ja, diesen oder jenen Film würde ich jetzt auch gerne auf der Stelle sehen. Und wie würde meine persönliche Liste der Herzensbildung-durch-Film-Schule aussehen? Wie wäre das Buch geschrieben von einer Mutter für ihre Tochter? Das sind die guten Lektüren, die mit der Nachwirkung und der Nachhaltigkeit …

Hier noch ein Rat von Herrn Gilmour für alle Filmliebhaber und –Liebhaberinnen:

Wenn man einen Film zum zweiten Mal anschaut, sieht man ihn eigentlich das erste Mal. Man muss wissen, wie er aufhört, um zu erkennen, wie gut er aufgebaut ist.

Einfach schön. Ein großes Danke an die Freundin, die dachte, ich müsse das Buch unbedingt lesen!

David Gilmour
Unser allerbestes Jahr
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Fischer-Taschenbuch € 9,95
978-3-596-18224-4


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“Die Orangen des Präsidenten”: Hinter der Sonne*


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 8.Mai 2011

Prof. Pu empfiehlt: Die Orangen des Präsidenten von Abbas Khider

Hungeralbträume [ 4:35 ] Jetzt abspielen | Download

Es war die große Ausstrahlung Khiders im Interview mit Denis Scheck, die mich faszinierte und mich veranlasste, sofort sein Buch zu kaufen. Dieses strahlende Gesicht mit den dunklen traurigen Augen – und genau so schreibt er auch, traurig-lachend, lachend-traurig:

Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch „Glückstränen“. Mein Vater dagegen war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als „Trauerlachen“ bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.

Mit freundl. Genehmigung der Edition NautilusSein Roman erzählt die Geschichte des jungen irakischen Taubenzüchters Mahdi aus Babylon. Als Mahdi acht Jahre alt ist, fällt sein Vater im Iran-Irak-Krieg. Seine Mutter erhält von der Regierung zur Entschädigung einen Renault, ein Grundstück und zweitausend Dollar. Sie bringt sich und ihren Sohn mit einem Gemüseladen durch, bis auch sie stirbt und Mahdi nach Nasrijah zu Verwandten kommt. Er sucht sich zwei Ziehväter, Sami, den Taubenzüchter und Razaq, den Geschichtslehrer und Bücherwurm. Von ihnen lernt er für sein Leben, bis zu dem Tag, als er zur Feier seines Abiturs 1989 mit den falschen Leuten in einem Auto sitzt und kurzerhand für zwei Jahre unschuldig im Gefängnis landet. Und auch dort lernt er von den einsitzenden älteren Männern nicht nur die Regeln zum Überleben unter Hunger und Folter, er lernt auch politisches Denken. Die Beschreibungen der Hungerphantasien erinnerten mich stark an die des jungen Oskar Pastior in Herta Müllers Roman „Atemschaukel“. Hunger quält alle Menschen gleich und die Phantasiebegabten und Wortgewaltigen finden dafür ähnliche Bilder.

Ich vergaß sogar nach einigen Monaten meinen Traum von der Entlassung und träumte nur noch von einer üppigen Mahlzeit. Es waren schöne Träume, die in Albträumen endeten: Gemüse, Obst, Brot, Getreide, rotes und weißes Fleisch, Säfte und Süßigkeiten fielen mich fast jede Nacht an. Sie spielten mit mir, wie man mit einem Ball spielt. Das Obst warf mich zum Brot und das Brot zu anderen Köstlichkeiten, bis ich in einem Teller voller Suppe landete. Ich badete darin.Versank.

Eines Tages geht im Gefängnis das Gerücht um, am Geburtstag Saddam Husseins soll es eine Amnestie für alle Gefangenen geben. Am Ende erhalten alle statt ihrer Freiheit – wie zynisch und menschenverachtend – eine Orange vom Präsidenten …

Zwischen den Episoden im Gefängnis, in harter rauher Sprache geschrieben, erzählt Khider poetisch-schön und humorvoll vom Leben in dem Land an Euphrat und Tigris, das ständig in unseren Nachrichten auftaucht und von dem wir doch so wenig wissen.

Meine Mutter konnte kein Englisch. Die meisten Leute im Kurden-Viertel konnten das nicht, nur die Christen. Meine Mutter behauptete, es sei ganz normal, dass die Christen Englisch sprächen. Sie sähen ja schließlich genauso blass aus wie die Christen in Europa, die man im Fernsehen zu Gesicht bekam. „Ich glaube, alle blassen Leute können Englisch“, schloss meine Mutter ihre Erklärungen ab.

Als Mahdi 1991 im Chaos des Golfkrieges von Aufständischen aus dem Gefängnis befreit wird  und zu seinem Onkel zurückkehrt, erkennt er sich selbst nicht mehr ihm Spiegel. Und am Ende muss er zusammen mit vielen anderen auch noch aus seinem Land fliehen.

Zufällig wird man erwachsen, hatte ich festgestellt, als ich den ersten Tag des Verhörs im Knast erlebte. Aber im März des unbeschreiblichen Jahres 1991 musste ich meine Erkenntnis erweitern: „Zufällig wird man erwachsen oder ein Fremder.“

Khiders Roman trägt autobiographische Züge. Auch er saß aus politischen Gründen zwei Jahre in einem irakischen Gefängnis. Nach Jahren als illegaler Flüchtling studiert er mittlerweile in Berlin. Er schreibt seine Bücher auf Deutsch, sein liebstes deutsches Wort ist „Mut“. Ich hoffe sehr, noch viel von ihm lesen zu können!

*irakisch-umgangssprachlich für Gefängnis

Abbas Khider
Die Orangen des Präsidenten
Nautilus € 16.-
978-3-89401-733-0

Abbas Khider im Gespräch mit Lerke von Saalfeld für “SWR2 Zeitgenossen”:

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Frohe Ostern ohne Pu


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Prof. Pu und die Pücher am 24.April 2011

Professor Pu lässt schön aus dem Osterurlaub grüßen und was macht sie? Lesen natürlich. Damit wir uns am Sonntag in zwei Wochen wieder über eine frische Buchempfehlung freuen können. Wer es solange nicht mehr aushalten kann, bitte hier klicken.


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“Die Prinzeninseln”: Sehnsuchtsorte


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 10.April 2011

Prof. Pu empfiehlt: Die Prinzeninseln von Joachim Sartorius

„Neapel hat Capri und Ischia; Konstantinopel hat die Prinzeninseln.“
Gustave Schlumberger, Les ?les des Princes, 1884

Die acht kleinen Inseln, auf Türkisch K?z?l Adalar, liegen im Marmarameer vor Istanbul – der Stadt, die nach einem Besuch von nur wenigen Tagen bei mir einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat wie keine andere Stadt zuvor. Die Prinzeninseln habe ich nicht besucht, sie leider nur von Weitem gesehen, doch spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens sind sie mir ein Sehnsuchtsort geworden.
Eine Zufallsbegegnung bringt Sartorius dazu, sich näher mit den Inseln zu beschäftigen:

Selçuk war ein Penner. Ich lernte ihn auf der Galata-Brücke kennen, in einer Teestube im unteren Brückengeschoss. Er verbrachte dort die Sommer und schnorrte Touristen an. Im Winter war er Wächter einer Villa auf Büyük Ada, der größten der Prinzeninseln im Marmarameer, acht Seemeilen vor Istanbul gelegen.

Sartorius nimmt die Einladung Selçuks, ihn zu besuchen, kurzentschlossen an. Er mietet sich im Art-Déco-Hotel auf Büyük Ada ein, als einer der letzten Gäste der Saison:

Ich sitze immer noch auf meiner Terrasse des Splendid. Ich weiß nichts, mir gehört nichts, und doch bin ich schon der Besitzer von einem Haufen Sterne, von dieser Brise, die vom Meer her kommt (…)
Es ist schöner als im Film.

Ganz leichtfüßig und anregend erzählt Sartorius die wechselhafte und spannende Geschichte des Osmanischen Reiches und, damit verbunden, die der Inseln. Sie waren Zufluchtsort der griechischen und armenischen Familien, Luxusorte für die Sommerresidenzen der reichen Istanbuler. Auch Orhan Pamuks Großmutter hatte ein Haus auf einer der Inseln, viele Sommer hat er dort verbracht:

In einem kurzen, schönen Essay beschreibt er, wie die Abfahrt der Familie nach Heybeli mit dem Beginn des Sommers zusammenfiel. Die Vorbereitungen waren zeitraubend. Da es zu dieser Zeit noch keinen Kühlschrank in dem Sommerhaus gab – in jenen Tagen war ein Kühlschrank noch ein sehr teurer westlicher Luxusgegenstand -, wurde das weiße Ungetüm in dem Haus in Ni?anta??, dem Istanbuler Viertel, in dem die Familie Pamuk lebte, enteist, dann kamen Umzugsleute, verpackten es, hievten es mit Stricken und breiten Riemen auf die Schultern, und schließlich ging es zur Fähre, zusammen mit einem Dutzend Koffer.

Sartorius schwelgt in Landschaftsbeschreibungen und porträtiert frühere Inselbewohner -  Trotzki war auch dort im Exil – und die Heutigen, ihre Freude am Leben, dort, ein wenig außerhalb der Welt. So ganz en passant erfährt man Interessantes über die türkische Kultur. Wie zum Beispiel einen Trinkspruch, der an einem schönen Abend ausgesprochen wird:

Dass unsere schlechtesten Tage so sein mögen wie dieser!

Gelernt habe ich auch, dass drei Geräusche zum Wohlbefinden eines türkischen Mannes beitragen:

Das Geräusch von Wasser, das Geräusch einer Frau und das Geräusch von Geld.

Welches Geräusch einer Frau sie wohl meinen – aber das nur nebenbei …

Diese sehr gelungene Mischung aus Reisebeschreibung, gelebter Geschichte und Porträt ist eine einzige literarische Reiseaufforderung: Nehmt das Buch, den eigenen Prinzen – oder die Prinzessin –  und los, auf die nächste Fähre in Richtung K?z?l Adalar!

Joachim Sartorius
Die Prinzeninseln
Mare-Verlag €18.-
978-3-86648-116-9


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