Darwin und das Erdbeben von Chile


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 12.Juni 2009

Götz Kohlmann spürt einem Darwin nach, der sich auf unsicherem Grund bewegt:

Das Erdbeben in Chile [ 8:54 ] Jetzt abspielen | Download

Während seiner Reise um die Welt mit dem Expeditionsschiff „Beagle“ verbrachte Darwin auch eine längere Zeit in Chile. Eines Tages wurde er dort Zeuge eines gewaltigen Erdbebens. Allerdings hielt er sich zum Zeitpunkt des Bebens nicht in einer Ortschaft auf, sondern befand sich in einem Wald nahe des pazifischen Ozeans. So kam es, dass er das Beben zunächst nicht als Katastrophe, sondern als „zutiefst interessantes, aber keineswegs furchterregendes Phänomen“ erlebte. Es war der 20. Februar 1835. Im Wissen um Darwins späteres Werk und dessen heutige Bedeutung nimmt das Erlebnis einen prophetischen, gleichnishaften Charakter an.

„Ich war gerade an der Küste und hatte mich im Wald niedergelegt, um auszuruhen“,

schreibt Darwin in seinem Reisetagebuch. Ein Wald in Meeresnähe: ein romantischer Topos, der Assoziationen weckt, der Wald als Ort des Geheimnisvollen und Unheimlichen, als die Lokalität, in der sich im Märchen alle Schrecken und manche Wunder verbergen, in der man mit ungeheuren Begegnungen rechnen muss, die sich außerhalb der Gegenwart ereignen.

Ich stelle mir die Bäume jenes Waldes vor, in dem Darwin lag, und es sind alte, von Stürmen gebogene und zerzauste Kiefern und ich stelle mir vor, dass er dem Sausen in ihren Nadeln lauschte. Vielleicht war da kein anderer Laut, als dieses Sausen. Mir fällt auch Hitchcocks „Vertigo“ ein, der Wald der Mammutbäume in Kalifornien, in dem Kim Novak unter den Blicken James Stewarts somnambul umherwandelt, einer lebenden Toten gleich, der Zeit enthoben. Darwin ist nicht allein, ein Begleiter ist bei ihm, und doch ist es, als sei diese Erfahrung in dieser Weise nur ihm zugedacht gewesen. Darwin schreibt:

„Es brach unvermittelt aus und dauerte zwei Minuten, doch erschien die Zeit viel länger. Das Schwanken des Bodens war deutlich zu spüren … Es war nicht schwer aufrecht zu stehen, doch die Bewegung machte mich fast schwindelig; sie glich der Bewegung eines Schiffes in einem kleinen Wellenschlag von querab oder eher noch jener, die man empfindet, wenn man auf dünnem Eis Schlittschuh läuft und dieses sich unter dem Körpergewicht beugt.“

Darwin zeigt sich in diesem Augenblick der Gefahr ganz und gar als Naturwissenschaftler; es fasziniert ihn, dass die scheinbare Gewissheit des festen Bodens unter den Füßen sich als trügerisch erweist. Scheinbare Gewissheiten zu hinterfragen, zu stürzen und neue zu errichten – das ist es auch, was auf der Fahne der Wissenschaften steht. In Darwin selbst bereitet sich auf dieser Weltreise ein Beben vor, ein intellektuelles Beben, das Jahrzehnte später, nach stiller Arbeit in einem südenglischen Landhaus, die Grundfesten menschlichen Denkens erschüttern sollte. Es klingt in diesen Tagebuchzeilen schon an, dass Darwin einst bereit zum Äußersten sein würde.

„Es ist, als würde man einen Mord gestehen“

so äußert er sich selbst in einem Brief an den Botaniker Joseph Hooker über die Veröffentlichung seiner Evolutionstheorie. Der unvoreingenommene, freie Blick auf die Dinge – das war weiterlesen


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Lawrence von Arabien [3]


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 11.Oktober 2008

Dritter Teil
Die Ruhelosigkeit des Helden

Lawrence von Arabien (3) [ 7:24 ] Jetzt abspielen | Download

In London gilt Lawrence bald als die “die romantischste Gestalt, die der Krieg hervorgebracht hat”, wie Rudyard Kipling sagte. Hier setzt er sich noch einmal für Feisal und die Sache der Araber ein. Er nutzt seinen Ruhm, um verantwortlichen Politikern “auf die Hühneraugen zu treten”, wie der Parlamentarier Robert Cecil es nannte. Als Feisal im Februar 1919 vor der Friedenskonferenz in London spricht, übersetzt Lawrence. Beide stehen sie vor der Versammlung in leuchtend weißen Scherifengewändern und so hat sich das Bild von T. E. Lawrence in der englischen Vorstellungswelt eingebrannt: ein Abenteurer und Gelehrter, der Züge sprengt und als Feldherr die Araber zum Sieg führt. Auf einen solchen Helden hatte England lange gewartet und Lawrence versäumte nun nichts, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Jetzt ist es auch an der Zeit, die Legende zu festigen. Lawrence beginnt mit der Arbeit an seinem Werk “Die sieben Säulen der Weisheit”, mit dem er sich an die Seite von Dostojewski und Melville stellen will. Auf mysteriöse (und publikumswirksame) Weise geht das Manuskript verloren – in unglaublich kurzer Zeit erschafft er das ganze Werk aus dem Gedächtnis neu und wird später Ungenauigkeiten in Details mit eben diesen Umständen erklären. Möglicherweise ist das Manuskript gar nicht verschwunden, sondern einfach umgearbeitet worden. Das ganze Werk – von den Zeitgenossen bejubelt – erscheint uns heute literarisch durchschnittlich, politisch subjektiv und historisch sehr oberflächlich.

Als 1920 Feisal als König von Syrien aus Damaskus vertrieben wird, hört man von Lawrence allerdings keinen Protest. Im folgenden Jahr arbeitet Lawrence als Berater für arabische Angelegenheiten für den Kolonialminister Churchill. Im März nimmt er an der Kairo-Konferenz teil, die Feisal zum Oberhaupt des Irak wählt. Am 20. Juli 1922 aber scheidet Lawrence aus Churchills Dienst aus und tritt inkognito als einfacher Soldat bei der Luftwaffe ein.

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Lawrence von Arabien [2]


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 10.Oktober 2008

Zweiter Teil
Der Ruf des Helden

Lawrence von Arabien (2) [ 10:59 ] Jetzt abspielen | Download

Nach einer ersten Reise durch den Mittleren Osten, bei der er dem Reiz des Orients, des größeren Mondes und der weiten Gewänder erliegt, begleitet T. E. Lawrence Hogarth nach Karkemisch, einem Ausgrabungsort an den Ufern des Euphrat, und hier verbringt Lawrence die vier glücklichsten Jahre seines Lebens. Durch Hogarths Protektion finanziell gesichert führt er bei den Ausgrabungen ein Leben eingewoben in einen Kokon von exquisiter Kultur: Nach Beendigung der täglichen Arbeiten liest man aus den Werken seiner Lieblingslyriker und trinkt Tee aus 2.000 Jahre alten Tassen.

Und Lawrence lernt Dahoum kennen, einen jungen syrischen Arbeiter, dem er Unterricht gibt. Zu diesem knabenhaften Syrier fasst Lawrence eine tiefe, zärtliche Zuneigung und mit ihm zusammen gerät er später in Halfati in ein türkisches Gefängnis, wo er – in Dahoums Kleidern – für einen Araber gehalten und ausgepeitscht wird. Es mag erstaunen, dass er sich nicht als Engländer zu erkennen gibt, um der rohen Behandlung zu entkommen. Es ist nicht so sehr Tapferkeit (wie es in das Bild des Helden passen würde) die ihn die Misshandlungen ertragen lässt: Zum ersten Mal fühlt er die Nähe von Schmerz und Verzückung. Eine Erfahrung, die sein weiteres Leben prägen wird. Lawrence erwirbt sich in dieser Zeit solide Kenntnisse der arabischen Sprache und erweist sich als geschickt im Umgang mit arabischen Arbeitern, er weiß sie anzutreiben und zu belohnen, und er weiß, wie er sie von sich überzeugen kann.

Dies qualifiziert ihn für eine neue Aufgabe, die er bei Ausbruch des Krieges übernimmt: Am 23. Oktober 1914 wird er offiziell als Dolmetscher im Rang eines Leutnants vom Arabischen Büro des britischen Gemeindienstes in Kairo eingestellt. Für längere Zeit erwarten ihn in der Hauptsache langweilige Schreibtischarbeiten in einer Stadt, die aus einer orientalischen und einer europäischen Hälfte besteht. Wobei im europäischen Kairo der Stossseufzer “Man kriegt keinen Tisch im Club!” noch die Klagen über die überfüllten Tennisplätze übertönt.

Das ist nicht die Welt des T. E. Lawrence, der sich derweil, wie einige andere auch, Gedanken macht über den arabischen, antitürkischen Aufstand, der Dschidda und Mekka bezwingt. Lawrence plädiert für militärische und finanzielle Unterstützung. Die Bildung einer Freischärlertruppe, die leicht bewaffnet und hoch beweglich tief nach Syrien eindringen könnte, ist im Gespräch – Lawrence begeistert sich für diese Idee. Aber erst als Sir Wingate Hochkommissar wird, konkretisiert sich eine Unterstützung des Aufstandes. Damit beginnt eine Phase in Lawrence Leben, die ihm legendären Ruhm einbringen wird.

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Ein Kommentar




Lawrence von Arabien [1]
Das Maß des Helden


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 9.Oktober 2008

Erster Teil
Die Herkunft des Helden

Lawrence von Arabien [ 6:48 ] Jetzt abspielen | Download

Den Mensch dürstet es nach Mythen, nach jenen archetypischen Landschaften, bevölkert von Feinden und: Helden. Auch in unserer entmythologisierten Zeit ist uns diese Sehnsucht nicht verlorengegangen. Wir sind weiterhin auf der Suche nach Figuren, auf die wir uns projezieren können, um unsere eigene Schwäche zu vergessen, in deren Haut wir schlüpfen können, um ihre Tapferkeit zu teilen.

Eine solche Figur ist der englische Offizier Thomas Edward Lawrence, der im Dezember 1914 seine Tätigkeit für den britischen Geheimdienst in Kairo aufnimmt. Sein Einsatz für die Befreiung der arabischen Stämme, seine abenteuerliche Rolle in den Konflikten mit den Türken, die Eroberung von Aqaba und Damaskus und die Verehrung seiner arabischen Freunde haben ihm den Ruhm eines “modernen Helden” eingetragen. Nicht ohne Grund, wie sich zeigen wird, und auf jeden Fall nicht ohne sein eigenes Zutun.

War Lawrence ein Held? Und von welchem Heldenbegriff soll man ausgehen? Bruce Chatwin bietet uns in seinem Roman “Songlines” eine Definition, die auf Lawrence angewendet werden kann:

“Jede Mythologie hat ihre eigene Version vom Helden und seinem Weg der ‚Prüfungen’, in denen ein junger Mann ebenfalls einen ‚Ruf’ erhält. Er reist in ein fernes Land, wo ein Riese oder ein Ungeheuer die Bevölkerung zu vernichten droht. In einem übermenschlichen Kampf überwältigt er die Kräfte der Finsternis, beweist seinen Mannesmut und erhält seine Belohnung: eine Frau, einen Schatz, Land, Ruhm. An alledem erfreut er sich bis ins fortgeschrittene Alter, wenn abermals dunkle Wolken heraufziehen. Wieder überkommt ihn die Ruhelosigkeit. Wieder bricht er auf; entweder wie Beowulf , um im Kampf tödlich verwundet zu werden, oder, wie der blinde Tereisias Odysseus weissagte, um zu irgendeinem geheimnisvollen Ziel aufzubrechen und zu verschwinden.”

An diesem Maß soll Thomas Edward Lawrence gemessen werden. Und indem wir seiner Lebensgeschichte folgen, werden wir einen Mechanismus der Mythenbildung finden, ohne den kein Heldentum möglich wäre.

(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog “furchtlos” ins Leben gerufen worden ist.)
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Yellow Sky …


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Kino, Podcast am 18.Mai 2008

… und die Grammatik des Bildererzählens
being the second (and last) part of:

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von Götz Kohlmann

Yellow Sky [ 20:11 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 41

Ohne die Imagination des Betrachters gibt es kein Kino. Oftmals lösen die Filme, die wir nur vom Hörensagen kennen oder einmal als Kind sahen, zu denen uns aber die Phantasie vage Szenen entworfen hat, sobald wir sie dann tatsächlich zu Gesicht bekommen, Enttäuschung aus. Manchmal lösen die Filme das Versprechen ihrer Boten aber auch vollkommen ein oder übertreffen es sogar noch. Das gilt auch für den Western “Yellow Sky”, den Götz Kohlmann für einen Klassiker des Genres hält. Der im März im Alter von 93 Jahren verstorbene Schauspieler Richard Widmark zeigt darin sein überragendes Können.

Die Gier nach Reichtum und die Vergewaltigung der Natur stehen im Mittelpunkt eines Westerns, der vor genau 60 Jahren von William A. Wellman gedreht wurde: „Yellow Sky“. Das Fehlen Wellmans in dem ansonsten hervorragenden Nachschlagewerk „Filmregisseure“ des Reclam-Verlags ist eine unverzeihliche Lücke. Wellman, wie viele der großen Hollywood-Autoren in allen Genres zu Hause, stand vor allem in den 30er Jahren in der ersten Reihe der Regisseure. 1931 schuf er mit „The Public Enemy“ eines der herausragenden Werke der frühen Tonfilmzeit, in dem sich Gesellschaftsanalyse, Gangsterromantik und realistisches Großstadtpanorama verbinden.

Berühmt wurde die Szene, in der James Cagney, der einen der Gangster spielt, seiner Freundin beim Frühstück eine halbe Grapefruit ins Gesicht presst, für Cagneys künftiges Rollenschema ein archetypischer Moment. Später drehte Wellman drei der schönsten und wichtigsten Western überhaupt: „The Ox-Bow-Incident“, „Colorado“ und eben „Yellow Sky“ – im deutschen Verleih hieß er früher „Nevada“ oder „Herrin der toten Stadt“.

Die beiden letzten habe ich als Kind gesehen und sie haben in mir damals einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass sie jahrelang immer wieder in meinen Tagträumen auftauchten und dann wie eine Erinnerung langsam verblassten. „Yellow Sky“ wurde im Fernsehen schon lange nicht mehr gezeigt, in den Programmkinos lief er auch nicht; vielleicht verpasste ich ihn auch unglücklicherweise. Der Film wurde für mich zu einem Phantom, oder nein, er wurde zu dem, was ich mir als Inbegriff von Kino vorstellte; ich denke dabei an einen Ausspruch von Jean-Luc Godard über seine Zeit als Kritiker bei den „Cahiers du Cinema“:

„Kino nannten wir die Filme, die wir nicht sehen konnten, Kino war das Unsichtbare“

sagte er.

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There will be blood …


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Kino, Podcast am 5.Mai 2008

… und die Folgen einer historischen Pleite in Hollywood
being the first part of
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von Götz Kohlmann

There will be blood [ 16:07 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 38
Ohne die Imagination des Betrachters gibt es kein Kino. Oftmals lösen die Filme, die wir nur vom Hörensagen kennen oder einmal als Kind sahen, zu denen uns aber die Phantasie vage Szenen entworfen hat, sobald wir sie dann tatsächlich zu Gesicht bekommen, Enttäuschung aus. Denn es ist nicht leicht unsere Erwartungen zu erfüllen. Manchmal lösen die Filme das Versprechen ihrer Boten aber auch vollkommen ein oder übertreffen es sogar noch. Mit den drei Western, die im hier im Mittelpunkt stehen, hat Götz Kohlmann entsprechende Erfahrungen gemacht.

Ein zumindest aus der Perspektive Hollywoods entscheidender Wendepunkt der Kinogeschichte wird markiert durch Michael Ciminos Western „Heaven´s Gate“ aus dem Jahr 1980. Der Film, ein grandioses Meisterwerk, dessen Produktionskosten Cimino durch seinen Perfektionismus höher und höher getrieben hatte, fiel in den USA bei der Kritik und an den Kinokassen komplett durch. Das traditionsreiche Studio „United Artists“, 1919 von Douglas Fairbanks, Mary Pickford, D. W. Griffith und Charlie Chaplin gegründet, ging daran bankrott oder ließ sich nach anderer Lesart vorsorglich von der MGM aufkaufen, da man glaubte, der eigene gute Ruf sei nun unwiederbringlich verloren und dieser Flop werde wenn nicht sofort dann bald in den Ruin führen.

Seit den sechziger Jahren war die Macht der Regisseure in Hollywood immer mehr gewachsen. Die größten Erfolge feierten die Individualisten und nicht die für den Kassenerfolg konzipierten Studioprojekte. Es war damals ganz selbstverständlich einem Mann, der kurz zuvor mit dem Vietnam-Epos „The Deer Hunters“ (deutscher Titel: Die durch die Hölle gehen) die wichtigsten Oscars gewonnen hatte, freie Hand zu lassen. Nach dem „Heaven´s Gate“-Debakel kehrten sich die Verhältnisse wieder um. Fortan bestimmten die Studios wieder die Richtung und sie bauten ihre Macht mehr und mehr aus.

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Triumph der Einbildungskraft


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 15.April 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Vierter und letzter Teil
von Götz Kohlmann

Kriminalschriftsteller Borges [ 5:51 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 35
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im vierten und letzten Teil ist er dem „Kriminalschriftsteller Borges“ auf der Spur.

Borges war fasziniert von Detektivgeschichten. Folgerichtig wandte er sich selbst der Kriminalgeschichte zu, allerdings auf seine ureigene Weise. Auch in „Der Tod und der Kompass“ klingen seine zentralen Themen an – die Geheimnisse, die unwissende Menschheit, die Mystik, mit der sie sich aushilft. Wie auch an anderen Stellen seines Werks ließ sich Borges von der Kabbala, den jüdischen Geheimlehren, inspirieren. Allein der Gangstername „Red Scharlach“ deutet aber an, dass Borges hier in „Der Tod und der Kompass“ genüsslich auch mit Elementen der Trivialliteratur spielt, die ihm gut vertraut war.

Überhaupt scheint er eine diebische Freude daran gehabt zu haben, die disparatesten Motive aus Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Religion aller Zeiten und Kulturen zusammenzubrauen. Religionen und Philosophien hielt Borges für Zweige der phantastischen Literatur und ein Fabelplanet wie „Tlön“ hatte für ihn nicht weniger Wahrscheinlichkeit als die Weltbilder von Marx, Buddha, Platon oder des Vatikan, so die Herausgeber Gisbert Haefs und Fritz Arnold in ihrem Nachwort zur Taschenbuchausgabe der „Fiktionen“.

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Ein Punkt, der alle Punkte in sich birgt


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 7.April 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Dritter Teil
von Götz Kohlmann

Das Aleph [ 3:31 ] Jetzt abspielen | Download

Götz liest BorgesPodcast 33
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im dritten von vier Teilen ist er dem geheimisvollen „Aleph“ auf der Spur.

„An jenem strahlenden Februarmorgen, als Beatriz Viterbo starb, nach einem herrscherlichen Todeskampf, der sich keinen Augenblick zu Sentimentalität oder Furcht hinabließ …“

So beginnt „Das Aleph“. Der Vetter jener Beatriz Viterbo, in die der Erzähler verliebt war, schreibt an einem Versepos, das die Erde in ihrer Gesamtheit darstellen soll, an einer kompletten Schilderung des Planeten, die keinen Baum, kein Haus, keine noch so entlegene Insel vergisst. Der Erzähler mit Namen Borges ist zunehmend genervt von der dreisten, geschwätzigen Eitelkeit des Möchtegern-Dichters und sein Verdruss mündet in die sarkastische Feststellung:

„Ich begriff, dass die Arbeit des Dichters nicht im Dichten bestand, sondern im Erfinden von Gründen, die Dichtung herrlich zu finden …“.

Nur die Erinnerung an die unerfüllte Liebe zu Beatriz, die er von ferne anbetete, treibt „Borges“ noch zu den zweifelhaften Treffen mit seinem Bekannten. Zunächst bewegt sich die Erzählung recht unspektakulär und unterhaltsam dahin, getragen von ihrem pathetischen Auftaktsatz. Etwa in der Mitte und wie selbstverständlich schlägt sie um ins Phantastische. Borges verfügt wie Kafka über die Qualität, das Ungeheuerlichste ganz lakonisch vorzutragen. Daneri, der Vetter von Beatriz, offenbart dem Erzähler am Telefon, dass sich im Keller seines Elternhauses ein Aleph befindet, ein Punkt im Raum, der alle anderen Punkte in sich enthält und simultan sichtbar macht. Er habe es schon als Kind entdeckt. Nun drohe er es zu verlieren, da das Haus abgerissen werden solle.

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