Prof. Pu ist Guido Guerrieri verfallen


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 8.Januar 2012

Prof. Pu empfiehlt: In ihrer dunkelsten Stunde von Gianrico Carofiglio

Prof. Pu ist Guido Guerrieri verfallen [ 3:52 ] Jetzt abspielen | Download

Zum Glück bin ich nicht die Einzige – ich weiß da noch einige Leserinnen – die Guido Guerrieri, Rechtsanwalt und Privatdetektiv aus Neigung, verfallen ist. Man möchte ihn aus dem Buch herausholen, sich mit ihm bei einem bis vielen caffés unterhalten, so realistisch, intensiv und plastisch beschreibt Carofiglio auch im vierten  Band seiner Kriminalromane den  einsamen Wolf aus Bari. Ich kenne keinen Ermittler, der so intelligent, gebildet und selbstironisch bis zynisch ist wie Guerrieri. Ein melancholischer Buch- und Filmliebhaber, der zum Aggressionsabbau auf „Mr. Sandsack“ eindrischt.
Erst wehrt er sich gegen den neuen Auftrag, den ihm ein Anwaltskollege ans Herz legt.

Fornellis Mandanten waren ein Mann und eine Frau. Ein Ehepaar, beide etwa zehn Jahre älter als ich, schätzte ich, als ich sie sah. Ein paar Tage später, als ich die Akten mit ihren Personalien las, sollte ich feststellen, dass wir beinahe gleich alt waren.
Der Mann rührte mich besonders. Der leere Blick, die gebeugten Schultern, die zu weiten Kleider. Als ich ihm die Hand gab, traf ich auf ein wirbelloses, unglückliches Lebewesen.
Die Frau wirkte normaler, sie war relativ sorgfältig gekleidet, aber auch ihre Augen hatten etwas Krankes, was auf eine seelische Verletzung zurückzuführen war. Ihr Eintreten war wie ein feuchter, kalter Windstoß.

Manuela, ihre Tochter, ist nach einem Wochenende mit Freunden spurlos verschwunden, die Akte soll geschlossen werden, doch die verzweifelten Eltern wollen nicht daran glauben, daß sie nicht mehr lebt und ihr Fall für immer ungeklärt bleibt.

carofiglio

Widerwillig läßt er sich auf den Auftrag ein.

Ich sagte mir, dass ich einen Versuch machen würde. Mehr nicht. Und zuerst mit dem Unteroffizier sprechen, der die Ermittlungen geleitet hatte, Maresciallo Navarra. Ich kannte ihn, wir waren einander wohlgesonnen, und er würde mir sicherlich sagen, welche Meinung er sich über den Fall gebildet hatte, über das Geschriebene hinaus. Danach würde ich entscheiden, ob ich weitermachte und was ich tun wollte.
Als ich auf die Straße trat, zog ich mit einer einstudierten Geste den Kragen meines Trenchcoats hoch, auch wenn dazu kein Anlass war.
Wer zu viele Bücher liest, tut Dinge, für die es keinen Anlass gibt.

Guerrieri beginnt, die Freundinnen der verschwundenen Studentin zu befragen. Wider besseres Wissen, trotz innerer Zwiespälte, läßt er sich mit einer von ihnen auf ein Techtelmechtel ein.
Seine Ermittlungen führen ins Drogenmilieu, zu Kokainhändlern, doch nichts läßt sich an irgendetwas festmachen. Er spürt das Fehlen eines entscheidenden Fakts, erst die Erinnerung an ein Zitat aus einem Conan Doyle-Roman löst den Knoten:„Der Hund hat nicht gebellt.“

Der Schlüssel zu diesem Rätsel bestand darin, dass etwas nicht passiert war. Etwas, was hätte passieren müssen und nicht passiert war.

Am Ende hat er den Alptraum aufgelöst und findet sich doch in ihm wieder …
Carofiglios Kriminalromane enthalten neben einer spannenden Handlung immer auch Liebeserklärungen an Leser, Bewegtbildschauer, Philosophen und nostalgische Rückblicke – sie sind viel viel mehr als einfach nur Krimis.

Gianrico Carofiglio
Viktoria von Schirach (Übers.)
In ihrer dunkelsten Stunde
Goldmann € 17,99
978-3-442-31229-0


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Die ertränkte Braut


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 27.November 2011

Prof. Pu empfiehlt: Sieh mir beim Sterben zu von P. J. Tracy

Computerfreaks gegen Serienkiller [ 4:40 ] Jetzt abspielen | Download

Sie sind mir wirklich ans Herz gewachsen, die schrillen Typen von Monkeewrench, der Software-Firma, die der Mordkommission von Minneapolis schon so oft, wenn auch meist mit unlauteren Mitteln, geholfen haben. Auch in diesem Fall werden sie von den Detectives Leo Magozzi und Gino Rolseth um Hilfe gebeten, selbst das FBI muß sich den hervorragenden Kenntnissen der schlauen Hacker beugen.

Im Internet ist ein Film aufgetaucht, in dem eine Braut ertränkt wird, die Leiche dazu wurde tatsächlich im See gefunden.

“Die meisten von Ihnen haben verständlicherweise eine gewisse Abneigung dagegen, mit dem FBI zusammenzuarbeiten”, begann John Smith und bedachte seine Zuhörer mit einem angedeuteten Lächeln. “Das liegt vermutlich daran, daß die meisten von Ihnen regelmäßig gegen etliche Bundesgesetze verstoßen.” Nervöses Lachen im Publikum. “Kurioserweise ist genau das der Grund, warum wir Sie heute hergebeten haben.”

Und dann will dieser FBI-Smith auch noch für die Dauer der Ermittlungen bei Monkeewrench einziehen, Harley dreht am Rad, Grace bleibt gefasst:

“Das geht Dir ganz schön an die Nieren, was?”
“Das kannst Du laut sagen, dass mir das an die Nieren geht. Wir werden für Gott weiß wie lange einen FBI-Fuzzi im Haus haben,der uns über die Schulter glotzt und jeden Schritt beobachtet, den wir machen.”
“Na und?”
“Na und? Na und?! Bist Du noch zu retten? Wir brechen bei der Arbeit täglich hundert Bundesgesetze. Wir knacken geschützte Websites – verdammt, wir haben uns doch schon beim FBI eingehackt, als wär’s unser eigenes E-Mail-Konto. Die warten, bis sie die Software haben, die sie von uns brauchen, und dann wandern wir für die nächsten hundert Jahre in den Knast. Mein Gott, wir schlagen diese Typen doch seit zehn Jahren grün und blau. Die hassen uns. Und was machen sie? Fragen lieb an, ob wir ihr beschissenes trojanisches Pferd nicht in unser Büro lassen wollen. Und wir öffnen ihnen Tür und Tor.”

Doch sie lassen es zu, denn die Polizei ist völlig verwirrt, immer mehr Filme von kaltblütigen Morden erscheinen, dazu diese rätselhafte Ankündigungen:

“StAdT dEr enGel. Kein Zuhause. Nicht weit vom Pier.”

Sind es Trittbrettfahrer, eine Gruppe von Killern, die sich in einem Internetforum gefunden haben, ist es nur einer? Zwei der Opfer, Serviererinnen von Fast Food-Restaurants, überleben ihre Mordanschläge nur knapp. Dann ist da noch der alkoholabhängige ehemalige Richter Jim, der sich ständig in die Ermittlungen einmischt.
Zu allem Überfluß tauchen in der ganzen Stadt auf öffentlichen Plätzen Gläser mit einer unbekannten Flüssigkeit auf, panikartig verlassen die Bewohner Minneapolis. Zur Verwirrung der Kommissare kommt Überforderung hinzu. Doch die gewieften Hacker finden immer wieder eine Lücke im Netz hier, eine Überwachungskamera da, eine IP-Adresse dort und zeigen den Profis von der Polizei, wo es langgeht …

Hinter dem Pseudonym P.J. Tracy steckt ein Autorenteam von Mutter und Tochter, denen nicht nur enorm spannende Handlungen gelingen, sondern auch wunderbar präzise Charakterbeschreibungen ihrer Protagonisten. Kommissar Gino, immer ans Essen denkend, Magozzi und seine unerfüllte Liebe zu Grace “mit ihrem Domina-Charme”, eine begnadete Hackerin und Köchin, die sich nach mehreren Anschlägen auf ihr Leben zu einem Kontrollfreak entwickelt hat. Von ihr habe ich übrigens meinen Bildschirmschoner-Satz übernommen:

“Du kannst nicht alles kontrollieren.”

Harley, Motorradfahrer und Genießer der teuersten Rotweine und Zigarren oder Annie, die Frau mit den schrillsten
Pailletten-Kleidern, und natürlich Roadrunner, spargeldünn und immer in Lycra-Anzügen mit dem Rennrad nterwegs.

Ich empfehle, die Krimis der Mutter-Tochter-Crew in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, man hat dann noch mehr Spaß an den Personen: “Spiel unter Freunden”, “Der Köder”, “Mortifier” und “Memento”, alle als Rowohlt-Taschenbuch erschienen. Und im September 2012 kommt “Todesnähe” heraus – ich bin schon sehr gespannt!

P.J. Tracy
Tanja Handels (Übers.)
Sieh mir beim Sterben zu
Wunderlich-Verlag 2010 € 19,95
978-3-8052-0859-8


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Die Abgründe der eigenen Vergangenheit


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 16.Januar 2011

Prof. Pu empfiehlt: “Sterbenskalt” von Tana French.

Familiendrama [ 3:59 ] Jetzt abspielen | Download

Seit Monaten warte ich ungeduldig auf das Erscheinen des dritten Kriminalromans von Tana French. Ich war sehr gespannt, welche Geschichte sie für den Undercover-Ermittler Frank Mackey bereit hält. Jener Frank, der in “Totengleich” die Polizistin Cassie Maddox zu einer gefährlichen Ermittlung schickt.

Was geschah mit Rosie?

Was geschah mit Rosie?

Frank stammt aus einer armen Dubliner Familie und ist der Einzige unter fünf Geschwistern, der sich aus der Familie gelöst hat. Zusammen mit seiner jungen Freundin Rosie plante er vor 22 Jahren, nach England abzuhauen. Alles war gut organisiert, sie hatten ein wenig Geld gespart und Tickets für die Fähre, doch in jener Nacht taucht Rosie nicht am verabredeten Ort auf. Stattdessen findet Frank einen Brief, aus dem hervorgeht, dass sie sich allein auf den Weg gemacht hat. Danach hat niemand mehr etwas von Rosie gehört. Für Frank blieb das bis in die Gegenwart ein traumatisches Erlebnis. Seine Ehe ging darüber kaputt, seiner Tochter gegenüber hat er ein permanentes schlechtes Gewissen.

Seit Olivia zur Vernunft gekommen ist und mich vor die Tür gesetzt hat, wohne ich an den Kais, in einem wuchtigen Appartementblock, der in den Neunzigern gebaut wurde. Allem Anschein nach von David Lynch. Die Teppichböden sind so dick, dass ich noch nie einen Schritt gehört habe, aber selbst um vier Uhr morgens ist das Summen von fünfhundert Köpfen ringsherum zu spüren. … Eingerichtet ist meine persönliche Ecke von Twin Peaks im Geschiedenen-Schick, womit ich meine, dass es bei mir auch nach vier Jahren immer noch so aussieht, als würde gleich der Umzugswagen kommen. Die einzige Ausnahme ist Hollys Zimmer, das vollgestopft ist mit allen erdenklichen flauschigen Gegenständen.

Alles geht seinen Gang – bis zu dem aufgeregten Anruf seiner jüngsten Schwester Jackie: In einem abbruchreifen Haus in der Straße, in der die Familie immer noch lebt, wurde ein Koffer gefunden – Rosies Koffer. Zum ersten Mal nach 22 Jahren fährt Frank wieder zu seinen Eltern. Dabei wollte er dort nie mehr wieder hin, in dieses Haus, in dem der Vater trinkt und dann die Mutter schlägt. Dahin zurück, wo es immer noch so ärmlich riecht wie in seiner Kindheit, wo der älteste Bruder auf ein eigenes Leben verzichtet hat, um die Mutter zu beschützen.

Frank, der Profi, hat sofort einen bösen Verdacht. Im Haus Nr. 16, dort, wo er sich immer heimlich mit Rosie getroffen hat, weil ihr Vater strikt gegen ihre Verbindung war, findet sich tatsächlich nicht nur ihr Koffer. Unter einer Betonplatte liegt weiterlesen


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Mafiakiller mit Medizinstudium


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 20.Juni 2010

Prof. Pu empfiehlt: Schneller als der Tod von Josh Bazell

Morden bis der Arzt kommt [ 5:22 ] Jetzt abspielen | Download

Ich befürchte, dass ich mir mit diesem Buchtipp wahrscheinlich meinen Ruf ruiniere. Das hat der Roman auf jeden Fall verdient. Was sich Bazell für sein Debüt ausgedacht hat, ist so unglaublich irre, dass ich zwischendurch immer mal wieder hyperventilieren musste.

Dr. Peter Brown, eigentlich Pietro Brnwa, gesprochen Brauna, geboren in einem indischen Ashram, aufgewachsen bei seinen Großeltern in New Jersey, ist Assistenzarzt im Manhattan Catholic Krankenhaus. Und Ex-Mafiakiller im Zeugenschutzprogramm – bis ihn ein Patient erkennt und seine Tarnung auffliegt.

Der Mann in dem Bett im Anadale-Trakt ist ein Typ, der mir als Eddy Squillante alias Eddy Consol bekannt war.
„Was soll das?“, knurre ich und packe ihn an seinem Klinikhemd. Ich sehe noch mal auf seine Akte. „Da steht, du heißt LoBrutto!“
Er guckt verwirrt. „Ich heiße doch LoBrutto.“
„Ich denk, du heißt Squillante.“
„Squillante ist nur ein Spitzname.“
„Squillante? Wie kommt man zu dem Spitzname Squillante?
„Er geht auf Jimmy Squillante zurück.“
„Den Scheißkerl von der Müllindustrie?“
„Den Mann, der die Abfallwirtschaft wiederbelebt hat. Und halt dich zurück. Das war ein Kumpel von mir.“
„Langsam“, sage ich. „Du nennst dich Squillante, weil Jimmy Squillante ein Kumpel von dir war?“
„Ja. Wenn er auch in Wirklichkeit Vincent hieß.“
„Scheiße, wovon redest du? Ich kannte mal ein Mädchen namens Barbara – deswegen sag ich den Leuten doch nicht, sie sollen mich Babs nennen.“
„Hat was für sich.“
„Was ist mit ‚Eddy Consol’?“
„Auch ein Spitzname von mir. ‚Consolidated’.“ Er kichert. “Meinst du, jemand heißt wirklich ‘Consolidated’?“
Ich lasse ihn los. „Nein, schon kapiert, danke.“
Er reibt sich die Brust. „Mensch, Bärentatze –„
„Nenn mich nicht so.“
„Okay … „ Er bricht ab. „Warte mal. Wie hast du mich gefunden, wenn du nicht wusstest, dass ich Squillante bin?“
„Ich habe dich nicht gefunden.“
„Was heißt das?“
„Du bist Patient in einem Krankenhaus. Ich bin Arzt.“
„Du bist als Arzt verkleidet.“
„Nein. Ich bin Arzt.“
Wir starren uns an.
Dann sagt er: „Mach das du rauskommst!“

Und dann geht es rund. In den nächsten Stunden versucht Pietro in einem rasenden Countdown, seinen Feinden zu entkommen – sprich zu überleben – und nahezu nebenbei ein paar Menschenleben zu retten. Gleichzeitig erzählt Bazell, wie der damals Vierzehnjährige seine Großeltern ermordet auffindet, sich später in der Schule mit Adam, dem Sohn des Mafiaanwaltes David Locano anfreundet und von dessen Familie wie ein Sohn aufgenommen wird. Zunächst ganz ohne die berühmte Doppeldeutigkeit des Wortes „Familie“ in den Kreisen der Mafia. Bis Pietro einen entscheidenden Fehler begeht: Er gesteht, nur einen Wunsch zu haben: Die Mörder seiner Großeltern zu kennen. Diesen Gefallen tut ihm Vater Locano gern. Sie umzubringen wird seine Inauguration als Mafiakiller.

Jahre später hat die Bundespolizei mich damit kleinzukriegen versucht: Was für ein hoffnungsloser Idiot das sein müsse, der feststellt, dass seine Großeltern von Mafiaschweinen umgebracht worden sind, und dann selbst mit Mafiaschweinen zusammenlebt, für sie arbeitet, sich bei ihnen einschleimt und sich von ihnen abhängig macht. Aber die Gründe lagen auf der Hand.

Wenn er keine Killer-Aufträge erledigt, hängt er mit seinem besten Freund Adam „Skinflick“ Locano herum. Irgendwann will Skinflick auch mitkillen, während Pietro heimlich seinen Ausstieg erwägt. Die gemeinsame Sache geht ziemlich schief, aber nur Pietro landet vor Gericht und wird in einem absurden Prozeß freigesprochen. Noch zögert Pietro, ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Und läßt sich vom aufgehetzten Skinflick in eine Falle locken, bei der nicht nur Pietros große Liebe Magdalena ihr Leben läßt. Aus den ehemals besten Freunden werden Todfeinde. Ein Drama Shakespeare’schen Ausmaßes, denn nicht einmal die Großeltern waren das, was sie ihrem Enkel zu sein schienen. Eine neue Version von „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ …

Was ist schlimmer als ein eiskalter Mafiakiller? Ein eiskalter Mafiakiller mit Medizinstudium, lassen Sie sich das gesagt sein. weiterlesen


Ein Kommentar




Die Untiefen der menschlichen Psyche


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 9.Mai 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Das Geburtstagsgeschenk” von Barbara Vine

Das Geburtstagsgeschenk [ 3:25 ] Jetzt abspielen | Download

„Das Geburtstagsgeschenk“ – so nannten es Iris und ich später immer, statt von dem Unfall zu sprechen. Damals, im Frühjahr 1990, hatten wir natürlich keine Ahnung von Ivors Plänen, wir wussten nur, dass er an einem Freitag um den 17. Mai herum unser Haus haben wollte, und etwas später kam heraus, dass der 17. Mai Hebes Geburtstag war.

Es hätte für ihn alles glimpflich ablaufen können. Aber wie das so ist, wenn man etwas verbergen will, auch wenn sich niemand darum schert, beginnt man sich merkwürdig und rund um das zu Verbergende widersprüchlich zu verhalten, ganz so, als ob unsichtbare Fäden einen zur Wahrheit steuern. Manche Menschen wollen ertappt werden. Ivor Tesham, wohlhabender britischer Parlamentsabgeordneter, Lebemann und Machtmensch, will seiner verheirateten Geliebten Hebe Furnal ein sehr besonderes Geburtstagsgeschenk machen. Beide lieben erotische Spiele, und um ihr eine Freude zu bereiten, läßt er sie mit verbundenen Augen von zwei Bekannten auf Bestellung in einer Limousine „entführen“ und in die Villa seiner Schwester bringen.

Bild

Sein Schwager, eingeweiht in seine Eskapaden, erzählt das Geschehen im Rückblick und mit typisch britischer Distanz und Ironie. Leider geht die Sache schief: Der Wagen mit den beiden Entführern und der Geliebten verunglückt, der Fahrer und die Frau kommen dabei um, der zweite Mann liegt monatelang im Koma. Die Polizei geht von einer Verwechslung des Entführungsopfers aus, hatte doch Hebe große Ähnlichkeit mit einer Millionärsgattin. So weit, so gut für Ivor Tesham, keine Spur führt zu ihm und den Verlust seiner Geliebten trägt er mit Fassung.

Doch dann beginnt Barbara Vine, ein sehr spannendes Beziehungsgeflecht zu spinnen. Es gelingt ihr, weiterlesen


4 Kommentare




Endlich mal gebildete Leute …


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 31.Januar 2010

Prof. Pu empfiehlt: Wer weiß was von Silvia Bovenschen

Eine intelligente Mordgeschichte [ 5:01 ] Jetzt abspielen | Download

„Das ist alles so schön altmodisch. Ich kann es gar nicht glauben. Du lieber Himmel: Weltfremde Professoren, exotische Dolche und schüchterne Bibliothekare. Hey Leute, das ist ein Witz. Ich dachte schon, das gibt’s nur noch in solchen Inspektor-Barnaby-Serien. Unsere Klientel hat sich doch in den letzten Jahren nahezu ausschließlich aus drogensüchtigen Müttern, die ihre Kinder aus dem dritten Stock schmeißen, muslimischen Vätern, die ihre unbotmäßigen Töchter vom Sohn umbringen lassen, und waffentechnisch hochgerüsteten Mädchenhändlern aus dem ehemaligen Ostblock zusammengesetzt.“ Sie hörte auf zu lachen und kam wieder zur Sache. „War das Messer scharf?“ fragte sie.

coverbovenschen Prof. Dr. Ulf Urlach, Sprachwissenschaftler, liegt tot auf der Institutstoilette, ein Messer im Rücken. Alle sind verwirrt, die Doktorandin, der Bibliothekar, die Sekretärin, Kollege Schauer und seine Ehefrau Carola, eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, und anfangs auch die Polizei. Es gelingt den Kommissaren lange nicht, Licht in dieses ganze Gewirr von Verhältnissen, Beziehungen, Verflechtungen und Intrigen zu bringen. Und dann sind da noch recht seltsame Beobachter namens Ertzuj, Iopö, Jkln und Kurt. Sind sie verantwortlich für die interessanten Kommentare in Klammern, die wie Regieanweisungen anmuten? Jedenfalls äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit ihrem Lektor ein merkwürdiges Gefühl:

Ihre Stimme wurde lauter, der Tonfall fast zornig: „Jetzt, verdammt, fügt sich nichts. Im Gegenteil, neuerdings habe ich ständig das Gefühl, als schreibe da jemand teils pedantisch, teils besserwisserisch mit. Füge hinter meinem Rücken ohne mein Wissen oder Zutun unnötiges und abstruses Zeug in meinen Text ein, verbessere, präzisiere und kommentiere das Geschriebene oder stelle es in Frage.“ (Was für ein Unsinn!) Sie sah ihn direkt an und sagte brüsk: „Ich gebe zu: Es ist wirklich alles sehr wirr.“

Das ist es tatsächlich. Nichts ist so, wie es auf den ersten und zweiten Blick scheint. Fast jeder gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist oder ist, was er nicht zugeben will. Jeder betrügt irgendwie, jeder hintergeht irgendwen. Nicht mal die Leichen sind das, was sie sein sollen. Anfangs war ich Silvia Bovenschen dankbar für die Namensliste, die sie ihrem Roman vorangestellt hat. Hat man die Besetzung dann im Kopf, kann man sich ihren wunderbaren Formulierungen lustvoll hingeben. Fast trat für mich der Mordfall in den Hintergrund, so sehr hat mich ihre Sprachkunst entzückt. Wie beispielsweise hier bei Frederike, Bekannte des Ehepaares Schauer, die über ihren Verflossenen nachdenkt:

Sie überlegte: Wohnte jeder Liebe eine vorbestimmte Dauer inne? (Poetisches Denken mit trivialen Einschüssen.) Konnte es so etwas geben wie ein unbemerktes fortwährendes Liebeszellsterben, das durch Einwirkungen wie Gleichgültigkeit und Eigensucht noch beschleunigt wurde? Gab es einen seelischen Abfalleimer für Liebeszellschutt?

„Liebeszellschutt“ – was für eine großartige Wortschöpfung. Und hier weiterlesen


Ein Kommentar




In den Wäldern


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 22.November 2009

Prof. Pu empfiehlt: Grabesgrün von Tana French

Cassie ermittelt [ 5:09 ] Jetzt abspielen | Download

Nach dieser Lektüre konnte ich dann endlich aufhören, alle diejenigen zu beneiden, die die drei Bände Stieg Larsson-Krimis noch vor sich haben. Für mich war der Erstling von Tana French mindestens genau so spannend. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Rob Ryan mit seiner Partnerin Cassie Maddox.

Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. Die Wahrheit ist die begehrenswerteste Frau der Welt, und wir sind die eifersüchtigen Liebhaber, die reflexartig jedem anderen auch nur einen flüchtigen Blick auf sie verweigern. Wir betrügen sie gewohnheitsmäßig, verstricken uns stunden-, ja tagelang in Lügen, und dann drehen wir uns zu ihr um und halten ihr das ultimative Möbiusband des Liebhabers hin: Ich hab das nur gemacht, weil ich dich so sehr liebe.
Ich haben einen Hang zur bildhaften Sprache, vor allem der beliebigen, gefälligen Art. Lassen Sie sich von mir nicht einreden, wir wären ein Haufen edler Ritter, die im edlen Wams hinter Lady Wahrheit auf ihrem Schimmel hergaloppieren. Was wir tun, ist grob und schmutzig. Eine junge Frau liefert ihrem Freund ein Alibi. „…“
Zuerst flirte ich mit ihr, sage ihr, dass ich mir gut vorstellen kann, warum er gern zu Hause bleibt, wo er doch sie hat. Sie ist wasserstoffblond und schmuddelig. „…“
Dann erzähle ich ihr, dass wir markierte Scheine aus der Kasse in seiner edlen Trainingshose gefunden haben und er behauptet, sie wäre an dem Abend ausgegangen und hätte ihm die Scheine gegeben, als sie zurückkam. Ich bin dabei so überzeugend, lege so eine zarte Mischung aus Unbehagen und Mitgefühl ob des Verrats ihres Freundes an den Tag, dass ihr Glaube schließlich zusammenfällt wie eine Sandburg, und während ihr Freund mit meinem Partner im Nebenzimmer sitzt und immer nur sagt: „Leck mich, ich war mit Jackie zu Hause“, erzählt sie mir heulend und rotzend alles (angefangen von dem Zeitpunkt, als er das Haus verließ, bis hin zu seinen sexuellen Defiziten). Dann klopfe ich ihr sachte auf die Schulter, reiche ihr ein Kleenex und eine Tasse Tee – und lasse sie die Aussage unterschreiben.

Rob und Cassie sind ein gutes, erfolgreiches Team und darüber hinaus beste Freunde. An einem langweiligen Tag, den sie mit Computerspielen verbringen, werden sie zu einem neuen Tatort gerufen. Ein elfjähriges Mädchen, Katy Devlin, liegt wie aufgebahrt im Wald von Knocknaree, inmitten einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Rob Ryan erstarrt, als er bei der Abfahrt den Namen des Ortes hört. Niemand außer seiner Kollegin weiß, daß er seinen Vornamen geändert und seine Biographie geschönt hat. Niemandem ist bekannt, daß er, Adam Robert Ryan, der Einzige war, der wieder auftauchte, als er und seine zwei Freunde, ein Mädchen und ein Junge, vor 25 Jahren im Wald von Knocknaree verschwanden.

In den Wäldern

Ryan hat keine Erinnerung an diesen rätselhaften Fall, gerade deswegen ließ er ihn nie los. Im Laufe der Handlung wird er immer besessener davon, Zusammenhänge zwischen seiner Geschichte und dem aktuellen Mordfall weiterlesen


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Bei Abwesenheit von Liebe


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast am 13.September 2009

Prof. Pu empfiehlt: Ein Morgen wie jeder andere von Christian Pernath

Prof. Pu über einen Morgen, wie jeder andere [ 4:14 ] Jetzt abspielen | Download

Bélouard, Landtierarzt in der Bretagne, belesen, unglücklich, übergewichtig, trockener Alkoholiker, langweilt sich fast zu Tode in seinem immergleichen Alltag.

„Langsam schritt er über den Platz: Sein Gang war schwerfällig, schleppend, und seine korpulente, etwas  plumpe Gestalt steckte in einem Anzug aus billigem Tweed, der an Knien und Ellbogen leicht ausgebeult war; das Hemd noch sauber, ganz annehmbar, wenn auch nicht mehr strahlend weiß, ein wenig so, als hätte der trübe Blick des alten Junggesellen abgefärbt. Die einzige wahre Frage, dachte er, lautet im Grunde: Wird auch der Rest der Zeit, die mir bleibt, derart sterbenslangweilig sein?“

Er erstickt beinahe an Melancholie und Einsamkeit. Bis zu dem Tag, an dem auf einem der umliegenden Höfe ein grausamer Mord an einer Familie geschieht.

„Um halb eins wussten es alle. Mit einem Schlag hatte sich eine ungeheure Fassungslosigkeit über den ganzen Ort ausgebreitet und zugleich eine Art genüsslichen Schauderns.“

Journalisten und Kommissare fallen in seinem Stammrestaurant ein, alte Geschichten kommen wieder ans Tageslicht, die gemächliche Routine der Bewohner wird unterbrochen. Noch dazu findet Bélouard eine von ihrem Mann verprügelte Frau im Straßengraben und bietet ihr Schutz in seinem Haus an. Sie kommt mit. Und er beginnt, völlig verschüttete Gefühle wiederzuentdecken. Plötzlich verspürt er Sehnsucht, weiterlesen


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