“Verblendung”: “Darf ich ihn töten?”


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 27.Januar 2012

Die Üblichen Verdächtigen sind sich nicht einig über "Verblendung" [ 8:37 ] Jetzt abspielen | Download

Ist der Film spannend? Nimmt er seine Zuschauer gefangen? Ist Daniel Craig der Richtige für die Rolle? Die Üblichen Verdächtigen sind sich nicht einig. Auf jeden Fall braucht David Finchers Version von “Verblendung” geschätzt eine Dreiviertelstunde, bis er bei sich und den (meisten) Zuschauern angekommen ist. Einem dramaturgischen Korsett unterwirft sich Fincher nicht und das hat auch seine Nachteile: Statt in anderthalb Stunden den Bogen kriegen zu müssen, kann sich diese Verfilmung Zeit für Details nehmen – und manchmal auch verzetteln. Ein düsterer, schwieriger, auf jeden Fall sehr sehenswerter Film – und definitiv eher für Hartgesottene, denn einige Gewaltszenen snd schwer zu ertragen. Thomas, der die europäische Verfilmung noch nicht kennt, freut sich jetzt auf den Vergleich.

Verblendung (The Girl with the Dragon Tattoo)
USA 2011, 158 Min., Regie: David Fincher


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Erinnerungen an ein abgestrittenes Leben


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 24.Juli 2011

Prof. Pu empfiehlt “Der Trakt” von Arno Strobel.

Prof- Pu empfiehlt "Der Trakt" [ 3:58 ] Jetzt abspielen | Download

Nach längerer Krimi-Abstinenz hatte ich mal wieder Lust auf Entspannung durch Spannung. Arno Strobels Kriminalroman ist ein Psychothriller mit relativ wenig Blut, dafür um so subtiler in seiner Grausamkeit und den Leser auf Feinste manipulierend. Er führt einen zusammen mit der Protagonistin so sehr in die Irre, dass man, genau wie sie, seinen Eindrücken nicht mehr trauen kann.

Sibylle Aurich erwacht aus einem Traum, in dem ihr Sohn entführt wurde. Sie liegt in einem Krankenhausbett in einem seltsamen Kellerraum und kann sich nicht erinnern, wie sie dort hingekommen sein soll. Ein Arzt erzählt ihr, sie sei in einem Park überfallen worden und habe durch einen Schlag auf den Kopf zwei Monate im Koma gelegen. Ihre erste und wichtigste Frage ist die nach ihrem Sohn:

Muhlhaus beugte sich nach vorne und legte seine Hand auf ihre:
„Frau Aurich, ich kann nicht sagen, warum … ich meine, wo diese Gedanken herkommen. Vielleicht hat der Schlag auf den Kopf sie ausgelöst, aber … Frau Aurich, Sie irren sich. Sie haben keinen Sohn.“

Er erklärt ihr, ein menschliches Gehirn sei zu unfassbaren Leistungen fähig und könne ebenso unfassbare Streiche spielen. Trotz ihrer grossen Verwirrung ist sie sich sicher, dass hier einiges nicht stimmt. Es gelingt ihr, aus dem Keller zu fliehen. Als sie, aufsehenerregend, in ihrem Krankenhaushemdchen auf der Strasse steht, hält ein Wagen mit einer schrillen rothaarigen Frau, die sich ihrer annimmt. Notdürftig mit einem alten Mantel bekleidet, läßt sie sich nach Hause zu ihrem Mann bringen – der sie nicht erkennt und behauptet, seine Frau sei vor zwei Monaten verschwunden und sie hätten kein Kind. Auf dem Hochzeitsfoto an der Wand steht ihr Mann neben einer anderen Frau. Sibylle blickt nicht mehr durch. Doch da hat ihr vermeintlicher Ehemann schon die Polizei gerufen. Sie schafft es, auch ihr zu entkommen.

Immer stärker bekommt sie das Gefühl, geisteskrank geworden zu sein. Es taucht ein mysteriöser Mann auf, ein ehemaliger Fremdenlegionär, der von einem „der Doktor“ genannten Auftraggeber angeheuert wurde, Sibylle zu beschatten. Zunächst bemerkt sie ihn nicht.

Der Doktor hatte recht behalten. Jane hatte sich zu dem Haus bringen lassen.
Hans kannte ihren richtigen Namen gar nicht. Das war schade. Der Doktor hatte ihr den Namen Jane Doe gegeben, so wie in Amerika unbekannte Frauen oder nicht identifizierte weibliche Leichen genannt wurden. Hans hatte noch eine Entscheidung des Doktors in Frage gestellt, aber dieser Name widerstrebte ihm, und er konnte nichts dagegen tun.

Sibylle wird nicht nur von Hans beobachtet – ein Mann, dessen Schwester offenbar ein ähnliches Schicksal ereilte, bietet ihr Unterstützung an. Sie vertraut ihm, doch er ist nicht der, der er vorgibt zu sein.

Strobel gelingt es hervorragend, die immer stärker und größer werdende Verwirrung Sibylles auf den Leser zu übertragen. Warum nur hat sie ständig Peter-Maffay-Lieder im Kopf? Den mochte sie doch noch nie! Jede neue Person, die auftaucht, um ihr zu helfen, findet man mit ihr zusammen sofort suspekt oder doch vertrauenswürdig, ändert bald wieder seine Meinung, um am Ende dann wieder hereingefallen zu sein. Man ist sich sicher, ihr Gehirn muss manipuliert worden sein, nur wie und warum? Wer ist sie denn nun wirklich? Ein paar Ungereimtheiten habe ich dafür gern in Kauf genommen, wie auch den Schluss, der mir in den letzten Zeilen dann doch etwas zu gefühlig geraten ist.

Arno Strobel
Der Trakt
Fischer-Taschenbuch € 8,95
978-3-596-18631-0
www.arno-strobel.de


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“Frag den Papagei”: Der ultimative Profi


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 20.März 2011

Lieblingszitat:

“Entweder ich fessele Sie, oder ich erschieße Sie. Sie zu erschießen, wäre für uns beide leichter, weil Sie dann nicht mehr so angespannt sind. Ich tu’s nur nicht, weil die Bullen dann so motiviert sind.”

Darum geht’s:

Parker ist nach einem Bankraub auf der Flucht – er findet Unterschlupf bei einem alten Mann, der mit ihm gemeinsam ein großes Ding durchziehen will. Ausgestattet mit einer falschen Identität ist er sogar kaltblütig genug, um als Frewilliger an der Suche nach den Bankräubern teilzunehmen. Aber während der Suche wird ein Unschuldiger getötet und seine Tarnung scheint aufzufliegen, immer schwieriger wird es, der Polizei einen Schritt voraus zu sein. Ohne seine eiskalte Professionalität hätte er gar keine Chance …

So bin ich dazu gekommen:

Den Band habe ich vor einiger Zeit schon entdeckt im Mainzer Laden der Büchergilde Gutenberg, der “Deutsche Krimipreis 2009″ und die Tatsache, dass Parker auch die Hauptfigur in einem meiner Lieblingsfilme “Point Blank” von John Boorman ist, haben mich überzeugt.

Empfehlenswert?

Ja, alleine schon wegen des lakonischen Tonfalls mit der Richard Stark seinen unterkühlten und moralfreien Protagonisten Parker präsentiert. Erst nach 40 Seiten wurde mir klar, dass dieser roman noir nicht in den 1960ern geschrieben wurde sondern erst 2006, so wohltuend klassisch ist der Stil. Souverän steigt Stark (hinter dem Pseudonym steckt der 2008 verstorbene Donald E. Westlake) mitten in die Romanhandlung ein, ebenso souverän endet das gemeinsame Stück Weg, das der Leser mit Parker zurückgelegt hat. Warum taugt der Berufsverbrecher Parker als “Held”? Ich glaube, weil sich alle anderen Figuren an seiner frostigen Überlegenheit, seiner Selbstkontrolle und Amoralität abarbeiten – er ist die Reagenz in der Chemie des Krimis.

Richard Stark
Fragen Sie den Papagei (Ask the parrot)
2006, Büchergilde, 221 Seiten
ISBN 978 3 7632 6234 2

Sehenswert: Stark im Gespräch mit Denis Scheck

P.S. Das Rezensionskonzept habe ich vom Abspannsitzenbleiber übernommen.


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Montalbano wird alt – und hat noch einiges zu lernen


Ein Beitrag von Nicole, abgelegt unter Buch am 17.Oktober 2010

Il Commissario folgt der Spur des Fuches

CoverEs ist kein guter Morgen für Montalbano. Am Strand vor seinem Haus liegt ein erschlagenes Pferd. Und das verschwindet kurze Zeit später einfach wieder spurlos. Nun gehören malträtierte Tiere nicht unbedingt in den Zuständigkeitsbereich des Commissario. Aber – Montalbano ist empört. Wer ist zu einer solch grausamen Tat fähig? Getrieben von dem Wunsch nach Vergeltung begibt er sich auf die Suche nach dem Täter und stößt dabei auf die Spur eine überaus durchtriebenen Fuchses. Vigata, jenes beschauliche Hafenstädtchen mit seinen so außergewöhnlichen Bewohnern, wird erneut Augenzeuge von Verbrechen, die so typisch für Sizilien, aber doch auch seltsam anachronistisch für die kriminellen Energien unserer modernen Gesellschaft anmuten.

Es ist der zwölfte Fall, den Italiens hoffentlich noch viele, viele Jahre lebende Krimilegende Andrea Camilleri seinem kauzigen Commissario auferlegt. Der Zahn der Zeit, er nagt mittlerweile an Salvo Montalbano.  Auch wenn der es sich partout nicht eingestehen will, seine Sehkraft lässt nach. Dass sein Kollege Mimi Augello dieser Tage mit Brille herumläuft, es verbessert die Laune des Commissario nicht. Und das bekommen seine Untergebenen Fazio, Gallo, Galluzzo und natürlich der Türen schlagende Catarella zu spüren. Dennoch begleiten sie ihren Chef treu vom Milieu der kleinen Gauner über die illegalen Pferderennen der besseren Gesellschaft bis hin zum unentwirrbaren Geflecht der Mafia und der unvermeidlichen Leiche. In deren Schlepptau sich wie stets der mindestens ebenso griesgrämige Pathologe Dottore Pasquano befindet. Spätestens hier muss Montalbano seinen ganzen Charme spielen lassen:

„Machen wir’s doch einfach so, Dottore: Sie reden und ich tupfe Ihnen in der Zeit den Schweiß ab, verjage die Fliegen und dann und wann gebe ich Ihnen auch noch einen Kuss auf die Stirn.“
Pasquano musste lachen. Und dann sagte er, ohne zwischendurch auch nur einmal Luft zu holen:
„Er wurde von einem Schuss in den Rücken getötet. Aber das musste ich Ihnen ja nicht erst sagen. Das Geschoss ist nicht ausgetreten. Und auch das musste ich Ihnen nicht erst sagen. Sie haben ihn nicht hier erschossen, weil, und das wissen Sie ja wohl auch selbst, einer nicht in Unterhosen herumläuft und erst recht nicht auf so einem elenden Überlandweg wie diesem. Er muss seit mindestens vierundzwanzig Stunden tot sein, auch um das zu begreifen besitzen Sie genug Erfahrung. Was den Biss in den Arm betrifft, so sieht ein Blinder, dass der von einem Hund stammt. Folglich bestand überhaupt keine Notwendigkeit, mich zum Sprechen aufzufordern, womit Sie nur meinen Atem vergeudet haben und mir wirklich ganz gehörig auf den Sack gegangen sind. War ich deutlich genug?“

Deutlich genug für den Commissario, doch nicht deutlich genug für die Presse. Wie schon in den vorherigen Büchern lässt sich Camilleri die Möglichkeit, die Seriosität  der italienischen Medien in Frage zu stellen, nicht entgehen:

Im Fernsehen wurde die Meldung verbreitet, dass im Ortsteil Spinoccia der Leichnam eines Unbekannten von einem Fischer im Röhricht aufgefunden worden war. Nach Ansicht der Polizei handelte es sich um Mord, weil am Hals des Mannes Würgemale entdeckt worden waren. Unbestätigten Angaben zufolge habe der Mörder bestialische Grausamkeit gegenüber seinem Opfer walten lassen und es durch Bisse in Stücke gerissen. Die Ermittlungen führt Commissario Montalbano.

Und der kommt noch ganz schön in die Bredouille, beruflich wie privat. Beruflich, da er den Mörder des Toten schützen muss, und privat, da er seine langjährige Geliebte Livia, mit dem ihn vor allem ätzende Telefongespräche verbinden, mit der Besitzerin des getöteten Pferdes betrügt. Ehe unser Held sich aus dem emotionalen Geflecht befreien und das Geheimnis des toten Pferdes und das des Toten in Unterhosen lüften kann, lernt er zum Glück für ihn und uns noch viel über sich und die Natur des Menschen.

Dabei ist es mit dem zunehmend kurzsichtigen Montalbano letztendlich doch ein bisschen so wie bei einem guten Wein. Je älter, desto besser.

Andrea Camilleri
Die Spur des Fuchses
- Commissario Montalbano lässt den Blick in die Ferne schweifen

Hardcover, 267 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2395-1
EUR 19,99


Ein Kommentar




Wo beginnt ein Verbrechen?


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 29.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach

Verbrechen [ 3:48 ] Jetzt abspielen | Download

So möchte ich schreiben können, so klar, besonnen, nüchtern und fesselnd zugleich und vor allem so berührend.

Lauter unglaubliche Geschichten, doch sind sie wahr.

Behauptet der Klappentext. Ich hätte gewettet, sie sind alle erfunden, gut ausgedacht. Doch Ferdinand von Schirach, begehrter Strafverteidiger, hat einfach seine Fälle aufgeschrieben. So unglaublich kann die Realität sein, jede Geschichte ließ mich von Neuem staunen. Er erzählt in seinem Erstlingswerk von Schicksalen, von Verbrechen, die ich nicht mehr vergessen werde.

Es ist höchst irritierend, sich bei Mitleidsanwandlungen zu ertappen; Mitleid einem Arzt gegenüber, der seine Frau getötet hat. Eine Frau, die er mit 24 heiratet und die ihn über vierzig Jahre lang mit schriller Stimme demütigt, beschimpft und lächerlich macht. Er versucht es auszuhalten, weil er ihr auf der Hochzeitsreise geschworen hat, sie nie zu verlassen. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Er erschlägt sie im Keller und ruft anschließend mit ruhiger Stimme die Polizei.

Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.
Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem ‚aber‘ liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten eines Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.

Fähner bekam drei Jahre im offenen Vollzug und begann mit 72 einen Handel mit den Äpfeln aus seinem eigenen Garten, den seine Frau so sehr gehasst hat.

Auch Schirach erschien mir in einem Fernseh-Interview mit Gero von Boehm wie ein angenehm altmodischer Mensch aus einem anderen Jahrhundert. „Wieso kann er so gut schreiben?“ fragte mich ein Kollege. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die Stories über ungelöste wie aufgeklärte Verbrechen zutiefst beeindruckt haben.

In jeder Erzählung muss man sich neu orientieren: Wann beginnt ein Verbrechen? Beim hilflosen Versuch eines Mannes, mithilfe eines dilettantischen Banküberfalls zu seiner Familie zurückzukehren? Wo liegt die Schuld? Bei der Schwester, die das elende Leben ihres durch einen Unfall behinderten Bruders nicht mehr ertragen kann? Genial beschreibt Schirach die hauchfeinen Grenzen zwischen Schuld und Unschuld.

Große Erzählkunst, spannende Geschichten. Beim Lesen schwankte ich ständig zwischen der großen Lust, das Buch auf einmal zu verschlingen und dem Genuss, besonders langsam zu lesen um länger davon zu haben. Zu meinem großen Lese-Glück liegt auf dem Nachttisch schon der zweite Band, „Schuld“.

Die Filmrechte an „Verbrechen“ sind verkauft, die Üblichen Verdächtigen dürfen gespannt sein …

Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper 16,95 €
978-3-492-05362-4
Ab September auch als Piper-Taschenbuch Nr. 05955 8,95 €

Audio-Tipp: Ferdinand von Schirach zu Gast bei SWR1 Leute Rheinland-Pfalz (37:14 min)


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Wenn wir alles zeigen können,
ist am Ende nichts zu sehen


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 18.Februar 2010

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus “In meinem Himmel” und sind unzufrieden: zuviel Kitsch, zuviel plakative Ergriffenheit – selbst Thomas, der dem Film noch am ehesten zugetan war, hätte gerne den Kitschregler runtergedreht. Hören Sie im Podcast, warum die gezeigte Zwischenwelt hanebüchen und warum der Film trotz erstklassiger Darsteller ärgerlich und unangemessen ist. Und am Ende beginnt eine Diskussion darüber, was passiert, wenn das aktuelle Kino alles bebildern will, was es bebildern kann. Wenn wir alles zeigen können, ist am Ende nichts zu sehen:

Ist der Film dem Verbrechen angemessen? [ 8:25 ] Jetzt abspielen | Download

(c)Im Grunde liefert Peter Jackson zwei Filme ab: einen spannenden, düsteren Krimi, der leider nicht zu einem Ende findet und die überbunte, klischeebeladene Paradieswelt eines 14-jährigen Mord- und Vergewaltigungsopfers. Schicksalsergebene Trauerarbeit, ein naives “Schreckliche Dinge passieren, aber wir lernen darüber hinwegzukommen” – ist das die angemessene Art mit einem derartigen Verbrechen umzugehen? Peter Jackson übernimmt diese problematischen Elemente aus der in den USA sehr erfolgreichen Romanvorlage von Alice Sebold. Beim Perlentaucher lesen wir:

“Dabei geht es Alice Sebold, wie Kredel meint, nicht um das Verbrechen und seine Bedeutung, sondern um eine “therapeutische Anleitung zum Trauern”, denn natürlich werde am Ende alles gut. “Die Realität ist manchmal schrecklich, aber auch voller Trost”, fasst Kredel die eher küchenpsychologische Botschaft des Buches zusammen und legt die Vermutung nahe, dass Sebold damit schlechthin das Buch für ein trauerndes Amerika geschrieben hat, das den Horror erfahren hat und nach Heilung dürstet.”

Küchenpsychologie und dazu eine vollständig ausgefilmte Fantasiewelt … Wo Peter Jacksons Plastilinfiguren bei “Heavenly Creatures” der Vorstellungskraft der Zuschauer als Treibsatz dienten, hat er hier zuviele knallbuntnaive Feuerwerksraketen abgeschossen, die keinen Kinohimmel erreichen werden. All das überdeckt die Meisterschaft mit der Jackson den eigentlichen Krimi inszeniert. Ein großer Regisseur, aber kein großer Film.

© 2009 by Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Links

Birte Lüdeking erklärt bei critic.de:

“Gegen Ende folgt eine weitere missstimmige Parallelmontage, die vielmehr bizarr, statt bewegend ist: Susie kehrt noch einmal auf die Erde zurück, indem sie in den Körper eines anderen Mädchens fährt, um sich den verpassten ersten Kuss von ihrem Schulschwarm abzuholen. Als wäre diese dem Buch entliehene Liebesszene nicht schon grotesk genug, präsentiert Peter Jackson zudem den Mörder, wie er zeitgleich Susies zerstückelte, in einem Safe aufbewahrte Leiche verschwinden lässt. Nachdem Überresteentsorgung und übersinnliche Romantik gemeinsam vollzogen sind, kann die Protagonistin dann endlich in den sonnigen CGI-Himmel einziehen. So sieht Kindsmord als Wohlfühlkino aus.”

Christopher von Moviezkult ist ebenfalls enttäuscht:

“Der Regisseur verpasste es, den Fokus auf einen Handlungsstrang zu legen, um entweder ein feinfühliges Drama oder einen spannenden Thriller zu inszenieren. So ist The Lovely Bones ein kruder Mischmasch aus beidem, aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Jackson lässt dem Zuschauer keine Chance, die ohne Frage ästhetisch inszenierten Szenen auf sich wirken zu lassen, lässt ihm kein Freiraum für eigene Gedanken.”

Mehr Meinungen bei film-zeit, OFDB und movie-pilot.


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Endlich mal gebildete Leute …


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 31.Januar 2010

Prof. Pu empfiehlt: Wer weiß was von Silvia Bovenschen

Eine intelligente Mordgeschichte [ 5:01 ] Jetzt abspielen | Download

„Das ist alles so schön altmodisch. Ich kann es gar nicht glauben. Du lieber Himmel: Weltfremde Professoren, exotische Dolche und schüchterne Bibliothekare. Hey Leute, das ist ein Witz. Ich dachte schon, das gibt’s nur noch in solchen Inspektor-Barnaby-Serien. Unsere Klientel hat sich doch in den letzten Jahren nahezu ausschließlich aus drogensüchtigen Müttern, die ihre Kinder aus dem dritten Stock schmeißen, muslimischen Vätern, die ihre unbotmäßigen Töchter vom Sohn umbringen lassen, und waffentechnisch hochgerüsteten Mädchenhändlern aus dem ehemaligen Ostblock zusammengesetzt.“ Sie hörte auf zu lachen und kam wieder zur Sache. „War das Messer scharf?“ fragte sie.

coverbovenschen Prof. Dr. Ulf Urlach, Sprachwissenschaftler, liegt tot auf der Institutstoilette, ein Messer im Rücken. Alle sind verwirrt, die Doktorandin, der Bibliothekar, die Sekretärin, Kollege Schauer und seine Ehefrau Carola, eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, und anfangs auch die Polizei. Es gelingt den Kommissaren lange nicht, Licht in dieses ganze Gewirr von Verhältnissen, Beziehungen, Verflechtungen und Intrigen zu bringen. Und dann sind da noch recht seltsame Beobachter namens Ertzuj, Iopö, Jkln und Kurt. Sind sie verantwortlich für die interessanten Kommentare in Klammern, die wie Regieanweisungen anmuten? Jedenfalls äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit ihrem Lektor ein merkwürdiges Gefühl:

Ihre Stimme wurde lauter, der Tonfall fast zornig: „Jetzt, verdammt, fügt sich nichts. Im Gegenteil, neuerdings habe ich ständig das Gefühl, als schreibe da jemand teils pedantisch, teils besserwisserisch mit. Füge hinter meinem Rücken ohne mein Wissen oder Zutun unnötiges und abstruses Zeug in meinen Text ein, verbessere, präzisiere und kommentiere das Geschriebene oder stelle es in Frage.“ (Was für ein Unsinn!) Sie sah ihn direkt an und sagte brüsk: „Ich gebe zu: Es ist wirklich alles sehr wirr.“

Das ist es tatsächlich. Nichts ist so, wie es auf den ersten und zweiten Blick scheint. Fast jeder gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist oder ist, was er nicht zugeben will. Jeder betrügt irgendwie, jeder hintergeht irgendwen. Nicht mal die Leichen sind das, was sie sein sollen. Anfangs war ich Silvia Bovenschen dankbar für die Namensliste, die sie ihrem Roman vorangestellt hat. Hat man die Besetzung dann im Kopf, kann man sich ihren wunderbaren Formulierungen lustvoll hingeben. Fast trat für mich der Mordfall in den Hintergrund, so sehr hat mich ihre Sprachkunst entzückt. Wie beispielsweise hier bei Frederike, Bekannte des Ehepaares Schauer, die über ihren Verflossenen nachdenkt:

Sie überlegte: Wohnte jeder Liebe eine vorbestimmte Dauer inne? (Poetisches Denken mit trivialen Einschüssen.) Konnte es so etwas geben wie ein unbemerktes fortwährendes Liebeszellsterben, das durch Einwirkungen wie Gleichgültigkeit und Eigensucht noch beschleunigt wurde? Gab es einen seelischen Abfalleimer für Liebeszellschutt?

„Liebeszellschutt“ – was für eine großartige Wortschöpfung. Und hier weiterlesen


Ein Kommentar




“Method Detecting”: Draht im Blut


Ein Beitrag von Martina, abgelegt unter SchönerTöten, Television am 24.Januar 2010

SchönerTöten
Martina startet die neue Serie “SchönerTöten” bei SchönerDenken mit “Wire in the Blood” – “Method Detecting” at its best

„Eigentlich“ – ein großes und beliebtes Wort zu Beginn, ob beim Schreiben oder Reden. „Eigentlich“ wollte ich ja dies und das … Heute werde ich auch mal vor mich hinrelativieren!

Also: EIGENTLICH wollte ich unsere neue Reihe „SchönerTöten“ mit einem meiner Lieblingsthemen, dem – möglichst attraktiven – Serienkiller im Kinofilm beginnen. Ein Absatz für die Empfehlung von „Mr. Brooks“ ist auch schon geschrieben, aber ich emotionsüberflutetes Ding lasse mich doch immer wieder hin- und wegreißen.

Ihr wißt ja, daß ich ein Serienflittchen bin – und anglophil dazu. Folgerichtig komme ich ja an Blut und Leichen, Verbrechensaufklärung, Stil, Eleganz und einem unvergleichlichen Können auf dem Gebiet der Kriminalliteratur und des Kriminalfilms nicht vorbei: und ehrlich gesagt, habe ich auch niemals versucht, dem auszuweichen, sondern mich breitbeinig mitten auf die glitschigrote, blutverschmierte Fahrbahn gestellt. Ambitionierte Dialoge, tückische Plots, schauspielerische Meisterleistungen rund um herumliegende Leichen – jaaaaaaaaaaaaaaaaa! Dazu noch eine Tasse schwarzen Tees mit Milch und Zucker und ein Bendicks Bittermint, und mein Leben nähert sich der Perfektion.

Nach all den Jahren intensivster Beschäftigung mit der Thematik hat sich in meinem Herzen eine Lieblingsserie etabliert, die in ihrer Einzigartigkeit einen Solitär in der Juwelensammlung meiner Serien-DVDs darstellt.
Für sie habe ich den Begriff „Method Detecting“ erfunden, analog zu dem schauspielerischen Method Acting der Stanislawski/Strasberg-Schule. Lee Strasberg definierte Schauspielen als die „Fähigkeit, auf imaginäre Stimuli zu reagieren“ und entwickelte die vier zentralen Fragen, die sich ein Schauspieler in der Vorbereitung auf das Spiel stellen sollte: Wer und wo er ist, was er dort tut und was dort zuvor geschah.

Nichts anderes macht Dr. Tony Hill, Psychologe und Protagonist der englischen Krimiserie Wire in the Blood (Hautnah – die Methode Hill), gespielt von Robson Green. Der außergewöhnlichen Serie mit drei bis vier Fernsehfilmen pro Staffel (es gibt leider deren nur sechs, da die Produktionskosten durch die aufwendigen Drehbücher, das detailgetreue Ambiente und das arbeitsintensive Rollenstudium bis auf über 700 000 Pfund anstiegen) liegen einige Kriminalromane von Val McDermid zugrunde. Sie spielt in der fiktiven nordenglischen Großstadt Bradfield; gedreht wurde in Newcastle
upon Tyne und in Northumberland.

Ein Fan wider Willen beschreibt sein langsames, aber unverrückbares Mutieren zum Hill-Bewunderer wie folgt: weiterlesen


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