Denkstein 1
Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch am 25.April 2009
Anlässlich des 120. Geburtstages von Ludwig Wittgenstein – eine Betrachtung zu einem seiner Sätze von Götz Kohlmann
„Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Ludwig Wittgenstein: „Tractatus logico-philosophicus“ 6.52)
Keine einzige wissenschaftliche Erkenntnis hat dem einzelnen Menschen je dabei geholfen, besser oder anders zu leben, scheint Wittgenstein zu sagen.
An dieser Stelle, gegen Ende des 1921 veröffentlichten „Tractatus“, von dem sich Wittgensteins Ruhm als einer der großen Philosophen wesentlich nährt, vermischen sich Ethik und Metaphysik. Wittgensteins Aussage provoziert heute vielleicht noch mehr als zur Zeit ihrer Niederschrift. Denn inzwischen ist die Wissenschaft für noch sehr viel mehr Menschen als damals an die Stelle der Religion und auch der Philosophie getreten. Und brüsten sich denn nicht auch manche Wissenschaftler medienwirksam damit, den allerletzten Geheimnissen auf der Spur zu sein, sei es in der Hirnforschung, sei es in der Genetik oder der Teilchenphysik? Halten nicht viele die Gottesvorstellung für obsolet? weiterlesen

Über kaum einen anderen Schriftsteller sind so viele falsche Vorstellungen im Umlauf wie über Kafka: er war weder humorlos noch weltabgewandt oder gar zum Leben untauglich und schon gar nicht war er der Prototyp des Junggesellen. Gregor Samsa ist ein “typischer” Junggeselle, der Autor selbst war es nicht. Es ist nicht abseitig, sich mit dem altmodischen Begriff des Junggesellen in Bezug auf Kafka näher zu beschäftigen, doch die wie selbstverständliche Verbindung seines Namens und Erwachsenenlebens mit diesem Begriff trägt sehr zu dem falschen Bild bei, das noch immer von ihm kursiert.
Das Junggesellensein war das Etikett, das ihm das traditionelle Denken seiner Familie und der im 19. Jahrhundert verhafteten bürgerlichen Gesellschaft aufprägte und das er bereitwillig übernahm, vielleicht bloß um überhaupt einen Platz in dieser Gesellschaft zu haben. Er selbst war im Grunde, obwohl er jahrelang den Konventionen vergeblich entsprechen wollte und sich auf das Ideal Ehe fixierte, schon sehr viel weiter, ein weitaus modernerer Kopf als alle in seiner näheren Umgebung. Er konnte sich durchaus freiere Formen der Beziehung zwischen Mann und Frau vorstellen.





