Science Fiction Places We’d Like To See (1)


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch am 18.August 2011

Hendrik geht auf eine Reise – und nimmt uns mit an Orte, wo wir noch nie gewesen sind … oder doch?

I.

Eines wird mir beim Erstellen einer Liste, welche Orte und Welten aus den mir bekannten Science Fiction-Büchern oder Filmen ich am liebsten würde bereisen wollen, rasch klar: die meiste SF ist an wirklich, wirklich ungemütlichen Orten angesiedelt, und als Leser bzw. Betrachter bin ich verdammt froh, dass ich nicht Gefahr laufe, den Fanatikerstaat Gideon (Margaret Atwood, Der Report der Magd) oder das Innere eines Borgkubus (Star Trek) oder den extremen Schwerkraftplaneten Planeten Dhrawn (Hal Clement, Schwere Welten) anwesender als ‘lediglich’ lesend und betrachtend anwesend zu besuchen. Viele dieser Orte werden aus dramaturgischer Notwendigkeit oder als intellektuelle Versuchsanordnungen geschaffen, und nicht, um ein attraktives Reiseziel abzugeben. Sie sind giftig, von Monstren bevölkert, zu sehr oder zu wenig vermenscht, weisen eine zu hohe Schwerkraft auf, sind aus den verschiedensten Gründen zu instabil, zu lebensfeindlich oder auf andere Weise zu inhuman.

II.

Science Fiction ist, rein dramaturgisch gesprochen, nicht selten extreme Überlebensliteratur, und das muss sie auch sein, denn sonst könnte sie sich nicht so intensiv mit den existenziellen philosophischen Grundfragen beschäftigen, die eines ihrer Hauptmerkmale sind: die Frage nach dem Wesen des Universums, des menschlichen Seins, der – aus unserer Sicht – Kontinuität von Raum und Zeit, der Bedeutung des Lebens. Vor dem [intellektuellen] Fragen und Finden und Erfinden und Lernen muss stets die [dramaturgische] Irritation und Not stehen, denn so arbeitet nun mal unser Geist: er bewegt sich meist nur, wenn er dazu gezwungen wird. Die meisten SF-Welten sind daher Lebensräume, welche ihre Bewohner oder Besucher zwingen, aus Not das Undenkbare zu denken.

III.

Wenn ich also jetzt versuche, mir eine Liste der SF-Orte aufzustellen, die ich gerne würde besuchen wollen, dann ist mir schonmal die Unterscheidung wichtig, wie intensiv und ausgedehnt denn dieser Besuch ausfallen würde. Klar würde ich gerne mal Delos (Westworld 1973) sehen, jedoch den dort bepriesenen Urlaub in einer der Themenwelten würde ich wohl doch eher dankend ablehnen. Auch Orte wie Outland, die Zone (A.&B. Strugatzki, Picknick am Wegesrand bzw. Stalker, 1979) oder der Wüstenplanet wären für einen Besuch interessant; aber sich wirklich längere Zeit dort aufzuhalten? Ich weiß nicht. Wieder andere Orte würde ich gerne besichtigen, allerdings vorzugsweise in ortskundiger Begleitung – die leuchtenden Dschungel und schwebenden Berge Pandoras (Avatar, 2009) zum Beispiel – ganz klar einer der bildfaszinierendsten Orte der neueren Film-SF – oder die Flusswelt (Philip José Farmer), einem gigantischen Flusstal, in dem simultan alle Menschen leben, die jemals irgendwo existiert haben. Auch ‘kleinere’ Orte kommen natürlich auf die Liste – welcher SF-Fan würde nicht mal gerne einen Spaziergang durch einen Bird of Prey (Star Trek) machen oder im Milliway’s (Douglas Adams, Das Restaurant am Ende des Universums) speisen? Äußerst reizvoll, und die Liste wäre vermutlich nach dem Durchgehen zweier meiner SF-Regale schon ungefähr einen Meter lang.

IV.

Ich benötige also zur Ermittlung einer engeren Auswahl ein weiteres Kriterium, und das ist mir die Feldintensität der imaginativen Verstärkung. Anders gesagt: Die Schilderung welcher Orte in der SF haben meine eigene Vorstellung von ihnen über den Rahmen dessen, was beschrieben oder gezeigt wird, hinaus angeregt und mich dazu verführt, mich in sie hinein zu versetzen, mich dort näher umsehen zu wollen? Wollen doch mal sehen.

Fast zwangsläufig überschneiden sich die Quellen vieler dieser besonders gemochten Orte mit meinen Lieblingsfilmen und den Werken einiger LieblingsautorInnen, denn genau eines meiner Hauptkriterien für die Einfühlung in solche Werke ist für mich stets der Ort, an dem eine Geschichte angesiedelt ist – zuweilen hängt dieses Kriterium das eigentliche Geschehen sogar ganz locker ab.

V.

Insofern dürfte es kaum verwundern, dass sich darunter auch sehr frühe SF-Eindrücke finden – Orte, die ich kennen lernte, als ich im Goldenen Zeitalter der SF weilte („The Golden Age of Science Fiction ist 12“ – Damon Knight sagte das, glaube ich), und bekanntlich sind solche frühen Reiseeindrücke oft die nachhaltigsten. Dorthin würde ich nicht gerne reisen – dorthin würde ich gerne ERNEUT reisen, denn auf den Ebenen, auf die es ankommt, war ich ja längst dort.

So hängt nicht umsonst in meiner Küche ein Bild von der weiten, menschenleeren Ebene von Altair-4, jenem  Forbidden Planet (1956), unter dessen Oberfläche sich die unfassbaren Wunder einer untergegangenen Zivilisation befinden. Kaum ein anderer Ort hat mich schon in frühen SF-Mögerjahren und bis heute angezogen, vielleicht durch seine fast schon träumerische Entrücktheit und Stille, in welcher der Mensch, wenn er sich nicht ganz leise bewegt, im Grunde nur ein Störenfried sein kann. Vielleicht hat bei mir auch der dramaturgische Kniff des Filmes, die verborgenen Wunder stets nur anzudeuten, ohne sie über wenige Ausnahmen hinaus wirklich zu zeigen, einfach sehr gut funktioniert. In gewisser Hinsicht ist es zugleich einer der philosophischsten und einer der romantischsten Orte der gesamten SF, und das ist in den über 50 Jahren seit der Entstehung des Filmes so geblieben.

VI.

Beim Gedanken an Romantik in der SF kann man unmöglich den Mars der Erzählungen (Mars-Chroniken u.a.) Ray Bradburys nicht erwähnen, der als Handlungsort so unwirklich und so sehr ein Spiegel der Psyche ist, wie es in einem doch in der Regel sehr naturwissenschaftlich orientierten Genre zunächst kaum denkbar scheint. Was mir womöglich daran immer gefiel, war die in den Erzählungen mitschwingende Demut dem Universum gegenüber und das Bewusstsein: als Gast, Besucher und Zeuge der Wunder des Weltalls ist der Mensch willkommen, als dessen Eroberer und Bezwinger muss er dagegen stets scheitern. Nicht, dass ich nicht auch mal gerne Perry Rhodan gelesen hätte, was sich bezüglich dieses Kriteriums am ganz anderen Ende der Skala einparkt, aber während das Rhodan’sche Universum mir ein angenehmes kindliches Spiellesevergnügen bereitet[e], finde ich nur hier, am anderen Ende, jene Erdung, welche für mich das ganze Genre so wichtig macht. Daher muss auch der Mars Ray Bradburys auf meine Liste.

Im zweiten Teil  führt uns Hendrik unter anderem auf ein Raumschiff namens “Ich gebe meiner Mutter die Schuld”.


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Keine Laserstrahlen, viel Whisky und der ein und andere Mord: Iain Banks, “Straße der Krähen”


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch am 19.Mai 2011

Hendrik hat eine Leselücke geschlossen und sich den Roman Straße der Krähen von einem seiner Lieblingsschreiber, Iain Banks, einverleseleibt.

1.

Aus irgendeinem profanen Grund (evtl. der Tageshöchstdauer von 24h) hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich nun auch den letzten der mir noch unbekannten älteren Nicht-SF-Romane von SF-Großmeister Iain Menzies Banks von meinem hohen schmalen Baldlektürenstapel gegriffen und gelesen habe, den 1992 erschienenen Roman The Crow Road (Straße der Krähen). Und das trotz eines so schön typisch Banks’schen Einstiegs:

„Es war der Tag, an dem meine Großmutter explodierte.“ [S. 7]

Banks, Straße der Krähen - Kein hübsches Buch, aber...Ausgehend von einem etwas makabren Unfall bei einer Trauerfeier entspinnt sich eine in Banks’ schottischer Heimat angesiedelte Geschichte um eine weitverzweigte, alteingesessene Familie und deren Freundeskreis. Im Mittelpunkt steht (meist) Prentice McHoan, einer der jüngsten Angehörigen des Clans, der ständig pleite ist, mehr schlecht als recht Geschichte studiert, sich mit seinem atheistischen Vater verkracht hat, unglücklich in die völlig falsche Frau verliebt ist – und dann auch noch durch Zufall durch die wirren Aufzeichnungen eines auf Reisen verschollenen Onkels auf die Spur eines Mordes kommt, den einige Jahre zuvor jemand innerhalb dieser Familie womöglich an einem anderen Familienmitglied begangen hat. weiterlesen


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“Mr. Banks, sprechen wir doch mal über Ihre Unkultur …” 3. Die Aufsteigerin


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, Podcast am 17.Juni 2009

Hendrik liest drei der Nicht-SF-Romane vom Autoren des <Culture>-Zyklus: <Die Wespenfabrik>, <Träume vom Kanal> und <Die Aufsteigerin>

Dritter Teil: Die Aufsteigerin

Banks Unkultur (3) [ 6:52 ] Jetzt abspielen | Download

<Die Aufsteigerin> ist <Träume vom Kanal> in einer Beziehung recht ähnlich: wiederum steht hier eine starke und erstmal nur bedingt sympathische Frauenfigur im Mittelpunkt. Die Erzählerin Kate Telman ist eine selbstbewusste, gutaussehende Enddreißigerin und im oberen Management eines reichlich mysteriösen, weltumspannenden Konzerns tätig, den es offenbar bereits seit gut zweitausend Jahren gibt. Sie wird damit beauftragt, für den Konzern den Ankauf eines ganzen Landes vorzubereiten, weil man auf diesem Wege einen Sitz in den Vereinten Nationen erhält und sich auch ansonsten jede Menge Vorteile verspricht. Die Wahl fällt auf den Zwergstaat Thulahn hoch oben im Himalaja, und Kate ist von der Aussicht, dort für längere Zeit leben zu müssen, nicht wirklich begeistert:

“Anständig? Thulahn ist ein Rattenloch! Die haben so wenig ebenen Boden, dass ihre einzige Landebahn gleichzeitig als ihr Fußballstadion herhalten muß; als ich dort eingeflogen bin, wären wir fast bei unserem ersten Landeanflug abgestürzt, weil sie vergessen hatten, die Torpfosten abzubauen. Der königliche Palast wird mit schwelendem Yak-Dung beheizt, Onkel Freddy. Ihr Nationalsport ist Emigration.” (S.63)

Vor allem der bissige Humor der Erzählerin verleiht dem Ganzen eine wesentlich leichtere Note als <Träume vom Kanal>, zumal es nicht so offenkundig um Leben und Tod, sondern nur um Macht und gigantische Mengen Geld geht. Wiederum gerät Banks seine Zentralfigur so vielschichtig und stark, dass die Ereignisse um sie herum fast in den Hintergrund treten. Kate entdeckt sowohl in der Organisation, für die sie arbeitet, als auch in ihrer eigenen Gefühlswelt nach und nach Dinge, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Banks versucht gar nicht erst, sich hier verkrampft irgendetwas Brandneues einfallen zu lassen, sondern reichert u.a. das ewig alte Thema des dekadenten Strebens der Mächtigen nach immer mehr Macht einfach kurzerhand mit so skurrilen Handlungsdetails an, dass es eine schlichte Lesefreude ist: wer führt schon ein Bewerbungsgespräch mit jemandem, der gerade vergnügt dabei ist, weiterlesen


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“Mr. Banks, sprechen wir doch mal über Ihre Unkultur …” 2. Träume vom Kanal


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, Podcast am 16.Juni 2009

Hendrik liest drei der Nicht-SF-Romane vom Autoren des <Culture>-Zyklus: <Die Wespenfabrik>, <Träume vom Kanal> und <Die Aufsteigerin>

Zweiter Teil: Träume vom Kanal

Banks Unkultur (2) [ 4:27 ] Jetzt abspielen | Download

<Träume vom Kanal> (wiederum von Heyne als SF-Roman deklariert) scheint erstmal nur zu bestätigen, dass Iain Banks auf Schiffe steht; allerdings handelt es sich diesmal nicht um die hochintelligenten, meist reichlich exzentrischen Raumschiffe seines <Culture>-Zyklus, sondern um drei Frachtschiffe, die zu Beginn der 80er Jahre im Panamakanal festsitzen, weil Terroristen begonnen haben, jedes Schiff zu beschießen, das versucht, diesen Verbindungsweg zu passieren. Mit an Bord ist die weltberühmte japanische Cellistin Hisako Onoda, die sich aufgrund ihrer panischen Flugangst diesen Transportweg für eine Konzertreise nach Europa ausgesucht hat. Während um die drei Schiffe herum die politische Situation mehr und mehr eskaliert, wird parallel Hisakos Lebensgeschichte erzählt. Dann besetzt eine Gruppe der Terroristen die Schiffe und nimmt die darauf Befindlichen als Geiseln – mit der üblichen, zur ständigen Eskalation gezwungenen Rhetorik des alle Mittel rechtfertigenden edlen Zieles –

“Sehen Sie, die Großen müssen manchmal krumme Dinger drehen, Fräulein Onoda. Um groß zu bleiben, muß man krumme Dinger drehen; da führt kein Weg dran vorbei. Man kann es versuchen und sich von denjenigen distanzieren, die die krummen Dinger drehen; ich meine, sich von der ausführenden Hand zu distanzieren, aber man bleibt doch verantwortlich. In einer schlechten Welt muß man schlechte Dinge tun, wenn man fähig bleiben will, gut zu sein. Verstehen Sie das?” (S. 242)

Zuletzt ist es ausgerechnet Hisako, welche die Dinge in die Hand nimmt und sich dieser Eskalation entgegenstellt, und so wird aus den zwei augenscheinlich unvereinbaren Elementen eine Geschichte. weiterlesen


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“Mr. Banks, sprechen wir doch mal über Ihre Unkultur …” 1. Die Wespenfabrik


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, Podcast am 15.Juni 2009

Hendrik liest drei der Nicht-SF-Romane vom Autoren des <Culture>-Zyklus: <Die Wespenfabrik>, <Träume vom Kanal> und <Die Aufsteigerin>

Erster Teil: Die Wespenfabrik

Banks Unkultur (1) [ 4:43 ] Jetzt abspielen | Download

I.

Der <Culture>-Zyklus, darunter die Romane <Bedenke Phlebas>, <Das Spiel Azad> und <Exzession>, zählt zweifellos zu den intelligentesten und gelungensten neueren Space Operas und damit zu meinen klaren Favoriten in diesem Genre. Mit den Büchern von Iain Banks, die nicht der von mir so geliebten Science Fiction zugehörig sind, geht es mir daher ein wenig wie mit den Soloalben der Keyboarder meiner Lieblingsbands: irgendwie bin ich vorab schon entschlossen, sie ebenfalls zu mögen, aber zugleich bin ich mir nicht sicher, ob sie die Elemente enthalten, die ich an den mir bereits liebgewordenen Veröffentlichungen schätze.

Und so ist die Lektüre einiger Nicht-SF-Romane von Iain Banks für mich eine gute Gelegenheit herauszufinden, was mich an seinen Büchern eigentlich so reizt:

II.

<Die Wespenfabrik> ist Banks’ überaus erfolgreiches Erstlingswerk von 1984. Nach dem SF-Roman <Bedenke Phlebas> war es das zweite seiner Bücher, die ich vor Jahren las, und zwar in der heute längst als naiv entlarvten Annahme, der Heyne Verlag veröffentliche in seiner Science Fiction und Fantasy-Reihe auch nur Science Fiction und Fantasy. <Die Wespenfabrik> ist weder das eine noch das andere, vielmehr ein ungewöhnliches Familien- und Adoleszenzdrama, dessen Besonderheit sich zunächst vor allem aus der Erzählerperspektive speist. Die erzählende Stimme gehört Francis Leslie Cauldhame, sechzehn Jahre alt und mit großer Intelligenz, einer reichhaltigen Phantasie und einer ausgeprägten Neigung zur Grausamkeit ausgestattet –

“Vielleicht sollte ich mir eines dieser Weckradios mit Leuchtdiode wünschen, obwohl ich eigentlich sehr an meinem alten Messingwecker hänge. Einmal habe ich je eine Wespe an die Klangkörper der kupferfarbenen Glocken auf dem Gehäuse gebunden, so daß der kleine Hammer auf sie eindrosch, wenn am Morgen der Alarm losging. Ich wache immer vor dem Weckerläuten auf, deshalb konnte ich es beobachten.” (S. 28)

Francis lebt, gemeinsam nur mit dem absonderlichen Vater, der seine Zeit mit von ihm geheimgehaltenen Experimenten verbringt, an einer abgelegenen Stelle der schottischen Küste, besucht keine Schule, sondern inszeniert mit in einem Schiffswrack gefundenen Explosivstangen in den Dünen Kriegsspiele.

Der ältere Bruder Eric befindet sich seit Jahren in einer geschlossenen Anstalt, nachdem er einst plötzlich Kinder aus dem nahen Ort attackiert und einige Hunde mit Benzin übergossen und angezündet hatte. Nun ist er jedoch aus der Anstalt entwichen weiterlesen


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Erfrischende dimensionale Unverschämtheit


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch am 2.Juni 2009

Thomas und Hendrik besuchen Die Sphären von Iain Banks

Iain Banks dreht das ganz große Rad [ 14:38 ] Jetzt abspielen | Download

Die Romane des Culture-Zyklus von Iain Banks zeichnen sich durch, es lässt sich kaum anders sagen, erfrischende dimensionale Unverschämtheit aus. Natürlich gibt es eine Vielzahl gigantophiler Weltentwürfe in der Science Fiction – die planetengroßen Riesenraumschiffe von E.E. ‘Doc’ Smith, Philip José Farmers Flusswelt, groß genug für alle Menschen, die seit Anbeginn der Zeiten jemals gelebt haben, und so fort.

Das Problem solcher Weitwinkelfiktionen besteht jedoch darin, dass man sich leicht darin verliert: was ist schon der heldischste Held, wenn er im Vergleich zu dem Universum, das ihn umgibt, nicht größer und bedeutender ist als ein Sandkorn, ein Einzeller, ein Makromolekül (mag es meinethalben ein Molekül aus reinem Rhodanium oder Kirkit sein). Es gelingt nur sehr wenigen ausgewählten AutorInnen, solche Dimensionen nicht nur zu ersinnen und auszufüllen (wozu deutlich mehr gehört, als nur hinter alle Größenangaben zwei Nullen mehr zu setzen), sondern sie erzählerisch anzubinden an die Erlebnisse von den Einzelschicksalen jener Figuren und Charaktere, ohne die ein Roman, und sei er noch so episch, einfach der Lebendigkeit und Lesbarkeit entbehrt.

Nun gibt es tatsächlich AutorInnen, die auch diese narrative Grundregel zu widerlegen versucht haben (wie dies allen je erdachten narrativen Grundregeln widerfährt), und das Ergebnis waren z.B. Chroniken der zukünftigen Menschheitsgeschichte, in denen Individuen, von denen eine Geschichte hätte handeln können, auf die Rolle als Träger historischer Anekdoten reduziert sind. Die Folge ist, dass z.B. Olaf Stapledons <Die letzten und die ersten Menschen> in dem Maße, in dem es sich als großer futuristischer Entwurf beweist, zögert, ein guter Roman zu sein.

Iain Banks hat diese Unvereinbarkeit begriffen und sich gar nicht erst vorgenommen, sein Universum allzu ernst zu nehmen. Das macht es ihm leichter, das ganz große Dimensionstor aufzumachen und uns mit einem Gefühlt-mehr-als-nur-360°-Panorama zu fesseln, gegen das die gewagtesten Fiktionen von Smith und Farmer ausgesprochen provinziell erscheinen:

Um Sursamen scharten sich Eigenschaften wie um andere Planeten Monde. Die Schalenwelt war arithmetisch, gefleckt und umstritten, verfügte über eine multiple Bevölkerung, Millionen jahrelange Sicherheit und einen Gott in ihrem Kern. Ein Volk namens Involucra hatte die Schalenwelten gebaut, vor fast einer Milliarde Jahren. Alle befanden sich in Umlaufbahnen stabiler Hauptreihensterne. Ursprünglich hatte es etwa viertausend Schalenwelten gegeben – 4096 wurde vermutet, da es sich dabei um eine Zweierpotenz handelte und eine solche Zahl bei vielen Leuten, aber keineswegs allen, als besonders rund galt. Die riesigen künstlichen Planeten waren in regelmäßigen Abständen an der galaktischen Peripherie positioniert worden und umgaben die ganze große Sterneninsel … [S. 93/94]

Und innerhalb dieser Dimensionen bewegen sich Banks’ vielgestaltige ProtagonistInnen – Menschen, Insektoide, Wasserwesen, schwebende intelligente Urwälder, wenige Zentimeter lange künstliche Drohnen und exzentrische Großraumschiffe – mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, die uns für die Dauer der Lektüre bereitwillig zu Illusionsjunkies werden lässt, die alles aufsaugen, was dem Kopf eines 54-jährigen Mannes entströmt, der irgendwo in Schottland vor einer Tastatur sitzt. Was ist das Geheimnis? weiterlesen


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