“Fliegende Koffer”: Näher dran geht nicht


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Prof. Pu und die Pücher am 12.April 2009

Prof. Pu empfiehlt: “Fliegende Koffer” von Annegret Held

Roman aus der Sicherheitszone [ 4:42 ] Jetzt abspielen | Download

Prof. Pu und die Pücher

„Du sollst wissen, Ännchen, auch wenn ich jetzt gehe, dass ich dich – unsäglich – liebe.“

Das waren die letzten Worte von Simon, dem Polizisten, Annettes einzige Liebe. Die er seiner Familie zuliebe wieder verlassen hat. Zehn Jahre ist das jetzt her. Und jetzt steht er wieder vor ihr, im Café Istanbul, einem verrauchten Raum in den Katakomben des Frankfurter Flughafens, einem heimlich betriebenen Café der Kofferschlepper. Dort treffen sich die abgekämpften Schichtarbeiter des Riesenbetriebes auf einen Plastikbecherkaffee und eine Zigarette. Annette arbeitet im Flugsicherungsbereich. In zermürbenden Tag- und Nachtschichten kontrolliert sie Tausende von Reisenden, mit der Sonde, in der Kabine, am Röntgengerät für Gepäck. Ihre Kollegen, alles Gestrandete, ein Theologe, ein Augenoptiker, eine ehemalige Stabsoffizierin aus dem Kosovo. Alle versuchen, mit diesen mörderischen Arbeitszeiten klar zu kommen, jeder auf seine Weise.

heldAnnette probiert immer wieder, aus den Massen, die jeden Tag und jede Nacht an ihr vorüberziehen, das Individuum herauszufiltern und bemüht sich, freundlich zu sein. Wohlwollende Blicke für die verschleierten Frauen, liebevolle Gesten oder ein Lächeln für die genervten Passagiere, die zum x-ten Mal kontrolliert werden. In Gedanken runzelt sie immer wieder die Stirn über die teilweise absurden Sicherheitsregeln, durch die Tonnen von Parfüms, Weinflaschen, Deosprays und Honiggläser im Müll landen. Als sie es einmal nur wagt, sich einen Hauch eines zum Wegwerfen bestimmten Parfüms anzusprühen, ist die Hölle los. Durch die Routine hat sie sich einigermaßen im Griff, lange genug hat es gedauert, bis sie die Abwesenheit von Simon ertragen konnte. Und jetzt steht er vor ihr, im Café Istanbul, und es wirft sie aus der Bahn: weiterlesen


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Lawrence von Arabien [3]


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 11.Oktober 2008

Dritter Teil
Die Ruhelosigkeit des Helden

Lawrence von Arabien (3) [ 7:24 ] Jetzt abspielen | Download

In London gilt Lawrence bald als die “die romantischste Gestalt, die der Krieg hervorgebracht hat”, wie Rudyard Kipling sagte. Hier setzt er sich noch einmal für Feisal und die Sache der Araber ein. Er nutzt seinen Ruhm, um verantwortlichen Politikern “auf die Hühneraugen zu treten”, wie der Parlamentarier Robert Cecil es nannte. Als Feisal im Februar 1919 vor der Friedenskonferenz in London spricht, übersetzt Lawrence. Beide stehen sie vor der Versammlung in leuchtend weißen Scherifengewändern und so hat sich das Bild von T. E. Lawrence in der englischen Vorstellungswelt eingebrannt: ein Abenteurer und Gelehrter, der Züge sprengt und als Feldherr die Araber zum Sieg führt. Auf einen solchen Helden hatte England lange gewartet und Lawrence versäumte nun nichts, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Jetzt ist es auch an der Zeit, die Legende zu festigen. Lawrence beginnt mit der Arbeit an seinem Werk “Die sieben Säulen der Weisheit”, mit dem er sich an die Seite von Dostojewski und Melville stellen will. Auf mysteriöse (und publikumswirksame) Weise geht das Manuskript verloren – in unglaublich kurzer Zeit erschafft er das ganze Werk aus dem Gedächtnis neu und wird später Ungenauigkeiten in Details mit eben diesen Umständen erklären. Möglicherweise ist das Manuskript gar nicht verschwunden, sondern einfach umgearbeitet worden. Das ganze Werk – von den Zeitgenossen bejubelt – erscheint uns heute literarisch durchschnittlich, politisch subjektiv und historisch sehr oberflächlich.

Als 1920 Feisal als König von Syrien aus Damaskus vertrieben wird, hört man von Lawrence allerdings keinen Protest. Im folgenden Jahr arbeitet Lawrence als Berater für arabische Angelegenheiten für den Kolonialminister Churchill. Im März nimmt er an der Kairo-Konferenz teil, die Feisal zum Oberhaupt des Irak wählt. Am 20. Juli 1922 aber scheidet Lawrence aus Churchills Dienst aus und tritt inkognito als einfacher Soldat bei der Luftwaffe ein.

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(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog “furchtlos” ins Leben gerufen worden ist.) weiterlesen


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Lawrence von Arabien [2]


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 10.Oktober 2008

Zweiter Teil
Der Ruf des Helden

Lawrence von Arabien (2) [ 10:59 ] Jetzt abspielen | Download

Nach einer ersten Reise durch den Mittleren Osten, bei der er dem Reiz des Orients, des größeren Mondes und der weiten Gewänder erliegt, begleitet T. E. Lawrence Hogarth nach Karkemisch, einem Ausgrabungsort an den Ufern des Euphrat, und hier verbringt Lawrence die vier glücklichsten Jahre seines Lebens. Durch Hogarths Protektion finanziell gesichert führt er bei den Ausgrabungen ein Leben eingewoben in einen Kokon von exquisiter Kultur: Nach Beendigung der täglichen Arbeiten liest man aus den Werken seiner Lieblingslyriker und trinkt Tee aus 2.000 Jahre alten Tassen.

Und Lawrence lernt Dahoum kennen, einen jungen syrischen Arbeiter, dem er Unterricht gibt. Zu diesem knabenhaften Syrier fasst Lawrence eine tiefe, zärtliche Zuneigung und mit ihm zusammen gerät er später in Halfati in ein türkisches Gefängnis, wo er – in Dahoums Kleidern – für einen Araber gehalten und ausgepeitscht wird. Es mag erstaunen, dass er sich nicht als Engländer zu erkennen gibt, um der rohen Behandlung zu entkommen. Es ist nicht so sehr Tapferkeit (wie es in das Bild des Helden passen würde) die ihn die Misshandlungen ertragen lässt: Zum ersten Mal fühlt er die Nähe von Schmerz und Verzückung. Eine Erfahrung, die sein weiteres Leben prägen wird. Lawrence erwirbt sich in dieser Zeit solide Kenntnisse der arabischen Sprache und erweist sich als geschickt im Umgang mit arabischen Arbeitern, er weiß sie anzutreiben und zu belohnen, und er weiß, wie er sie von sich überzeugen kann.

Dies qualifiziert ihn für eine neue Aufgabe, die er bei Ausbruch des Krieges übernimmt: Am 23. Oktober 1914 wird er offiziell als Dolmetscher im Rang eines Leutnants vom Arabischen Büro des britischen Gemeindienstes in Kairo eingestellt. Für längere Zeit erwarten ihn in der Hauptsache langweilige Schreibtischarbeiten in einer Stadt, die aus einer orientalischen und einer europäischen Hälfte besteht. Wobei im europäischen Kairo der Stossseufzer “Man kriegt keinen Tisch im Club!” noch die Klagen über die überfüllten Tennisplätze übertönt.

Das ist nicht die Welt des T. E. Lawrence, der sich derweil, wie einige andere auch, Gedanken macht über den arabischen, antitürkischen Aufstand, der Dschidda und Mekka bezwingt. Lawrence plädiert für militärische und finanzielle Unterstützung. Die Bildung einer Freischärlertruppe, die leicht bewaffnet und hoch beweglich tief nach Syrien eindringen könnte, ist im Gespräch – Lawrence begeistert sich für diese Idee. Aber erst als Sir Wingate Hochkommissar wird, konkretisiert sich eine Unterstützung des Aufstandes. Damit beginnt eine Phase in Lawrence Leben, die ihm legendären Ruhm einbringen wird.

(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog “furchtlos” ins Leben gerufen worden ist.) weiterlesen


Ein Kommentar




Lawrence von Arabien [1]
Das Maß des Helden


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Podcast, Thema am 9.Oktober 2008

Erster Teil
Die Herkunft des Helden

Lawrence von Arabien [ 6:48 ] Jetzt abspielen | Download

Den Mensch dürstet es nach Mythen, nach jenen archetypischen Landschaften, bevölkert von Feinden und: Helden. Auch in unserer entmythologisierten Zeit ist uns diese Sehnsucht nicht verlorengegangen. Wir sind weiterhin auf der Suche nach Figuren, auf die wir uns projezieren können, um unsere eigene Schwäche zu vergessen, in deren Haut wir schlüpfen können, um ihre Tapferkeit zu teilen.

Eine solche Figur ist der englische Offizier Thomas Edward Lawrence, der im Dezember 1914 seine Tätigkeit für den britischen Geheimdienst in Kairo aufnimmt. Sein Einsatz für die Befreiung der arabischen Stämme, seine abenteuerliche Rolle in den Konflikten mit den Türken, die Eroberung von Aqaba und Damaskus und die Verehrung seiner arabischen Freunde haben ihm den Ruhm eines “modernen Helden” eingetragen. Nicht ohne Grund, wie sich zeigen wird, und auf jeden Fall nicht ohne sein eigenes Zutun.

War Lawrence ein Held? Und von welchem Heldenbegriff soll man ausgehen? Bruce Chatwin bietet uns in seinem Roman “Songlines” eine Definition, die auf Lawrence angewendet werden kann:

“Jede Mythologie hat ihre eigene Version vom Helden und seinem Weg der ‚Prüfungen’, in denen ein junger Mann ebenfalls einen ‚Ruf’ erhält. Er reist in ein fernes Land, wo ein Riese oder ein Ungeheuer die Bevölkerung zu vernichten droht. In einem übermenschlichen Kampf überwältigt er die Kräfte der Finsternis, beweist seinen Mannesmut und erhält seine Belohnung: eine Frau, einen Schatz, Land, Ruhm. An alledem erfreut er sich bis ins fortgeschrittene Alter, wenn abermals dunkle Wolken heraufziehen. Wieder überkommt ihn die Ruhelosigkeit. Wieder bricht er auf; entweder wie Beowulf , um im Kampf tödlich verwundet zu werden, oder, wie der blinde Tereisias Odysseus weissagte, um zu irgendeinem geheimnisvollen Ziel aufzubrechen und zu verschwinden.”

An diesem Maß soll Thomas Edward Lawrence gemessen werden. Und indem wir seiner Lebensgeschichte folgen, werden wir einen Mechanismus der Mythenbildung finden, ohne den kein Heldentum möglich wäre.

(Dieser Beitrag erscheint als Teil der Helden-Blogparade, die vom Blog “furchtlos” ins Leben gerufen worden ist.)
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