“Western Lexikon” von Joe Hembus: unintellektuell, uneitel, geistreich
Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Filmbücher, Kino am 26.Oktober 2011
Wir lieben Filme, wir lieben Bücher – kein Wunder, dass wir Filmbücher lieben. Götz stellt uns eines seiner liebsten Filmbücher vor:
Da ich als Kind Western liebte, das Genre zunächst über Serien wie „Bronco“, „Der Texaner“ oder natürlich „Bonanza“ entdeckte, bald aber auch Klassiker wie „Winchester 73“, „Stagecoach“, „Der gebrochene Pfeil“ oder „Der weite Himmel“ im Fernsehen sah und schließlich von meinen Eltern auch in gerade aktuell im Kino laufende Filme wie „The Alamo“, „Für eine Handvoll Dollar“ oder „The Wild Bunch“ mitgenommen wurde, die damals „ab 18“ waren, weil in ihnen „das Blut spritzte“, so dass mein Vater jedes Mal in den Clinch mit der Kinokassiererin gehen musste, um mich einzuschleusen, war es nur folgerichtig, dass meine erste filmliterarische Anschaffung später das „Western Lexikon“ von Joe Hembus war. „1324 Filme von 1894-1978“, so der Untertitel der Ausgabe, als Taschenbuch im Heyne-Verlag erschienen. Die aktuellste, von seinem Sohn nach Hembus’ Tod überarbeitete Auflage aus dem Jahr 1997 listet 1567 Werke auf. Die Neuausgabe fügt noch weitere, nach 1978 entstandene Western hinzu – es waren ja nicht mehr so viele – herausragend natürlich die Monumente „Heaven`s Gate“ und „Dances With Wolves“ und „Unforgiven“, die ausführlich gewürdigt werden.
In einer Vorbemerkung der ersten Auflage heißt es: „Dieses Lexikon beschreibt die Spitze eines Eisberges“. Denn aus der unermesslichen Western-Produktion Hollywoods kam ja nur ein Teil über den Atlantik in die Kinos. Alphabetisch nach deutschen Titeln geordnet, stellt das Standardwerk zu dem Kinogenre schlechthin vom Edel- bis zum Trashwestern alle „Cowboy- und Indianer“-Filme vor, die je in Deutschland in den Verleih kamen. Verleih- und Originaltitel, Regie, Drehbuch, Kamera, Musik und die wichtigsten Darsteller nebst ihren Rollennamen, gefolgt von einer Inhaltsangabe und einer Kritik – so ist jeweils der Aufbau der einzelnen Artikel. Zudem hat Hembus die Filme bewertet, mit keinem, einem, zwei, maximal drei Sternen.
Illustriert ist das Ganze mit einigen schönen Standfotos. Obwohl das Lexikon also 1997 noch einmal aufgelegt und aktualisiert wurde, habe ich noch immer mein erstes Exemplar, dem schon das Deckblatt fehlt und das angegilbt ist. Ich hänge so an ihm, weil ich es unzählige Male in die Hand genommen habe, meist unmittelbar nachdem ich einen Western gesehen hatte. Manche Artikel habe ich gewiss ein dutzend Mal oder häufiger gelesen. Was zunächst auffällt, ist, dass der Großteil der Filme keinen oder höchstens einen Stern führt. Man kann daraus zu recht schließen, dass Western Fließbandproduktionen waren, überwiegend B-oder gar C-Movies, und nur wenige Regisseure an den Western einen höheren Anspruch knüpften. Die wenigen Gipfel der Westerngeschichte aber ragen dafür um so strahlender in den Kinohimmel. Es macht einfach Spaß, zu blättern und zum Beispiel die deutschen Verleih- und Fernsehtitel mit den Originaltiteln zu vergleichen. Aus „The San Francisco Story“ wurde zwar „Menschenjagd in San Francisco“ und aus „Shotgun“ wurde „Ritt in die Hölle“, aber meist sind die deutschen Titel gar nicht so fern vom Original und oft sogar prägnanter.
Es ist sehr unterhaltsam, die Kommentare zu Filmen zu lesen, die man nicht kennt und wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen wird, etwa diesen zu „Bankraub in Mexiko“ aus dem Jahr 1956:
„Das einzige Verdienst solcher letztrangigen Filme ist es, dass durch sie Schurken-Chargen wie Neville Brand, die sich in Dutzenden von großen Western bewährt haben, auch einmal zur Ehre einer Hauptrolle kommen“.
Oder hier bei „Terror am Rio Grande“ von 1952:
„Für die Liebhaber von frontalen Zugkollisionen. Die alte Zasu Pitts sieht noch genau so aus wie in Stroheims „Greed“, der ihren Ruhm begründete, genau so schön, genau so gefährlich.“
Einen Kommentar gibt es natürlich nicht zu jedem Film. Und die Inhaltsangaben fallen oft auch sehr minimalistisch aus:
„Drei Brüder rächen den Mord an ihrem Vater.“
Mehr nicht. Und manchmal ist auch noch eine kleine Kritik angefügt, etwa zu dem Film „Der Bandit von Sacramento“ von 1946:
„Bandit ruiniert sich aus Liebe und Freundschaft und stirbt in den Armen seiner Geliebten. Purer Humbug.“
Mehr Worte muss man über diese Filme dann wohl auch nicht verlieren. Da kann man Hembus, der der beste deutsche Kenner der Westerngeschichte war, vertrauen. Seine Kommentare zu den Meisterwerken des Genres sind angenehm unintellektuell, uneitel, geistreich und bieten oft höchsten, unterhaltsamen Lesegenuss. Wunderbar treffend etwa, was er über George Roy Hills „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ schreibt, das sei weiterlesen
Erst 1998 kehrte er mit dem Weltkriegsfilm „Der schmale Grat“ (“The Thin Red Line”) triumphal zurück. Mit seinem zweiten Film hatte er sich wie Coppola („Apocalypse Now“) und Michael Cimino („Heaven’s Gate“) dem radikal persönlichen, in manischer Weise realisierten Mega-Kunstwerk verschrieben, und er ist heute der letzte von allen, der jenen Anfängen warum auch immer treu geblieben ist und treu bleiben konnte. „Der schmale Grat“ erzählt von den Kämpfen zwischen amerikanischen und japanischen Soldaten auf einer Pazifikinsel im Zweiten Weltkrieg. Der Krieg ist die Naturkatastrophe im Kopf des Menschen, schrieb Hemingway, und Malicks Film illustriert diesen Gedanken. Die Kämpfenden sind bei Malick eingebettet in den unendlichen Seinszyklus.





