“Die Prinzeninseln”: Sehnsuchtsorte


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 10.April 2011

Prof. Pu empfiehlt: Die Prinzeninseln von Joachim Sartorius

„Neapel hat Capri und Ischia; Konstantinopel hat die Prinzeninseln.“
Gustave Schlumberger, Les ?les des Princes, 1884

Die acht kleinen Inseln, auf Türkisch K?z?l Adalar, liegen im Marmarameer vor Istanbul – der Stadt, die nach einem Besuch von nur wenigen Tagen bei mir einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat wie keine andere Stadt zuvor. Die Prinzeninseln habe ich nicht besucht, sie leider nur von Weitem gesehen, doch spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens sind sie mir ein Sehnsuchtsort geworden.
Eine Zufallsbegegnung bringt Sartorius dazu, sich näher mit den Inseln zu beschäftigen:

Selçuk war ein Penner. Ich lernte ihn auf der Galata-Brücke kennen, in einer Teestube im unteren Brückengeschoss. Er verbrachte dort die Sommer und schnorrte Touristen an. Im Winter war er Wächter einer Villa auf Büyük Ada, der größten der Prinzeninseln im Marmarameer, acht Seemeilen vor Istanbul gelegen.

Sartorius nimmt die Einladung Selçuks, ihn zu besuchen, kurzentschlossen an. Er mietet sich im Art-Déco-Hotel auf Büyük Ada ein, als einer der letzten Gäste der Saison:

Ich sitze immer noch auf meiner Terrasse des Splendid. Ich weiß nichts, mir gehört nichts, und doch bin ich schon der Besitzer von einem Haufen Sterne, von dieser Brise, die vom Meer her kommt (…)
Es ist schöner als im Film.

Ganz leichtfüßig und anregend erzählt Sartorius die wechselhafte und spannende Geschichte des Osmanischen Reiches und, damit verbunden, die der Inseln. Sie waren Zufluchtsort der griechischen und armenischen Familien, Luxusorte für die Sommerresidenzen der reichen Istanbuler. Auch Orhan Pamuks Großmutter hatte ein Haus auf einer der Inseln, viele Sommer hat er dort verbracht:

In einem kurzen, schönen Essay beschreibt er, wie die Abfahrt der Familie nach Heybeli mit dem Beginn des Sommers zusammenfiel. Die Vorbereitungen waren zeitraubend. Da es zu dieser Zeit noch keinen Kühlschrank in dem Sommerhaus gab – in jenen Tagen war ein Kühlschrank noch ein sehr teurer westlicher Luxusgegenstand -, wurde das weiße Ungetüm in dem Haus in Ni?anta??, dem Istanbuler Viertel, in dem die Familie Pamuk lebte, enteist, dann kamen Umzugsleute, verpackten es, hievten es mit Stricken und breiten Riemen auf die Schultern, und schließlich ging es zur Fähre, zusammen mit einem Dutzend Koffer.

Sartorius schwelgt in Landschaftsbeschreibungen und porträtiert frühere Inselbewohner -  Trotzki war auch dort im Exil – und die Heutigen, ihre Freude am Leben, dort, ein wenig außerhalb der Welt. So ganz en passant erfährt man Interessantes über die türkische Kultur. Wie zum Beispiel einen Trinkspruch, der an einem schönen Abend ausgesprochen wird:

Dass unsere schlechtesten Tage so sein mögen wie dieser!

Gelernt habe ich auch, dass drei Geräusche zum Wohlbefinden eines türkischen Mannes beitragen:

Das Geräusch von Wasser, das Geräusch einer Frau und das Geräusch von Geld.

Welches Geräusch einer Frau sie wohl meinen – aber das nur nebenbei …

Diese sehr gelungene Mischung aus Reisebeschreibung, gelebter Geschichte und Porträt ist eine einzige literarische Reiseaufforderung: Nehmt das Buch, den eigenen Prinzen – oder die Prinzessin –  und los, auf die nächste Fähre in Richtung K?z?l Adalar!

Joachim Sartorius
Die Prinzeninseln
Mare-Verlag €18.-
978-3-86648-116-9


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Meine unvollendete Ferienlektüre (4)


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 23.September 2009

Götz verbringt einen Sommer mit Gantenbein, dem Grünen Heinrich, Brunetti und Kyros – vierter und letzter Teil

In der zweiten Ferienwoche verbrachte ich viel Zeit damit, ein Reiseziel für die dritte Ferienwoche zu finden. Nach längeren Recherchen im Internet und erfolglosen Telefonaten mit verschiedenen Unterkünften, entschied ich mich spontan für ein Hotel auf einer der Inseln der niederländischen Provinz Zeeland.

Bücher leiten uns zu Büchern: Führte mich nicht Brunetti zur „Anabasis“ von Xenophon oder war es Paul Celan, der ein Gedicht geschrieben hat, das diesen Titel trägt? In Donna Leons Roman „Feine Freunde“ liegt Brunetti an einem Samstagvormittag zuhause auf dem Sofa und liest Xenophons Darstellung des Rückmarschs griechischer Söldnertruppen von einem Feldzug in Persien. Die Griechen kämpfen im Dienste des Kyros, eines Sohns des persischen Großkönigs Dareios II., der seinem älteren Bruder Artaxerxes den Thron streitig machen will. In Mesopotamien kommt es zu einer großen Schlacht. Die Griechen siegen zwar, doch Kyros stirbt.

Somit ist das Unternehmen gescheitert und die Söldner müssen sich auf den langen Weg nach Hause begeben. Mitten im Winter müssen sie die raue Bergwelt Armeniens durchqueren, immer wieder kommt es zu Kämpfen gegen die Perser und wilde Bergstämme. Nach maßlosen Qualen erreichen sie endlich im Februar des Jahres 400 vor Christus die Küste des Schwarzen Meeres. Berühmt die Stelle, als sie von einer Berghöhe aus erstmals die See erblicken und zu Tausenden voller Freude ausrufen:

„Thalatta! Thalatta! (Das Meer! Das Meer!)“.

Einige Monate zuvor hatte ich mir die „Anabasis“ als Reclam-Heftchen gekauft. Seither hatte sie geduldig, eingezwängt zwischen anderen Büchern, auf meinem Schreibtisch gewartet. Bis zu diesem Augenblick also, als ich dachte: „Das wäre doch die rechte Lektüre am Strand“ – und das gelbe Büchlein in meine Reisetasche steckte. Wieder hatte ich beim flüchtigen Blättern eine Passage entdeckt, die ich großartig fand und zum Maßstab für das übrige Buch nahm, weiterlesen


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Meine unvollendete Ferienlektüre (3)


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 22.September 2009

Götz verbringt einen Sommer mit Gantenbein, dem Grünen Heinrich, Brunetti und Kyros – dritter Teil (von vieren)

Hin und wieder musste ich also den Frisch-Roman zur Seite legen, ohne ihn allerdings ganz aufgeben zu wollen. Und dann griff ich zu Donna Leons Krimi „Blood from a Stone“: da hatte ich klassisches, lineares Erzählen, einen Helden, Kommissar Brunetti, der alles zusammenhält, keine Svobodas, Enderlins, Gantenbeins, Siebenhagens, kein multiperspektivisches Erzählen, allerdings ein Buch in englischer Sprache, was bei meinen Kenntnissen nur eine Lektüre in Häppchen zuließ.

Mag sein, dass man einen Donna-Leon-Krimi auf Deutsch an einem Abend lesen kann. Doch ich würde das niemals tun. Ich bin keine Leseratte. Länger als eine halbe Stunde am Stück vermag ich nicht zu lesen, entweder es ist ein schwieriger, anstrengender Text, den ich Satz für Satz studieren und bedenken muss, sodass ich bald erschöpft bin, oder es ist eine wundervolle Lektüre, deren Genuss ich hinauszögern möchte, oder es langweilt mich eben. Donna Leons Krimis sind übrigens viel besser im Original: bissiger, schärfer, pointierter, amüsanter. Während ihre Sprache in der Übersetzung oft etwas monoton und oberflächlich erscheint, ist sie im Amerikanischen abwechslungsreich, vielschichtig und flexibel. Nehmen wir als Beispiel allein den ersten Satz von „Aqua Alta“, dem Brunetti Nummer fünf: Im Original lautet er:

„Domestic tranquillity prevailed.“

In der Übersetzung wird daraus:

„Es herrschte friedvolle Häuslichkeit.“

Abgesehen davon, dass Attribut und Subjekt die Plätze getauscht haben, was den Sinn verfälscht (die wörtliche Übersetzung würde lauten: „Häusliche Ruhe herrschte vor.“) schwingt im Klang des Originals eine Atmosphäre des Luxus, des sinnlichen, geradezu raubtierhaften Wohlbehagens mit, immerhin sind wir ja in der Wohnung einer Operndiva in einem venezianischen Palazzo, während die deutsche Fassung eher an ein biederes Häuschen in der Provinz denken lässt. Noch ein weiteres Beispiel weiterlesen


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Meine unvollendete Ferienlektüre (2)


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch am 21.September 2009

Götz verbringt einen Sommer mit Gantenbein, dem Grünen Heinrich, Brunetti und Kyros – zweiter Teil (von vieren)

In diesem Sommer war es Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“, der meine Lesedisziplin zersetzte. Ich blätterte in einer Buchhandlung in einer neuen Taschenbuchausgabe und blieb an einem Satz hängen, der allein mich veranlasste, das Buch zu kaufen. Es ist ein recht unspektakulärer Satz. Er lautet:

„Das war 1942, ein Sonntag im April oder Mai, wir hatten Kantonnement in Samaden, Graubünden, ein wolkenloser Tag, ich hatte Urlaub übers Wochenende, fuhr aber nicht nachhaus, sondern wollte ohne Menschen sein und ging in die Berge.“

Ein Satz mit biografischem Hintergrund: Frisch leistete während des Zweiten Weltkriegs zeitweise Militärdienst, war dabei auch im Oberengadin stationiert. Und ein Satz, der vielfältige Resonanzen auszulösen vermag: zu Beginn wird ein Jahr genannt, ein Kriegsjahr, wie ein Pflock, der vom Schreibenden eingerammt wird, um im Leser den historischen Hintergrund heraufzubeschwören, und von diesem Pflock aus spannt der ausgebildete Architekt Frisch nun seinen Satz ab wie Markierungen auf einem Baugrundstück, jeder Satzteil ein weiterer Pflock, den er mit dem Hammer einschlägt, um einen Raum, eine Lebenssituation zu umreißen: sich das Haus vorzustellen ist dann die Sache des Lesers. Und ist nicht bei großer Literatur der Satz immer nur ein Grundriss, mittels dessen sich die Imagination des Lesers ein Haus errichtet?

Wie sieht der Grundriss hier aus: dem Jahr folgen der Tag und die Jahreszeit. Zur Vorstellung „Krieg“ wird ein Gegenbild entworfen: es ist Sonntag, was eine Stimmung der Friedlichkeit, des Innehaltens, der Ruhe assoziiert; es ist Frühling, zudem „ein wolkenloser Tag“, wie wir im fünften Abschnitt des Satzes erfahren – Heiterkeit und Zuversicht treten hinzu, diese positiven Signale werden allerdings durch die sachliche Information, der namenlose Ich-Erzähler befinde sich im „Kantonnement“, also in einem militärischen Dienst, wieder gebrochen. Der Soldat hat Wochenendurlaub, er will aber nicht „nachhaus“, sondern „ohne Menschen sein“ – wer damit genau gemeint ist, erfahren wir nicht – doch offenbar umgibt den Erzähler zu Hause ein vielfältiges soziales Netz. Allerdings bedarf er nun der Einsamkeit – auch dazu erfahren wir nichts weiter, was aber die Formulierung „wollte ohne Menschen sein“ umso stärker wirken lässt, als würde der Erzähler noch hinzufügen: weil ich nachdenken wollte, weil ich unglücklich war, weil ich mich in einer seelischen Krise befand.

Dann der Ausklang des Satzes, mit dem sich der Architekt von seinem Grundriss entfernt: „und ging in die Berge“. In dieser vagen Formulierung schwingt etwas Endgültiges mit, so als habe sich da jemand ein für alle Mal zur Lebensform eines Eremiten entschlossen; im Leser wird der Topos vom Weisen, vom Denker, der sich von den Menschen zurückzieht, aufgerufen – Nietzsche kommt in den Sinn, der unweit von weiterlesen


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Meine unvollendete Ferienlektüre (1)


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch am 20.September 2009

Götz verbringt einen Sommer mit Gantenbein, dem Grünen Heinrich, Brunetti und Kyros – erster Teil (von vieren)

Zwei Dinge werden mit zunehmendem Alter schwieriger: die Wahl der richtigen Lektüre und die Wahl des Ziels für eine Reise. In beiden Fällen ist es wohl der erweiterte Horizont, der wie auch in anderer Hinsicht das Leben komplizierter werden lässt. Man treibt auf dem Meer der Möglichkeiten und findet kein Ufer. Früher wurde ich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit und wie selbstverständlich von Buch zu Buch geleitet – und ebenso von Reiseziel zu Reiseziel.

Alles schien geradezu schicksalhaft oder notwendig zu sein. Es war ganz klar, dass ich in einem bestimmten Frühjahr nach Florenz oder Avignon reisen musste oder in einem bestimmten Sommer quer durch Frankreich oder Italien. Und es war ebenso klar, wann der rechte Zeitpunkt war, um etwas von Patricia Highsmith, Tolstoi, Joseph Conrad oder Adalbert Stifter zu lesen. Ich schien keine oder kaum eine Wahl zu haben. Vieles ergab sich ohne längere, zähe Überlegungen.

Inzwischen quält mich in diesen Dingen eine Art Wahllosigkeit. Wo ich bereits einmal war und wo es mir gefiel, dort möchte ich noch einmal hinreisen und zugleich haben sich die Sehnsüchte nach anderen, mir unbekannten Orten vervielfältigt. Und ebenso – was ich schon einmal las und was mich damals begeisterte, das möchte ich wieder und wieder lesen und zugleich drängen sich immer mehr neue, noch ungelesene Bücher auf.

Warum aber war mir früher nur ein einziges Ziel wichtig und alle anderen versanken dann, sobald es entschieden war, wohin die Reise gehen sollte, wie Kulissen im Nebel? weiterlesen


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