Umzug mit Büchern


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Prof. Pu und die Pücher am 5.Juni 2011

Prof. Pu empfiehlt zieht mit 35 Bücherkisten um und macht sich so ihre Gedanken:

Hilfe, ich komme einfach nicht zum Lesen, vor lauter Packen und Aussortieren. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal in der Lage sein werde, mich von Büchern zu trennen, aber siehe da: es geht! Es gibt Bücher, von denen könnte ich mich niemals verabschieden, meine Paris-Sammlung zum Beispiel, meine Kinderbücher, meine italienischen Krimis, die Gesamtausgaben von Kafka, Woolf, Tucholsky, de Beauvoir und Goethe, oder die Bücher, die ich hier empfohlen habe. Während des Sichtens meiner Bibliothek dachte ich mir neue Stellordnungen aus (wiiieeeso steht dieses Buch hier, das gehört doch ganz woanders hin?!?), trennte mich von den tonnenschweren Ausstellungskatalogen, mit denen ich jetzt schon viermal umgezogen bin und in die ich nieee mehr geschaut habe. Oder von den Titeln, an deren Inhalt ich mich nicht einmal mehr nach dem Lesen der Klappentexte erinnern konnte … Am meisten freut es mich, dass ich für alle aussortierten Bücher Adoptiveltern gefunden habe. Mein Trennungskriterium: Würde ich es noch einmal lesen wollen? Dabei stellte ich dann fest, daß es nur ein einziges Buch gibt, dass ich mehr als einmal gelesen habe: “Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz” von Carlo Fruttero und Franco Lucentini: http://schoener-denken.de/blog/index.php/niederlande-italien/ Leider verschwand es so schnell im Umzugskarton “WoZi Ital. A-F”, daß es keinerlei Zitate hinterlassen konnte. Vom Trennungskriterium “Noch mal lesen?” ausgenommen sind selbstverständlich die Jugendsündenlektüren, ”Hallo Mister Gott, hier spricht Anna”, “Der kleine Prinz” oder “Vom Winde verweht” … oh, “Vom Winde verweht” – darf Margaret Mitchell wirklich neben “Eine unbeugsame Frau” von Margarete Mitscherlich stehen oder sollte ich auch diese Aufstellung noch einmal überdenken? Ich habe noch drei Wochen Zeit, bis ich die Bücher in der neuen Wohnung einräumen darf – wer weiß, welche Allianzen sich ohne mein Zutun in den Kisten noch bilden. Mein liebste Umzugskiste heißt übrigens: WoZi Insel.-Lyrik” …

Carlo Fruttero und Franco Lucentini
Der Liebhaber ohne festen Wohnsitz
Piper-Taschenbuch 9,95 €
978-3-492-21173-4


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“Unser allerbestes Jahr”: Cinephilie!


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Kino, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 22.Mai 2011

Prof. Pu empfiehlt: Unser allerbestes Jahr von David Gilmour

Eine Erziehung des Herzens - durch Filmkunst [ 3:28 ] Jetzt abspielen | Download

Es ist ein Vater-Sohn-Buch, ein Kompendium für Cineasten, aber auch ein Männer-Erläuterungs- und Erhellungs-Roman für Frauen – sie verstehen dann vielleicht ein wenig besser, wie junge und ältere Jungs so ticken. Es ist eine Erziehung des Herzen par excellence und eine wahre Geschichte dazu.

David Gilmour, kanadischer Journalist und Filmkritiker, genehmigt seinem Sohn, die Schule vorzeitig zu verlassen. Er kann nicht mehr mit ansehen, wie Jesse sich quält.

Er war ein sanfter, umgänglicher Junge, aber sehr stolz und völlig außerstande, etwas zu tun, was ihn nicht interessierte, selbst wenn ihm die Konsequenzen Angst machten. Sie machten ihm sogar große Angst. Er bekam miserable Noten, nur die Kommentare waren positiv. Er war beliebt, die Leute mochten ihn, sogar die Polizisten, die ihn verhafteten, weil er die Mauern seiner ehemaligen Grundschule mit Graffiti besprühte (ein paar Nachbarn erkannten ihn, ungläubig, fassungslos). Als der Beamte ihn zu Hause ablieferte, sagte er: „Ich würde mir an deiner Stelle keine Hoffnungen auf eine kriminelle Karriere machen, Jesse. Dafür hast Du einfach nicht das Zeug.“

Die einzige Bedingung des Vaters an seinen Sohn, nachdem der ihm gestanden hat, er möchte nie mehr eine Schule von innen sehen: Keine Drogen und:

Ich will, dass du jede Woche mit mir drei Filme anschaust. Ich suche sie aus. Das ist die einzige Form von Ausbildung, die du bekommst.

Mit freundlicher Genehmigung S. Fischer VerlagSie beginnen ihren „Filmclub“ mit Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Gilmour erzählt auf fesselnde und bisweilen auch sehr amüsante Weise Geschichten rund um die Filme, berichtet seinem Sohn und uns von Interviews, die er mit Regisseuren geführt hat, gerät manchmal ins Dozieren, bremst sich charmant-selbstironisch wieder. Es bereitete mir große Lust, seiner persönlichen Filmauswahl zu folgen. Über fünfzig Filme erwähnt er, gesehen haben müssen sie jedoch viel mehr. Er schult den Blick und den Verstand seines Sohnes auf eine einzigartige Weise und begleitet ihn wechselweise durch Liebeskummer und Verliebtheit. Erinnert sich an seine eigenen Jugendlieben, hadert mit sich, als er selbst beschäftigungslos zu Hause herumsitzt und darüber nachdenkt, was die fleißigen chinesischen Nachbarn wohl über sie beide denken könnten.

Es ist ein großes Lesevergnügen, eine geniale Idee für eine Auszeit. Und wie oft habe ich gedacht, ja, diesen oder jenen Film würde ich jetzt auch gerne auf der Stelle sehen. Und wie würde meine persönliche Liste der Herzensbildung-durch-Film-Schule aussehen? Wie wäre das Buch geschrieben von einer Mutter für ihre Tochter? Das sind die guten Lektüren, die mit der Nachwirkung und der Nachhaltigkeit …

Hier noch ein Rat von Herrn Gilmour für alle Filmliebhaber und –Liebhaberinnen:

Wenn man einen Film zum zweiten Mal anschaut, sieht man ihn eigentlich das erste Mal. Man muss wissen, wie er aufhört, um zu erkennen, wie gut er aufgebaut ist.

Einfach schön. Ein großes Danke an die Freundin, die dachte, ich müsse das Buch unbedingt lesen!

David Gilmour
Unser allerbestes Jahr
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Fischer-Taschenbuch € 9,95
978-3-596-18224-4


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“Die Orangen des Präsidenten”: Hinter der Sonne*


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 8.Mai 2011

Prof. Pu empfiehlt: Die Orangen des Präsidenten von Abbas Khider

Hungeralbträume [ 4:35 ] Jetzt abspielen | Download

Es war die große Ausstrahlung Khiders im Interview mit Denis Scheck, die mich faszinierte und mich veranlasste, sofort sein Buch zu kaufen. Dieses strahlende Gesicht mit den dunklen traurigen Augen – und genau so schreibt er auch, traurig-lachend, lachend-traurig:

Meine Mutter weinte, wenn sie sehr glücklich war. Sie nannte diesen Widerspruch „Glückstränen“. Mein Vater dagegen war ein überaus fröhlicher Mensch, der überhaupt nicht weinen konnte. Und ihr Kind? Ich erfand eine neue, melancholische Art des Lachens. Man könnte es als „Trauerlachen“ bezeichnen. Diese Entdeckung machte ich, als mich das Regime packte und in Ketten warf.

Mit freundl. Genehmigung der Edition NautilusSein Roman erzählt die Geschichte des jungen irakischen Taubenzüchters Mahdi aus Babylon. Als Mahdi acht Jahre alt ist, fällt sein Vater im Iran-Irak-Krieg. Seine Mutter erhält von der Regierung zur Entschädigung einen Renault, ein Grundstück und zweitausend Dollar. Sie bringt sich und ihren Sohn mit einem Gemüseladen durch, bis auch sie stirbt und Mahdi nach Nasrijah zu Verwandten kommt. Er sucht sich zwei Ziehväter, Sami, den Taubenzüchter und Razaq, den Geschichtslehrer und Bücherwurm. Von ihnen lernt er für sein Leben, bis zu dem Tag, als er zur Feier seines Abiturs 1989 mit den falschen Leuten in einem Auto sitzt und kurzerhand für zwei Jahre unschuldig im Gefängnis landet. Und auch dort lernt er von den einsitzenden älteren Männern nicht nur die Regeln zum Überleben unter Hunger und Folter, er lernt auch politisches Denken. Die Beschreibungen der Hungerphantasien erinnerten mich stark an die des jungen Oskar Pastior in Herta Müllers Roman „Atemschaukel“. Hunger quält alle Menschen gleich und die Phantasiebegabten und Wortgewaltigen finden dafür ähnliche Bilder.

Ich vergaß sogar nach einigen Monaten meinen Traum von der Entlassung und träumte nur noch von einer üppigen Mahlzeit. Es waren schöne Träume, die in Albträumen endeten: Gemüse, Obst, Brot, Getreide, rotes und weißes Fleisch, Säfte und Süßigkeiten fielen mich fast jede Nacht an. Sie spielten mit mir, wie man mit einem Ball spielt. Das Obst warf mich zum Brot und das Brot zu anderen Köstlichkeiten, bis ich in einem Teller voller Suppe landete. Ich badete darin.Versank.

Eines Tages geht im Gefängnis das Gerücht um, am Geburtstag Saddam Husseins soll es eine Amnestie für alle Gefangenen geben. Am Ende erhalten alle statt ihrer Freiheit – wie zynisch und menschenverachtend – eine Orange vom Präsidenten …

Zwischen den Episoden im Gefängnis, in harter rauher Sprache geschrieben, erzählt Khider poetisch-schön und humorvoll vom Leben in dem Land an Euphrat und Tigris, das ständig in unseren Nachrichten auftaucht und von dem wir doch so wenig wissen.

Meine Mutter konnte kein Englisch. Die meisten Leute im Kurden-Viertel konnten das nicht, nur die Christen. Meine Mutter behauptete, es sei ganz normal, dass die Christen Englisch sprächen. Sie sähen ja schließlich genauso blass aus wie die Christen in Europa, die man im Fernsehen zu Gesicht bekam. „Ich glaube, alle blassen Leute können Englisch“, schloss meine Mutter ihre Erklärungen ab.

Als Mahdi 1991 im Chaos des Golfkrieges von Aufständischen aus dem Gefängnis befreit wird  und zu seinem Onkel zurückkehrt, erkennt er sich selbst nicht mehr ihm Spiegel. Und am Ende muss er zusammen mit vielen anderen auch noch aus seinem Land fliehen.

Zufällig wird man erwachsen, hatte ich festgestellt, als ich den ersten Tag des Verhörs im Knast erlebte. Aber im März des unbeschreiblichen Jahres 1991 musste ich meine Erkenntnis erweitern: „Zufällig wird man erwachsen oder ein Fremder.“

Khiders Roman trägt autobiographische Züge. Auch er saß aus politischen Gründen zwei Jahre in einem irakischen Gefängnis. Nach Jahren als illegaler Flüchtling studiert er mittlerweile in Berlin. Er schreibt seine Bücher auf Deutsch, sein liebstes deutsches Wort ist „Mut“. Ich hoffe sehr, noch viel von ihm lesen zu können!

*irakisch-umgangssprachlich für Gefängnis

Abbas Khider
Die Orangen des Präsidenten
Nautilus € 16.-
978-3-89401-733-0

Abbas Khider im Gespräch mit Lerke von Saalfeld für “SWR2 Zeitgenossen”:

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“Die Prinzeninseln”: Sehnsuchtsorte


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 10.April 2011

Prof. Pu empfiehlt: Die Prinzeninseln von Joachim Sartorius

„Neapel hat Capri und Ischia; Konstantinopel hat die Prinzeninseln.“
Gustave Schlumberger, Les ?les des Princes, 1884

Die acht kleinen Inseln, auf Türkisch K?z?l Adalar, liegen im Marmarameer vor Istanbul – der Stadt, die nach einem Besuch von nur wenigen Tagen bei mir einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat wie keine andere Stadt zuvor. Die Prinzeninseln habe ich nicht besucht, sie leider nur von Weitem gesehen, doch spätestens nach der Lektüre dieses schmalen Bändchens sind sie mir ein Sehnsuchtsort geworden.
Eine Zufallsbegegnung bringt Sartorius dazu, sich näher mit den Inseln zu beschäftigen:

Selçuk war ein Penner. Ich lernte ihn auf der Galata-Brücke kennen, in einer Teestube im unteren Brückengeschoss. Er verbrachte dort die Sommer und schnorrte Touristen an. Im Winter war er Wächter einer Villa auf Büyük Ada, der größten der Prinzeninseln im Marmarameer, acht Seemeilen vor Istanbul gelegen.

Sartorius nimmt die Einladung Selçuks, ihn zu besuchen, kurzentschlossen an. Er mietet sich im Art-Déco-Hotel auf Büyük Ada ein, als einer der letzten Gäste der Saison:

Ich sitze immer noch auf meiner Terrasse des Splendid. Ich weiß nichts, mir gehört nichts, und doch bin ich schon der Besitzer von einem Haufen Sterne, von dieser Brise, die vom Meer her kommt (…)
Es ist schöner als im Film.

Ganz leichtfüßig und anregend erzählt Sartorius die wechselhafte und spannende Geschichte des Osmanischen Reiches und, damit verbunden, die der Inseln. Sie waren Zufluchtsort der griechischen und armenischen Familien, Luxusorte für die Sommerresidenzen der reichen Istanbuler. Auch Orhan Pamuks Großmutter hatte ein Haus auf einer der Inseln, viele Sommer hat er dort verbracht:

In einem kurzen, schönen Essay beschreibt er, wie die Abfahrt der Familie nach Heybeli mit dem Beginn des Sommers zusammenfiel. Die Vorbereitungen waren zeitraubend. Da es zu dieser Zeit noch keinen Kühlschrank in dem Sommerhaus gab – in jenen Tagen war ein Kühlschrank noch ein sehr teurer westlicher Luxusgegenstand -, wurde das weiße Ungetüm in dem Haus in Ni?anta??, dem Istanbuler Viertel, in dem die Familie Pamuk lebte, enteist, dann kamen Umzugsleute, verpackten es, hievten es mit Stricken und breiten Riemen auf die Schultern, und schließlich ging es zur Fähre, zusammen mit einem Dutzend Koffer.

Sartorius schwelgt in Landschaftsbeschreibungen und porträtiert frühere Inselbewohner -  Trotzki war auch dort im Exil – und die Heutigen, ihre Freude am Leben, dort, ein wenig außerhalb der Welt. So ganz en passant erfährt man Interessantes über die türkische Kultur. Wie zum Beispiel einen Trinkspruch, der an einem schönen Abend ausgesprochen wird:

Dass unsere schlechtesten Tage so sein mögen wie dieser!

Gelernt habe ich auch, dass drei Geräusche zum Wohlbefinden eines türkischen Mannes beitragen:

Das Geräusch von Wasser, das Geräusch einer Frau und das Geräusch von Geld.

Welches Geräusch einer Frau sie wohl meinen – aber das nur nebenbei …

Diese sehr gelungene Mischung aus Reisebeschreibung, gelebter Geschichte und Porträt ist eine einzige literarische Reiseaufforderung: Nehmt das Buch, den eigenen Prinzen – oder die Prinzessin –  und los, auf die nächste Fähre in Richtung K?z?l Adalar!

Joachim Sartorius
Die Prinzeninseln
Mare-Verlag €18.-
978-3-86648-116-9


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“Findet mich das Glück?”: Klein, stark, schwarz


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 13.März 2011

Prof. Pu empfiehlt: Findet mich das Glück von Peter Fischli und David Weiss

Jeder Satz ein Treibsatz fürs Denken [ 1:50 ] Jetzt abspielen | Download

Ein kleines schwarzes Buch, wie gebundene Schiefertafeln aus Papier, weiße Kreideschrift, angefüllt mit Fragen. Das Schweizer Künstlerduo, von mir schon lange verehrt, hat im wahrsten Sinne des Wortes wieder einmal ins Schwarze getroffen. Manch einer würde es Unsinn, Nonsens, Blödelei nennen, ich finde Fragen wie

“Ist jedes Mittel recht um eine schlechte Stimmung zu verhindern?”

“Werde ich ausgenützt?”

“Kann man sich ein leeres Universum nur begrenzt vorstellen?”

“Gibt es heute einen ähnlich großen Irrtum wie die Vorstellung der Welt als Platte?”

höchst philosophisch und inspirierend. Dabei habe ich es beim Schreiben dieses Textes einfach wahllos aufgeblättert – und genau so muss man es lesen. Immer mal eine Seite aufschlagen, es am besten immer in der Tasche haben, für die kleinen Wartezeiten im Leben – oder die bewusst gewählten. Und dann mit einer Frage den Kopf lüften. Schon sieht die Welt ein wenig anders aus.
Eventuell kann man dann die Frage

“Wird der Bereich des Möglichen immer kleiner?”

lächelnd mit NEIN beantworten und sich wieder seinem Tagwerk widmen.
Oder sich noch schnell mit dieser existentiellen Frage beschäftigen:

“War ich noch nie ganz wach?”

Eine wunderbare Entdeckung – danke an die Freundin, die fand, dass es unbedingt zu mir muss, diese kleine Kostbarkeit!

Und hier eine Kurzfassung ihres berühmtesten Films „Der Lauf der Dinge“:

Der Lauf der Dinge von jeanbeatles

Fischli/Weiss
Findet mich das Glück?
Verlag der Buchhandlung Walther König € 9,95
ISBN 978-3-88375-630-1


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“Freiheit”: “Das kann nicht gut gehen”


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 21.November 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Freiheit” von Jonathan Franzen

Pus amerikanischer Liebling [ 5:46 ] Jetzt abspielen | Download

“Der Mensch ist zur Freiheit verdammt”

sagte Jean-Paul Sartre. Der Satz ist mir erst nach der Lektüre des neuen Romans von Franzen wieder begegnet, passt aber zu den Protagonisten ganz hervorragend. Walter und Patty Berglund, beide in den 1960er Jahren geboren, leben mit ihren beiden Kindern, Joey und Jessica, in einer viktorianischen Villa in einem Mustervorort von St. Paul. Sie, ehemalige Leistungssportlerin, möchte Idealhausfrau und Vorzeigemutter sein, er, ein früher Umweltpionier, arbeitet für eine Stiftung, die sich dem Vogel- und Naturschutz verschrieben hat.

“Patty Berglund war für alle Fragen ein reicher Quell, ein sonniger Überträger von soziokulturellen Pollen, eine freundliche Biene. Sie war eine der wenigen nicht-berufstätigen Frauen in Ramsey Hill und notorisch abgeneigt, gut von sich selbst oder schlecht von anderen zu sprechen. Sie sagte, sie gehe davon aus, eines Tages von einem Schiebefenster „geköpft“ zu werden, deren Gewichtsschnüre sie selbst ausgewechselt habe. Ihre Kinder würden „wahrscheinlich“ an Trichinose sterben, weil sie Schweinefleisch nicht immer lange genug brate. Sie fragte sich, ob ihre „Abhängigkeit“ von Abbeizmitteldämpfen wohl damit in Zusammenhang stehe, dass sie „überhaupt keine“ Bücher mehr lese. Sie gestand, seit dem, was beim „letzten Mal“ passiert sei, habe Walter ihr „strikt verboten“, seine Blumen zu düngen.”

Doch hinter den Musterfassaden äusserlicher und innerlicher Natur bröckelt es, nach und nach bricht einiges zusammen. Vor der Überliebe seiner Übermutter flieht der Sohn zu den prolligen Republikaner-Nachbarn und heiratet später auch noch heimlich deren Tochter Connie, seine Freundin aus Kindertagen. Jahrelang hat er versucht, sie zu verlassen, loszuwerden, zu betrügen. Schon als Student verdient er Geld mit höchst dubiosen Geschäften in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg und wendet sich dann selbst den Republikanern zu.

Alles Dinge, die seinen Vater provozieren, ihn, dem Pazifisten, Naturschützer und verschrobenen Kämpfer gegen das Bevölkerungswachstum. Patty verfällt nach Joeys Auszug in Depressionen, trinkt zuviel und betrügt Walter mit seinem einzigen Freund, in den sie seit ihrer Jugend verliebt ist: Richard Katz, Rocksänger, Bohemien und das hundertprozentige Gegenteil von Walter. Nach den vielen Jahren, in denen sie davon besessen war, ihren Eltern zu demonstrieren, alles besser machen zu können, muss sie feststellen, dass sie sich in erster Linie selbst betrogen hat. Wie sagte Franzen in einem seiner zahllosen Interviews:

“Wenn in einem Franzen-Roman jemand sagt, er will es anders und besser machen, dann weiss man schon, das kann nicht gut gehen.”

Und es geht auch vieles nicht gut. Walter erfährt durch eine mit großer Lässigkeit ausgeführten Gemeinheit Richards von Pattys Verhältnis mit ihm und wirft sie aus dem Haus. Er flüchtet sich in die Arme seiner jungen Assistentin, doch das Glück mit ihr währt nicht lange. Er verliert seinen Job bei der Waldsängerberg-Stiftung, weil er in der Öffentlichkeit einen Wutausbruch bekommt statt eine Rede zu halten. Er wird ein verschrobener, von den Nachbarn streng beäugter Eremit, der Katzen neonfarbene Lätzchen umbinden will, damit sie weiterlesen


Ein Kommentar




Große Kunst en miniature


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 7.November 2010

Prof. Pu empfiehlt: Kleine Leute in der grossen Stadt von Slinkachu

Kleine Leute [ 4:26 ] Jetzt abspielen | Download

Schon als Kind liebte ich alles in Miniaturform. Am liebsten spielte ich mit Puppenhaus und Kaufladen, wegen des kleinen Geschirrs, der Waschpulverschachteln en miniature und der Früchte aus Marzipan, die ich nie hätte aufessen können. Nie werde ich die grosse Puppenstubensammlung einer Kollegin vergessen. Nicht ohne Grund habe ich heute wenigstens eine kleine Sammlung von Minibüchern. Kein Wunder also, dass ich mich nach einem Fernsehbeitrag sofort zu Slinkachus Kunst hingezogen fühlte.

“Ich mag den Gedanken, dass gar niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt.” Slinkachu

Auch darin stimme ich ihm zu – was habe ich schon alles entdeckt, während ich auf der Strasse auf jemanden wartete, an einer Stelle, die ich schon tausend Mal gesehen hatte – und plötzlich ist da eine schöne, bisher unbeachtete Hausfassade. Dementsprechend glücklich war ich, als ich den Bildband in der Buchhandlung entdeckte – auf dem „Geschenkbücher-Tisch“, na ja, sicher ist es ein gutes Geschenk, aber vor allem ist es Kunst.

Cover

Slinkachu, geboren 1979, nennt sich Streetart-Künstler und arbeitet anonym auf Londons Strassen. Er arrangiert Szenen mit den kleinen Figuren, die eigentlich für die Modelleisenbahn bestimmt sind, plaziert und fotografiert sie auf Londons Strassen und überläßt sie dann ihrem Schicksal. weiterlesen


Ein Kommentar




Bei mieser Stimmung ist “Bel Canto” besonders zu empfehlen


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 24.Oktober 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Bel Canto” von Ann Patchett

Die Kraft der Liebe und der Musik [ 5:30 ] Jetzt abspielen | Download

Mit den Worten „Bei mieser Stimmung ist Bel Canto besonders zu empfehlen“ bekam ich dieses Buch überreicht – schlechte Stimmung hatte ich nicht, aber drei Tage mieses Urlaubswetter und es war die perfekte Lektüre.

Die Regierung eines armen südamerikanischen Staates schenkt Herrn Hosokawa, dem Vorstandsvorsitzenden eines großen japanischen Konzerns, zum Geburtstag einen Empfang. Um seine Liebe zur Oper wissend, engagieren sie für diesen Abend eine berühmte Sopranistin, Roxane Coss. Alles in der Hoffnung, daß die Japaner daraufhin in ihr Land investieren, ebenso wie die anderen illustren internationalen Gäste.

Manche von ihnen liebten sie schon seit langem. Sie hatten daheim jede Aufnahme von ihr. Sie führten ein Notizbuch, in dem sie jeden Ort eintrugen, an dem sie sie gesehen hatten, in welcher Oper, mit welcher Besetzung, unter welchem Dirigenten. Andere, die an dem Abend da waren, hatten ihren Namen nie gehört – Leute, die, wenn man sie gefragt hätte, gesagt hätten, die Oper sei für sie ein sinnloses Gejaule und lieber säßen sie drei Stunden auf dem Zahnarztstuhl. Das waren diejenigen, die jetzt unverhohlen weinten, die, die sich so furchtbar getäuscht hatten.

Doch während ihres Auftritts geht plötzlich das Licht aus und als es wieder hell wird, haben sich neue Gäste im großen Wohnzimmer des Vizepräsidenten eingefunden: Terroristen des Kommandos „La Familia de Martin Suarez“ nehmen alle Anwesenden in Geiselhaft. Leider haben sie ihr eigentliches Ziel verfehlt. Sie wollten den Präsidenten kidnappen, doch der hatte kurz vorher beschlossen, dass er lieber seine Lieblingssoap im Fernsehen anschauen möchte und glänzt mit Abwesenheit. Die Kidnapper sind fassungslos. weiterlesen


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