“The Tree of Life”: Der vorenthaltene Film


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 13.Juli 2011

Die (nicht ganz so) Üblichen Verdächtigen diskutieren nach “The Tree of Life” über die 40 Minuten, die der Film vermutlich zu lang ist, über eine berührende Geschichte einer Kindheit und einer Familie, den Inbegriff einer Mutter, über eine wackelige Familienkamera, einen sinnlosen National-Geographic-Schöpfungsfilmanfall und ein störend kitschiges Ende:

Die Üblichen Verdächtigen diskutieren über "The Tree of Life" [ 12:24 ] Jetzt abspielen | Download

Michelangelo hat einige seiner Skulpturen nicht zuende geführt. In Florenz sind sie zu besichtigen – Gestalten, die überwiegend noch im Stein gefangen sind. Das, was man sehen kann, ist großartig, intensiv, mehr als beeindruckend und unglaublich schön. In diesem Sinne ist Malick der Michelangelo der Filmkunst: Im Fels eines 138 Minuten langen Films verbirgt sich ein etwa anderthalbstündiges Meisterwerk – fast verschüttet von einem metaphysischen Naturfilmexkurs am Anfang und einer sinn- und geschmacklosen Kitsch-Eruption am Ende. Irgendwann werde ich mir diesen Film digital vornehmen und nur ganz für mich neu schneiden, bis der Blick frei ist auf dieses unglaubliche Kinokunstwerk, das uns Terrence Malick vorenthalten hat.

Mehr über Malicks Filme erzählt Götz in seinem Beitrag “Gratwanderungen – das waghalsige Kino des Terrence Malick” (hier Teil 2).

Andere Meinungen

Michael Sennhauser ist stinksauer:


“Im Kern erzählt er die Geschichte einer MacDonalds-Werbung-Zielgruppenfamilie, bestehend aus Papa Brad Pitt, Engelsmama und drei Söhnen. Die Film eröffnet – nach etlichen Canyonaufnahmen, Sonnenaufgängen, Eclipsen und Meereswellen – mit der Meldung des Todes des ältesten Sohnes, zu dem Zeitpunkt offenbar 19 Jahre alt. Es folgt eine protobiomakro-evolutionäre Erdsequenz, in der sich scheue Dinosaurier tummeln, bis ein Komet ihnen das Ende ihrer Zeit bringt. Alles dauernd unterlegt von existentiellen Fragen an Gott auf der Tonspur: Warum? Wann habe ich Dich erkannt? Wo bist Du? [...] Die erste Stunde dürfte das Esoterik-Bedürfnis sämtlicher Hockey-Moms rund um Sarah Palin, der Kreationisten und der kulturell nicht völlig unterbelichteten Tea-Party-Mitglieder abdecken und einen grossen Teil von ihnen zu Tränen rühren.”

Thomas Hunziker (filmsprung) ist begeistert:

“Grandios sind die Kameraarbeit und der Schnitt, die zu einer hypnotisierenden Wirkung führen. Genauso eindringlich wie die visuelle Gestaltung ist aber auch die Leistung der Schauspieler, besonders von Brad Pitt, der wie eine Urgewalt durch den Film wirbelt, und von Jessica Chastain, die als zartes Gegenstück durch die Szenen schwebt. Zuletzt: Der Inhalt des Films vermag entweder zu berühren oder aber einfach nur zu langweilen. Das hängt primär von der persönlichen Einstellung ab.”

Daniel Bund (NEGAIV) holt sehr weit aus und erklärt zwischendurch:

“Zur Montage passt Emmanuel Lubezkis belebte Kamera, die geisterhafte Bewegungen ausführt, ein umherirrender, ätherischer Zeuge des Daseins, von Schwankungen erfasst und getrieben.”

Als Bonus: Terrence Malick erklärt den Filmvorführern, wie sie den Film zu zeigen haben. Und eine Featurette über das Casting (via Ciprian von NEGATIV):


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Einen Oscar für eine Handvoll Reichsmark


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 8.März 2010

Anläßlich des mehr als verdienten Oscars für Christoph Waltz nocheinmal unser Beitrag zu ” Inglourious Basterds”:

Die üblichen Verdächtigen – bislang nicht unbedingt als ein Haufen fanatischer Tarantino-Fans bekannt – kommen aus “Inglourious Basterds”. Sie sind begeistert und müssen sich einiges von der Seele reden – daher diesmal in Überlänge:

Über Bela B. und Brad Pitt [ 7:04 ] Jetzt abspielen | Download

“Bastarde” gehört zu den Filmen, die man gesehen haben muss. Ein Brett von einem Film, sehr intensiv, oft sehr klug, unglaublich besetzt – bisher Tarantinos bester Film. Dass er ein besonderes Gespür für die Entwicklung von Situationen und die Inszenierung von Dialogen hat, ist nicht neu. Hier beweist Tarantino aber auch großes handwerkliches Können.

Tarantinos Kino ist immer auch ein Kino über DAS KINO und folgerichtig konzentriert sich das Geschehen in “Inglourious Basterds” immer mehr   in einem Kinosaal. Hier finden die Guten Zuflucht und Liebe, hier dringen die Bösen ein, hier wird applaudiert, gemordet, hingerichtet. SPOILER. Und am Ende ist es nicht eine Kirche voller Juden, sondern ein Kino voller Nazis, das in Flammen aufgeht. Und wenn das Gesicht einer Jüdin über den verbrennenden Nazis auf den Rauch projeziert wird wie das Antlitz einer Rachegöttin, dann muss man zugeben: Das konnte nur Tarantino auf die Leinwand bringen. Respekt.

Links

Marcus Wessel über die Rolle, die Christoph Waltz spielt: “Der Bösewicht trägt SS-Uniform und ein süffisantes Lächeln.” Und die Fünf Filmfreunde finden, dass Tarantino mehr geschafft hat, als das Genre Nazifilm aus der Betroffenheitsecke zu holen. Christian Hellwig ist ebenfalls begeistert von Landa/Waltz:

“Paradestück in Tarantinos Weltkriegs-Mär ist jedoch ohne Zweifel seine Figur des SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz). Anstatt den gängigen dämonischen Pathologen in rassistisch-ideologischer Verblendung in SS-Uniform zu beschwören, zeichnet Tarantino seinen Antagonisten als eloquenten, charismatischen und höflichen Technokraten des Regimes, und erschafft somit ein Monster, welches zu den bemerkenswertesten Bösewichten der jüngeren Filmgeschichte gezählt werden muss.“

Wunderbar dieses Zitat des Mediensüchtigen:

“Quentin Tarantino ist neben M. Night Shyamalan und Michael Mann wohl einer der missverstandensten Regisseure unserer Zeit.”

Bei Flo finden wir gar keine Kritik, nur eine dahingeworfene Bemerkung in seinem Twitterkanal:

“INGLOURIOUS BASTERDS – gab so gut wie keine Handlung, zudem teils grauenhafte Schauspieler. Tarantinos schlechtester Film bisher.”

(Dieser Beitrag erschien erstmals am 9. September 2009)


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Programmtipp “Babel” – Lost in Babylon


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Kino am 7.Oktober 2009

Heute 7. Oktober | 23.00 Uhr | SWR Fernsehen

Filmszene Babel (c) TobisSie verstehen sich nicht, sie reden aufeinander ein und selbst wenn sie einmal die gleiche Sprache sprechen, schlägt die Kommunikation fehl. Wo Menschen sind, da ist Babylon – heillose Verwirrung. Da ist ein amerikanisches Ehepaar, das nach Marokko fährt, um sich vielleicht wieder besser zu verstehen – statt dessen in Lebensgefahr gerät, da ist ein taubes Mädchen in Tokio, das im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr versteht, da sind zwei marokkanische Jungen, die zu spät begreifen, was eine einzige Gewehrkugel auslösen kann, da sind Mexikaner, die an der Grenze zu den Vereinigten Staaten nicht nur an der Sprachbarriere scheitern.

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Das sind die Geschichten, die Regisseur Inarritu in “Babel” erzählt.

Filmszene Babel (c) TobisInarritu erzählt aufreizend langsam, lässt sich und uns viel Zeit den Figuren nahe zu kommen, so nahe, dass sie wieder Menschen werden und uns wehtut, was ihnen wehtut. Dass mag vielen nicht gefallen. Für gewöhnlich erwarte ich im Kino auch lieber eine Traumwelt mit überlebensgroßen Helden und Bösewichtern, übernatürlichen Schönheiten und unentdeckten Weiten. Es sei denn, ein Regisseur findet die Sprache, das wirkliche Leben so zu erzählen, dass Träume wie Zeitverschwendung erscheinen. In “Babel” sind die Menschen verloren, übermütig, lüstern, überfordert, einsam, unverstanden, frustriert, hilfsbereit, verletzlich, egoistisch und haben Angst, Angst um ihr Leben und das Leben, der Menschen, die sie lieben. Inarritu geht es vor allem um Eltern und ihre Kinder, wie sie verzweifeln und wie sie füreinander da sind.

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Er lässt mich über die Schulter dieser Menschen schauen und manchmal eine Ewigkeit lang in ihr Gesicht. Dann vergesse ich die anderen Kulturen und Sprachen – und genau das ist es, was er wollte. Auf die Frage, nach der größten Herausforderung bei “Babel” antwortete er:

“To find a way to traverse the borders of language and culture and find a language and visual grammar, coupled with all of the differences, to find a way to communicate through a new cinematic language.”

Filmszene Babel (c) TobisDas ist ihm gelungen. Auch Dank sehr guter Schauspieler – von den überraschenden Laiendarstellern bis hin zu den großen Stars. Zum Beispiel, wenn Richard (Brad Pitt) einem marokkischen Helfer Geld geben will. Der lehnt ab und in Richards Augen ist für einen Augenblick Überraschung, Dankbarkeit und Sorge um seine Frau auf eine Art zu sehen, dass ich diesen Kino-Augenblick nicht mehr vergessen werde.

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Für sieben Oscars ist “Babel” nominiert (Film, Drehbuch, Musik, Schnitt, Regie und für die weibliche Nebenrolle Rinku Kikuchi und Adriana Barraza). Die meisten wären verdient.

Links

Genau hingeschaut bei “Babel” haben die Fünf Filmfreunde und der Abspannsitzenbleiber.
Filmkritiker Herbert Spaich über Familien in den Zeiten der Globalisierung.
Offizielle Website und der Trailer bei YouTube.

(Ursprünglich veröffentlicht am 17. Februar 2007)


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