Triumph der Einbildungskraft


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 15.April 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Vierter und letzter Teil
von Götz Kohlmann

Kriminalschriftsteller Borges [ 5:51 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 35
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im vierten und letzten Teil ist er dem „Kriminalschriftsteller Borges“ auf der Spur.

Borges war fasziniert von Detektivgeschichten. Folgerichtig wandte er sich selbst der Kriminalgeschichte zu, allerdings auf seine ureigene Weise. Auch in „Der Tod und der Kompass“ klingen seine zentralen Themen an – die Geheimnisse, die unwissende Menschheit, die Mystik, mit der sie sich aushilft. Wie auch an anderen Stellen seines Werks ließ sich Borges von der Kabbala, den jüdischen Geheimlehren, inspirieren. Allein der Gangstername „Red Scharlach“ deutet aber an, dass Borges hier in „Der Tod und der Kompass“ genüsslich auch mit Elementen der Trivialliteratur spielt, die ihm gut vertraut war.

Überhaupt scheint er eine diebische Freude daran gehabt zu haben, die disparatesten Motive aus Literatur, Philosophie, Wissenschaft und Religion aller Zeiten und Kulturen zusammenzubrauen. Religionen und Philosophien hielt Borges für Zweige der phantastischen Literatur und ein Fabelplanet wie „Tlön“ hatte für ihn nicht weniger Wahrscheinlichkeit als die Weltbilder von Marx, Buddha, Platon oder des Vatikan, so die Herausgeber Gisbert Haefs und Fritz Arnold in ihrem Nachwort zur Taschenbuchausgabe der „Fiktionen“.

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Ein Punkt, der alle Punkte in sich birgt


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 7.April 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Dritter Teil
von Götz Kohlmann

Das Aleph [ 3:31 ] Jetzt abspielen | Download

Götz liest BorgesPodcast 33
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im dritten von vier Teilen ist er dem geheimisvollen „Aleph“ auf der Spur.

„An jenem strahlenden Februarmorgen, als Beatriz Viterbo starb, nach einem herrscherlichen Todeskampf, der sich keinen Augenblick zu Sentimentalität oder Furcht hinabließ …“

So beginnt „Das Aleph“. Der Vetter jener Beatriz Viterbo, in die der Erzähler verliebt war, schreibt an einem Versepos, das die Erde in ihrer Gesamtheit darstellen soll, an einer kompletten Schilderung des Planeten, die keinen Baum, kein Haus, keine noch so entlegene Insel vergisst. Der Erzähler mit Namen Borges ist zunehmend genervt von der dreisten, geschwätzigen Eitelkeit des Möchtegern-Dichters und sein Verdruss mündet in die sarkastische Feststellung:

„Ich begriff, dass die Arbeit des Dichters nicht im Dichten bestand, sondern im Erfinden von Gründen, die Dichtung herrlich zu finden …“.

Nur die Erinnerung an die unerfüllte Liebe zu Beatriz, die er von ferne anbetete, treibt „Borges“ noch zu den zweifelhaften Treffen mit seinem Bekannten. Zunächst bewegt sich die Erzählung recht unspektakulär und unterhaltsam dahin, getragen von ihrem pathetischen Auftaktsatz. Etwa in der Mitte und wie selbstverständlich schlägt sie um ins Phantastische. Borges verfügt wie Kafka über die Qualität, das Ungeheuerlichste ganz lakonisch vorzutragen. Daneri, der Vetter von Beatriz, offenbart dem Erzähler am Telefon, dass sich im Keller seines Elternhauses ein Aleph befindet, ein Punkt im Raum, der alle anderen Punkte in sich enthält und simultan sichtbar macht. Er habe es schon als Kind entdeckt. Nun drohe er es zu verlieren, da das Haus abgerissen werden solle.

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Das Universum ist eine Bibliothek


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 3.April 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Zweiter Teil

von Götz Kohlmann

Die Lakonie des Ungeheuerlichen [ 5:18 ] Jetzt abspielen | Download

Podcast 32
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im zweiten von vier Teilen ist er der Lakonie des Ungeheuerlichen auf der Spur.

Die Rätsel des Seins, vor allem das Rätsel der Zeit, und die ewigen Grenzen des menschlichen Wissens haben Borges zu einer Reihe wunderbarer Bilder inspiriert. Seine berühmtesten Erzählungen sind Illustrationen der Unendlichkeit, metaphysische Allegorien. Oftmals begegnen darin die Menschen den Ungeheuerlichkeiten, die ihnen widerfahren, recht beherzt oder fast gleichmütig, man möchte sagen mit gutem Humor; sie sind den geheimen Mächten nicht so verzweifelt, um Erlösung kämpfend ausgeliefert wie etwa Kafkas „Helden“. Borges Großmutter väterlicherseits, Fanny Haslam, war Engländerin, und wahrscheinlich hatte Borges von ihr britische Tugenden wie Unerschütterlichkeit und Nüchternheit geerbt, Tugenden, mit denen er auch manche seiner Figuren ausstattete. Er pflegte das angelsächsische Understatement und verfügte über eine große Portion an Ironie.

Die Wirklichkeit, schreibt Borges, ist in Übereinstimmung mit unmenschlichen Gesetzen geordnet, die wir niemals begreifen werden. Eine Bibliothek, die alle nur möglichen Bücher enthält, ein Ort im Raum, der alle anderen Orte der Welt aus allen Blickwinkeln gesehen in sich birgt, ein handliches Buch mit unendlich vielen Seiten, ein Indiojunge, der nichts zu vergessen und sich alles im Gedächtnis zu bewahren vermag – das sind die Imaginationen, die den Erzählungen „Die Bibliothek von Babel“, „Das Aleph“, „Das Sandbuch“ und „Das unerbittliche Gedächtnis“ zugrunde liegen. Um die Unendlichkeit zu illustrieren, bedient sich Borges immer wieder der „Pars pro Toto“-Figur.

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Die Essenz ungeschriebener Romane


Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 26.März 2008

Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Erster Teil

von Götz Kohlmann

Essenz ungeschriebener Romane [ 7:40 ] Jetzt abspielen | Download

teiresias.jpgPodcast 29
Unter den großen Erzählern des 20. Jahrhunderts ist Jorge Luis Borges der einzige, der nie einen Roman geschrieben hat. Man hat ihn oft, manche verhehlten ihr Bedauern kaum, nach den Gründen seiner Zurückhaltung gefragt, und gute Freunde haben ihn vielleicht sogar ermuntert, es doch einmal mit einem Roman zu versuchen. Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im ersten von vier Teilen ist er der autobiographischen Dimension auf der Spur.

Seine erste Antwort lautete, er habe zu wenige Romane gelesen, um einen schreiben zu können, er kenne wohl „Huckleberry Finn“ und „Don Quijote“, aber sonst … das war natürlich eine kokette Untertreibung, denn tatsächlich wird man wohl kaum einen beleseneren Menschen finden als Borges. Eine weitere Erklärung für seine „Scheu“ vor dem Roman kann man dem Vorwort seines ersten großen Erzählbandes „Fiktionen“ entnehmen – erschienen 1944.

Darin bezeichnet er es als einen „mühseligen und strapazierenden Unsinn, dicke Bücher zu verfassen“. Ein besseres Verfahren sei es, so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits, und ein Resümee, einen Kommentar vorzulegen. Also habe er „aus größerer Gewitztheit, größerer Unbegabtheit, größerer Faulheit das Schreiben von Anmerkungen zu imaginären Büchern“ vorgezogen. Borges nennt anschließend zwei der Erzählungen des Bandes als Beispiel für diese Methode, doch scheinen fast alle seine Erzählungen Exposés zu nicht geschriebenen Romanen zu sein.

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