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Im Labyrinth des Sadismus


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Allgemein, Kino am 27.Februar 2007

Pan und Ophelia (c) SenatorGerade gesehen: Thomas über “Pans Labyrinth”
Es gibt solche Filme, in denen man wartet und wartet, bis einen das irgendwie berührt, was da auf der Leinwand passiert. Und es passiert einfach nicht. So ein Film ist “Pans Labyrinth”. Dabei wird er von den meisten Kritikern (zum Beispiel dem Abspannsitzenbleiber) überschwänglich gefeiert – ein Meisterwerk des Fantasy-Genres sei er, ein anspruchsvolles Horrormärchen. Und “Filmstarts” schreibt:

“Die perfekt gelungene Gratwanderung zwischen Alptraum und Coming-Of-Age in der Welt des spanischen Bürgerkriegs machen “Pans Labyrinth” zu einem Must-See-Erlebnis jenseits jeglichen Klischees des Popcornkinos.”

Nein. Wirklich nicht. Wenn man genau hinschaut, sind es vor allem Klischees, die man in der Mitte dieses Labyrinths findet. Regisseur Del Toro erzählt ein Märchen: Dass alles gut wird, wenn auch erst in einem jenseitigen Leben. Dass Prüfungen zu bestehen sind, damit aus dem kleinen Mädchen eine Feenprinzessin wird. Märchen spielen in der Welt des Wunderbaren und sie können eine erschreckende Gewalttätigkeit an den Tag legen. Das ist ganz nach dem Geschmack von Del Toro. Er beschreibt seinen Film als

“ein Märchen, das den einfachen Mechanismen des Märchens folgt, aber emotional und visuell für Erwachsene gedacht ist – also nichts, was Sie sich am Sonntagnachmittag zusammen mit Kindern ansehen sollten.”

Pan (c) SenatorKindern ist dieser Film in der Tat nicht zu empfehlen. Denn gerade in der Darstellung der realen Welt des faschistischen Spaniens im Jahr 1944 schwelgt der Film in sadistischen Gewaltdarstellungen. Hauptmann Vidal (Sergi Lopez) foltert und mordet und die Kamera ist immer dabei. Vidal und seinen Schergen stehen die Gutmenschen des Widerstands gegenüber. Sie leben in den Wäldern wie einst Robin Hood und sollen wohl die Hoffnung auf eine bessere Welt verkörpern. Das alles ist mit einem sehr dicken Pinsel in Schwarz und Weiß gemalt und darüber liegt dann noch ein schwülstiger Soundtrack, der jede subtile Atmosphäre im Keim erstickt.

Der Kinderverschlinger (c) SenatorDie Kombination aus intelligenzbeleidigender Naivität und Lust an der Gewalt erscheint mir ausgesprochen katholisch. Und verdirbt mir dann leider jeden Spaß am wirklich gelungenen Produktionsdesign: Pan redet zwar wie ein Fantasy-Stereotyp, aber er sieht wirklich aus, als hätte ihn Arthur Rackham persönlich gezeichnet. Und das Katholische verdirbt mir auch den Spaß an den beeindruckenden Schauspielern, gekonnter Kameraführung und einem wirklich surrealen, kinderverschlingenden Ungeheuer. Zumindest kann man Del Toro nicht vorwerfen, er stünde nicht hinter dieser sehr eigentümlichen Art der spanisch-lateinamerikanischen Vergangenheitsbewältigung. Kameramann Guillermo Navarro erklärt:

“Guillermo del Toro musste seinen Film und sein Drehbuch mit Händen und Füßen verteidigen, die Geldgeber meinten, die Geschichte sei viel zu hart, zu gewalttätig, aber er ging keine Kompromisse ein. So hat der Film gerade in dieser Kombination etwas sehr Wahrhaftiges bekommen, und ermuntert vielleicht auch andere, dass man auch so Geschichten über den Faschismus erzählen kann, ohne ein Pamphlet zu machen.”

Wahrhaftig? Nun ja. Subtile Filme sind eigentlich eine Stärke der mexikanischen Regisseure der Gegenwart – das hat Inarritu mit “21 Gramm” und “Babel” ebenso bewiesen wie Cuaron mit “Children of Men” (der hier als Produzent auftritt). Del Toro hingegen ist dann am besten, wenn er seine groben Farben mit Humor mischt – wie in “Hellboy”. Gerade dreht er “Hellboy 2″. Da wird Del Toro seine Kunstfertigkeit mit mehr Erfolg einsetzen. Ist ja auch kein Märchen.
Ganz anderer Meinung ist Oliver Naujoks. Auch für ihn ist “Pans Labyrinth” ein Meisterwerk. Ebenso für den Kinokritiker Florian Kummert.
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3 Kommentare Im Labyrinth des Sadismus Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Allgemein, Kino am 27.02.2007

3 Kommentare
  1. Thomas Meirich 28.Februar 2007

    Hart – aber gerecht. Dem kann ich mich in weiten Teilen anschließen. Freilich, wer sich von dem “wirklich gelungenen Produktionsdesign”, “den beeindruckenden Schauspielern, gekonnter Kameraführung und einem wirklich surrealen, kinderverschlingenden Ungeheuer” (sehe ich alles auch so) einfangen lassen kann, der bekommt feines Illusions-Handwerk geboten (das weitgehend ohne die üblichen US-Fantasy-Blockbuster-Klischees und Mätzchen auskommt). Das “hatte” mich immerhin auf der Schau-Seite bis kurz vor dem höchst zuckerhaltigen Finale.
    Am Ende bleibt aber doch leider nur ein Nachgeschmack Marke Fishermans Friend: auf der Zunge kurz scharf, aber nicht die wahre Medizin, wenn’s unten im Hals kratzt.

  2. Sigmar 28.Februar 2007

    “Pans Labyrinth” ist zwar kein Meisterwerk, doch ganz so schlecht wie dargestellt ist der Film nicht. Eine positive Rezeption gestaltet sich schwierig, wenn man sich mit einer oder mehrerer Figuren eines Films identifizieren können möchte, da del Toro mit seinen Figuren auf Distanz zum Betrachter geht. Dies ist keine Schwäche des Films, sondern eine Folge der Konzeption und des Inhalts.

    Zu Beginn weist uns der Regisseur darauf hin, dass der Mensch von Geburt an verdorben sei; del Toro zielt dabei auf die mittelalterliche Erbsünde ab, nach der das Leben des Menschen nur darin bestünde, die seit Adam und Eva aufgeladene Schuld durch ein gottesfürchtiges Verhalten und christliche Taten im Sinne des katholischen Glaubens abzutragen. Wie gefährlich eine solche Lebenseinstellung sein kann, lässt sich an zahlreichen historischen Ereignissen ablesen. Als Betrachter von “Pans Labyrinth” wissen wir durch dieses Bekenntnis, dass die folgende Geschichte allegorische Ebenen haben muss – und solche lassen sich kaum mehr erkennen, wenn Identifikationen mit einzelnen Figuren möglich sind.

    Del Toro möchte keine Episode aus dem spanischen Widerstandskampf mit dokumentarischem Anspruch darstellen, es scheint ihm vielmehr um Bewältigungsstrategien in lebensgefährlichen Extremsituationen zu gehen. Die Grausamkeiten des Hauptmanns Vidal (FSK 18 wäre angebracht gewesen) kontrastieren die Aktionen des kleinen Mädchens Ofelia oder des Hausmädchens Mercedes (die in einen der Widerstandskämpfer verliebt ist und der Guerilla-Truppe hilft). Auf der einen Seite ein von Ideologie durchdrungener Offizier, der maschinenhaft seinen Auftrag mit aller Gewalt ausführt, er lebt in einer temporären politischen ‘Fantasiewelt’, die mit dem Wunderbaren und mit Menschlichkeit nichts zu tun hat – das eindeutig Böse in diesem ‘Märchen’. Auf der anderen Seite die ‘guten’ Menschen, die in einer imaginären Welt Zuflucht suchen (Ofelia über weite Strecken des Films) oder für eine bessere Wirklichkeit mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen (Mercedes, der Arzt und auch Ofelia gegen Ende der Geschichte).

    Die Verknüpfungen zwischen Ofelias Ausflügen ins Reich Pans, der Feen sowie anderer Fabelwesen und der brutalen realen Situation sind teils nur angedeutet und müssen über einzelne Details erschlossen werden (vergleichbar des allegorischen Schriftsinns im Mittelalter). Auch in der Fantasiewelt existieren Gut und Böse, muss sich Ofelia gegen schreckliche Wesen behaupten und Versuchungen widerstehen (was ihr aber nicht gelingt); diese ‘Parallelwelt’ kann nach dem Konzept nicht anders gestaltet sein. Ich werde das hier nicht weiter ausführen, um den Lesern, die den Film noch nicht gesehen haben, dieses Vergnügen zu lassen.

    Zu den schauspielerischen Leistungen und den technischen Finessen haben die vorherigen Kritiker schon genug geschrieben. Ein “schwülstiger Soundtrack, der jede subtile Atmosphäre im Keim erstickt”, ist dem Inhalt durchaus angemessen: die triste und aufgesetzt bzw. gekünstelt wirkende Musik passt zu der realen Welt des Films und unterstützt die Schaffung der gewünschten Distanz.

    Del Toros “Pans Labyrinth” lässt viele Wünsche offen, gerade das Ende enttäuscht ein wenig (ist aber konzeptionell stringent, die Heldin stirbt und findet ihre Erlösung, der Bösewicht wird getötet und die ‘guten’ Menschen siegen). Dennoch ist es ein sehenswerter Film, der u. a. für Menschlichkeit und für den Glauben an das Wunderbare (den Erwachsene häufig verloren haben) plädiert. Diese Aspekte lassen sich unabhängig von den durchaus fragwürdigen katholischen Implikationen des Regisseurs rezipieren und können Betrachter zu weiteren Überlegungen und Diskussionen anregen (z. B. auch hinsichtlich des Titels) – und darin ist vielleicht der positivste Effekt des Films zu sehen.

  3. Thomas 28.Februar 2007

    @ Sigmar: Vielen Dank für diesen ganz anderen Blick auf den Film – zu einigen angesprochenen Aspekten ist mir zugegebenermaßen der Blick verstellt gewesen.

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